Marie Kreutzer sagt, Liebe lasse sich nicht einfach abschalten – selbst dann nicht, wenn ein geliebter Mensch etwas Ungeheuerliches getan hat. Im Interview spricht sie über ihre intensive Recherche zu sexuellem Missbrauch, darüber, wie sehr sie die unterschiedlichen Wege zur Täterschaft erschütterten, weshalb GENTLE MONSTER Philipp bewusst nicht zum Dämon macht und warum Wegschauen für sie viel früher beginnt als die eigentliche Tat. Sie erzählt auch von Reaktionen Betroffener – und davon, weshalb sie nach dem Fall Florian Teichtmeister erst recht wusste, dass sie diesen Film machen musste.
Marie Kreutzer | GENTLE MONSTER
- Publiziert am 2. Oktober 2026
«Ich glaube, wir sind alle Gentle Monster. Wir machen Fehler, haben blinde Flecken und tragen auch das Potenzial in uns, Böses zu tun.»
Interview mit Marie Kreutzer
Für arttv.ch hat Felix Schenker Marie Kreutzer im Rahmen des Zurich Film Festival getroffen.
arttv.ch: Lucy erfährt etwas Ungeheuerliches über den Menschen, mit dem sie ihr Leben teilt. Trotzdem verschwindet ihre Liebe zu Philipp nicht einfach. War es Ihnen wichtig, dem Publikum genau diesen schwer auszuhaltenden Widerspruch zuzumuten?
Marie Kreutzer: Absolut. Das ist das Dilemma. Wenn wir von einem solchen Fall erfahren und er weit weg ist oder eine prominente Person betrifft, urteilen wir sehr schnell. Wenn es aber jemand aus dem eigenen Umfeld ist, wird es ungleich schwieriger. Wir kennen doch alle diesen Satz: «Das kann ich mir bei dem nicht vorstellen.» Genau davon erzählt der Film. Wir alle wissen, wie es ist, enttäuscht oder getäuscht zu werden. Trotzdem verschwinden die Gefühle für einen Menschen nicht von einem Moment auf den anderen. Die Wunden müssen erst heilen. Das ist sehr menschlich – darin liegt Lucys Dilemma.
Sie wollten also Verständnis für Lucy ermöglichen, ohne Philipps Handeln zu relativieren. Wie schwierig war es, diese Balance zu finden?
Das war eine Herausforderung. In den Drehbuchbesprechungen gab es durchaus heftige Diskussionen darüber, ob man mit Lucy noch mitgehen kann, weil sie nicht immer das tut, was man von aussen betrachtet für richtig hält. Aber genau das war für die Geschichte entscheidend: Sie ist ein Mensch mit Gefühlen, ein verletzter Mensch, der gewissermassen verschiedene Stationen der Trauer durchläuft. Sie verhält sich nicht immer so, wie wir es uns wünschen würden – und trotzdem können wir nachvollziehen, weshalb sie in diesem Moment so handelt.
Eine der stärksten Szenen ist die Begegnung zwischen Lucy und Philipps Mutter Inge am See. Inge macht Lucy klar: Philipp bleibt ihr Sohn – so wie Johnny immer Lucys Sohn bleiben wird. Ist das eine Schlüsselszene für Sie?
Ja, absolut. Auch weil Regina Fritsch, die Philipps Mutter spielt, eine Schauspielerin ist, die ich sehr liebe und mit der ich schon oft gearbeitet habe. Es ist für ihre Verhältnisse eine kleine Rolle, aber ich wollte sie unbedingt dabei haben. Gedreht haben wir zudem an meinem Lieblingssee, dem Altausseer See im Salzkammergut. Die Szene bringt etwas Entscheidendes auf den Punkt: Liebe kann man nicht einfach abschalten. Auch die Liebe und das Verantwortungsgefühl einer Mutter gegenüber ihrem Sohn verschwinden nicht aufgrund dessen, was er getan hat. Ich bewerte das als Regisseurin und Autorin nicht. Ich glaube aber, dass wir nachvollziehen können, wie schmerzhaft es sein muss, etwas derart Schreckliches über das eigene Kind zu erfahren.
