In LE CORSET verarbeitet Louis Clichy Erfahrungen aus seiner eigenen Kindheit: das Aufwachsen in einer Bauernfamilie, das Tragen eines Korsetts und die Suche nach dem eigenen Platz. Im Gespräch erzählt der französische Regisseur von der Welt der Beauce, vom Umbruch in der Landwirtschaft, von Musik als Möglichkeit zur Emanzipation und vom Einfluss des japanischen Animationsfilms. Doris Senn hat Louis Clichy für uns am Zurich Film Festival getroffen.
Louis Clichy | LE CORSET
Louis Clichy / LE CORSET
Der Animationsfilm von Louis Clichy spielt in den 80ern in der Beauce, einer ausgedehnten Landwirtschaftsgegend südwestlich von Paris. LE CORSET erzählt die Geschichte des elfjährigen Christophe, der aus medizinischen Gründen ein Korsett tragen muss. Sein Vater ist Bauer – sein älterer Sohn, JB, geht ihm zur Hand und will seine Nachfolge antreten. Doch die Landwirtschaft ist im Umbruch, das Überleben des kleinen Betriebs gefährdet, während Christophe seinen Platz in dieser Welt sucht. Mit Tuschstrich und Aquarellfarben evoziert LE CORSET eindrücklich die weite Landschaft und erzählt mit präzis gesetzten Details und viel Humor eine alles andere als lustige Kindheit. Am Animationsfilmfestival in Annecy (F) wurde LE CORSET mit den drei wichtigsten Preisen ausgezeichnet und in Cannes mit einem Jury-Spezialpreis in der Sektion «Un Certain Regard». Der Film überzeugt durch seine Ästhetik und die äusserst einnehmende, spannungsreiche Geschichte. Sehr sehenswert!
INTERVIEW | LOUIS CLICHY | LE CORSET
Mit Louis Clichy sprach Doris Senn
LE CORSET erzählt von Christophe und seinem Weg ins Erwachsenenleben. Im Zentrum steht sein Problem, aufrecht stehen zu können, weshalb er ein Korsett tragen muss – und dies in einem Milieu, in dem physische Arbeit an oberster Stelle steht. Wie ist die Story entstanden?
Am Anfang stand meine eigene Geschichte. Ich komme aus einem ländlichen Milieu, meine Eltern waren Bauern und wechselten den Beruf, als ich zehn war. Zudem musste ich ebenfalls ein Korsett tragen als Kind. Ich habe diese verschiedenen Geschichten zu einem Coming-of-Age-Film kombiniert: um den nicht einfachen Übergang vom Jungen zum Erwachsenen zu zeichnen und um zu zeigen, wie es ist, seinen Platz in der Familie, unter den Geschwistern zu finden. Dies alles in einem bäuerlichen Umfeld, das eher in sich gekehrt und verschlossen ist.
Der Film spielt in der Beauce, in der Nähe von Chartres. Erzählen Sie uns von dieser Region.
Die Beauce ist eine wenig bekannte Gegend – auch wenn sie seit dem Mittelalter als Kornspeicher Frankreichs gilt. Eine sehr fruchtbare Gegend, die vor allem Weizen produziert. Nicht sehr schön und sicher nicht touristisch. In jüngerer Zeit wurde das Land systematisch gerodet und alle Bäume gefällt. Von dieser Gegend, in der ich selbst aufgewachsen bin, wollte ich erzählen – und von einem Meer aus Getreide.
Christophe sucht seinen Platz in der Familie und der Welt – und dies in einem Kontext, in dem wenig gesprochen wird und Emotionen, vor allem positive, eher verborgen als gezeigt werden …
Der Film erzählt tatsächlich von einer eher patriarchalen Familie: Der Vater ist die zentrale Instanz, die Mutter fügt sich, der Älteste tritt in die Fussstapfen des Vaters. Christophe ist in der Mitte, zwischen JB und der kleinen Schwester, und er muss sich behaupten: Es gibt sehr wohl Kameradschaft zwischen ihm und JB, aber es gibt auch Rivalität und Eifersucht. Diese Dynamik einer Kleinfamilie zu erzählen, hat mich fasziniert.
LE CORSET ist Ihr erstes grosses eigenes Projekt. Was waren für Sie dabei die grossen Herausforderungen?
Die grosse Herausforderung war in erster Linie, die Leute davon zu überzeugen, diesen Film zu produzieren – und damit ein Projekt, das ein bisschen für Kinder ist, aber auch für Erwachsene, in dem es um einen Jungen mit Handicap geht, das auf dem Land spielt, das aber nicht sehr idyllisch ist, und das alles in den fernen 80ern … Ausserdem handelt der Film von Themen, die eher althergebracht und konservativ sind, ohne dass ich deshalb einen konservativ-traditionalistischen Film realisieren würde. Dies gut rüberzubringen, war eine komplexe Sache! Doch als das geschafft war, die Verantwortlichen an meine Geschichte glaubten und die Mittel für die Entwicklung gesprochen waren, konnte ich mich an die Umsetzung machen – an die ich mich als eine sehr produktive, glückliche Zeit erinnere.
Wie lange hat die Entstehung des Projekts schliesslich gedauert – von der Idee bis zum fertigen Film?