Bei Ihrer Recherche haben Sie sich intensiv mit sexuellem Missbrauch beschäftigt. Was hat Sie dabei besonders erschüttert?
Dass es sehr unterschiedliche Formen und Ursachen gibt. Es gibt Menschen mit einer ausschliesslich pädophilen Neigung, andere leben gleichzeitig sexuelle Beziehungen mit Erwachsenen. Besonders erschütternd fand ich aber die Erkenntnis, dass ein grosser Teil der Täter gar keine pädophile Präferenz hat, sondern aus anderen Gründen übergriffig wird. Es gibt sehr viele Wege, die zu solchen Taten führen können. Für mich wurde das Problem dadurch während der Recherche immer grösser.
Die Idee zu GENTLE MONSTER entstand bereits 2020. Einige Jahre später wurde bekannt, dass Florian Teichtmeister, mit dem Sie bei CORSAGE gearbeitet hatten, wegen des Besitzes von Missbrauchsdarstellungen angeklagt wurde. Sie haben erzählt, dass Sie zunächst daran dachten, den Film vielleicht gar nicht mehr machen zu können. Weshalb kamen Sie schliesslich zum gegenteiligen Schluss?
Irgendwann wurde mir klar, dass ich ihn wahrscheinlich erst recht machen muss. Denn damit hatte sich etwas bestätigt, das am Anfang meiner Recherche stand: die Erkenntnis, dass ich mit Sicherheit auch Täter kenne. Ich empfand es deshalb als die ehrlichere und richtigere Antwort, mit einem Film darüber zu sprechen, statt mich von dem Thema abzuwenden und nichts mehr damit zu tun haben zu wollen. Genau dieses Wegschauen ist ja oft Teil des Problems.
Haben Sie Reaktionen von Menschen bekommen, die selbst von sexuellem Missbrauch betroffen waren?
Ja, ich habe einige Nachrichten von Betroffenen über Social Media erhalten. Das sind oft Menschen, die sich nicht öffentlich bei einem Q&A zu Wort melden würden, mir aber persönlich schreiben. Das berührt mich sehr. Dass Menschen das Gefühl haben, sie könnten sich mir öffnen und mir ihre Sicht auf den Film schildern, empfinde ich als grosses Geschenk. Eine Betroffene schrieb mir sogar, sie habe den Film als heilsam erlebt. Für sie war wichtig, dass am Ende klar ist: Lucy muss mit dem Geschehenen leben, aber sie wird nicht mit Philipp weiterleben.
Philipp wird weder als dämonisches Monster inszeniert noch psychologisch vollständig erklärt. Gerade dadurch wirkt er irritierend menschlich. War Ihnen diese Perspektive von Anfang an wichtig
Ja. Das ist genau der Konflikt, den ich zeigen wollte. Wir sehen Philipp immer aus Lucys Perspektive und können ihn deshalb gar nicht anders wahrnehmen. Menschen, die mir schreiben, sagen häufig genau das: Es seien eben oft diejenigen, bei denen man es nicht vermutet, die freundlich wirken und bei denen niemand denkt, dass sie zu so etwas fähig wären.
Sie beantworten nicht alle Fragen
Ja, mir war wichtig, nicht alle Antworten zu liefern. Lucy muss mit den offenen Fragen leben. Das entspricht viel stärker der Realität. Wir erleben mit Menschen etwas und denken: Irgendwann werden wir darüber reden, irgendwann wird sich alles aufklären. Sehr oft passiert das nicht. Mit etwas leben zu müssen, das man nicht ganz versteht und über das man nicht alles weiss, finde ich häufig tragischer, als sämtliche Antworten zu bekommen. In der Fiktion sind wir allerdings gewohnt, dass Bücher und Filme uns diese Antworten liefern.