Die Idee für den Film – damals war es noch ein Kurzfilmprojekt – hatte ich schon 2005. Dann habe ich andere Sachen gemacht … [Louis Clichy arbeitete für Pixar in den USA und realisierte, zurück in Frankreich, mit Alexandre Astier zwei Asterix-Filme, von denen der erste, ASTÉRIX: LE DOMAINE DES DIEUX, 2014 in Frankreich für den César als bester Animationsfilm nominiert wurde, Anm. d. A.] Als es erneut darum ging, ein eigenes Projekt zu realisieren, tauchte die Idee von damals wieder auf – nun aber als Langfilm. Dies deshalb, weil ich mit der Geschichte über das Heranwachsen auch über die Landwirtschaft und ihre Probleme reden wollte.
Wann begann dann die eigentliche Realisierung?
Mit dem Projekt angefangen habe ich 2019/20, in der Zeit von Covid. Wirklich gestartet mit der Filmrealisierung haben wir dann Ende 2022, um bis Anfang 2026 daran zu arbeiten. Die Animation funktioniert dabei sehr anders als ein Film mit Schauspieler und Direktaufnahmen: Man macht zuerst das Storyboard, auch die Montage passiert schon in dieser Phase. Dann wird nichts mehr geändert: Die Geschichte bleibt so, wie sie ist. Es folgten die Aufnahmen der Stimmen – auf einem richtigen Bauernhof mit wirklichen Menschen. Auf diesen Gesprächsaufnahmen, die vorab gemacht werden, basieren dann die Zeichnungen. Die Aufnahmen bilden meine Basis – wie überhaupt die Tonebene für mich sehr wichtig ist.
Die Musik ist für Christophe ein Mittel, um sich aus seiner Realität und seinem Umfeld zu lösen – was nicht zuletzt durch seine Orgelstunden passiert. Welche Bedeutung hat die Musik in Ihrem Film
Zuallererst wollte ich dem Film keine Hintergrundsmusik verpassen. Ich wollte keine extradiegetische Musik, das bedeutet, dass alle Musik, die man hört, eine Quelle im Film hat beziehungsweise diese im Bild sichtbar ist. Die Musik interessierte mich hier insbesondere als ein Medium, das Emanzipation ermöglicht – nicht zuletzt in und über die Figur von Michel, dem Orgellehrer, der für Christophe zu einem zweiten Vater wird. Ich fand aber auch die Orgel als Instrument sehr passend für meine Geschichte: Sie ist eine enorme Apparatur – wie der Traktor oder das Korsett –, ebenso hart und wuchtig.
Und wie kamen das Requiem von Gabriel Fauré und Stéphanie de Monacos OURAGAN ins Spiel?
Das Requiem von Gabriel Fauré ermöglichte es mir, mit dem Chor weitere Personen in die Geschichte zu integrieren. Zudem habe ich selbst in einem Chor mitgemacht, was mir sehr Spass gemacht hat. Am anderen Ende des Spektrums steht dann das Chanson OURAGAN von Stéphanie de Monaco, das in Frankreich sehr bekannt und emblematisch für die Popmusik der 80er ist. Es stellte für mich eine fast schon spirituelle Verbindung zu jener Zeit her, in der ich selbst gross geworden bin.
Was ist Ihre Beziehung zum Animationsfilm – haben Sie Idole oder Schlüsselfilme in diesem Genre
Ich liebe die Animes der 90er-Jahre – etwa die Serie DRAGON BALL Z, in der es um Action und Kampfkunst geht und die im TV gezeigt wurde. Dann liebe ich Disney über alles. Erst als ich LE CORSET fertig hatte, wurde mir bewusst, dass er fast dieselbe Erzählstruktur hat wie LION KING, dessen Geschichte letztlich universell ist und auch etwas von HAMLET in sich trägt. Schliesslich liebe ich das Studio Ghibli und die Filme von Miyazaki und Takahata – etwa SPIRITED AWAY. Sie inspirierten mich sowohl in Bezug auf die Technik als auch auf die Art, Geschichten zu erzählen.
Ist die magische Fähigkeit, die Christophe in LE CORSET entfalten kann – sei es, wenn er vor Wut platzt, bei seinem ersten Kuss oder wenn die Musik ihn überwältigt –, diese magische Macht, mit der er die Welt in Schräglage versetzt, von Erzählungen des Studio Ghibli abgeleitet?
Nicht wirklich. Was ich jedoch davon mitgenommen habe, ist vielmehr die Idee, offenzulassen, ob etwas nun in der Realität passiert oder nur in der Vorstellungskraft. In der japanischen Kultur gibt es das Sakrale, das Spirituelle, die Magie – in engem Verbund mit der Realität, was es jeweils schwierig macht, zu entscheiden, was in Wirklichkeit geschieht und was nur in der Imagination.
Diese Ambiguität war Ihnen also wichtig?
Für uns und unsere Kultur, in der wir mit beiden Füssen auf der Erde stehen, ist das eine eher schwierige Vorstellung. Im Film wollte ich, dass eine solche Ambiguität erhalten bleibt und ich mich nicht entscheiden muss zwischen Fantasie und Realität.
Wohin bringt Sie Ihr Film als Nächstes?
Im Oktober soll ein illustrierter Roman erscheinen, adaptiert von Emmanuel Villin, Autor von Romanen und Kinderbüchern, der auf LE CORSET basiert und zu dem ich rund 20 Zeichnungen beigesteuert habe. Mit dem Film reise ich in der nahen Zukunft nur beschränkt – ich vermeide es aus ökologischen und politischen Gründen, das Flugzeug zu nehmen. Von daher passte die Einladung nach Zürich perfekt.
Ich bedanke mich sehr für das Gespräch!