Mit Elsa gibt es eine zweite zentrale Figur. Als Polizistin verfolgt sie sexuelle Übergriffe mit grosser Klarheit. Als ihr dementer Vater Hermann gegenüber seiner Pflegerin Natalia übergriffig wird, gerät diese Klarheit ins Wanken. Wollten Sie damit thematisieren, wie sehr sich unser moralischer Blick verändert, sobald ein geliebter Mensch betroffen ist?£
Ja. Ich wollte zeigen, dass ein Übergriff für mich schon früher beginnt: wenn wir wegschauen, wenn wir Dinge geschehen lassen. Das kann bereits damit anfangen, dass wir über einen sexistischen Witz einfach hinweglachen. Problematisch wird es nicht erst an dem Punkt, an dem Philipp steht. Wenn der Film nur von Philipps Tat erzählen würde, könnten wir uns leicht davon distanzieren. Aber wahrscheinlich waren wir alle schon einmal in einer Situation, in der wir wussten, dass wir eigentlich einschreiten oder sagen müssten: «Das geht so nicht.» Und wir haben es vielleicht aus Bequemlichkeit oder aus Scheu nicht getan.
Léa Seydoux spielt Lucy sehr zurückgenommen. Oft genügt ein Blick oder eine kleine Bewegung, und man versteht, was in ihr vorgeht. Wie viel davon war bereits im Drehbuch angelegt und wie viel entstand in der Zusammenarbeit mit ihr?
Die Szenen und auch die Dialoge standen im Drehbuch. Aber natürlich werden sie erst von den Darsteller mit Leben gefüllt. Ich schreibe nicht jeden Blick ins Drehbuch. Da bleibt viel Freiheit. Bei diesem Film haben wir häufig sehr unterschiedliche Takes gemacht – manche emotionaler, manche zurückgenommener. Den emotionalen Bogen baut man letztlich auch im Schnitt. Bei einer grossartigen Schauspielerin wie Léa braucht es oft erstaunlich wenig. Manchmal kann sogar ein Satz wegfallen. Die Situation selbst ist bereits dramatisch genug – dann reicht ein Blick. Ich liebe Schauspieler:innen, die subtil spielen, ganz im Moment sind und der Kamera vertrauen. Die Kamera sieht sowieso alles.
Der Titel GENTLE MONSTER ist ein starker Widerspruch. Wer oder was ist für Sie eigentlich das «Gentle Monster»? Philipp? Oder vielmehr unsere Vorstellung, ein Monster müsse auch als Monster erkennbar sein?
Ich glaube, wir sind alle Gentle Monster. Wir machen alle Fehler, haben blinde Flecken und tragen auch das Potenzial in uns, Böses zu tun. Vieles hängt davon ab, wie wir aufgewachsen und sozialisiert worden sind oder ob wir selbst Gewalt erfahren haben. Das haben wir nicht in der Hand. Aber wir kommen im Leben immer wieder an Punkte, an denen wir entscheiden können: Tun wir jetzt das Richtige oder nicht? Für mich reflektiert der Titel diese vielen unterschiedlichen Seiten, die wir als Menschen in uns tragen.
Elsa ist in vielem ein Gegenpol zu Lucy: kontrolliert, sachlich und beruflich daran gewöhnt, mit schrecklichen Dingen umzugehen. War dieser Gegensatz auch dramaturgisch wichtig?
Ja. Elsa bildet ein Gegengewicht zur Dramatik von Lucys Geschichte. Mir war wichtig, denselben Fall auch aus der Perspektive einer Polizistin zu zeigen: Auf der einen Seite zerbricht eine Familie, auf der anderen Seite ist es für die Polizei einer von vielen Fällen, die bearbeitet werden müssen. Elsas Pragmatismus im Leben und im Beruf steht im Kontrast zu der emotionalen Wucht auf Lucys Seite. Da treffen das Private und das Professionelle aufeinander.
Schon in CORSAGE haben Sie weniger die historische Oberfläche interessiert als die Erwartungen und Abhängigkeiten, denen Frauen ausgesetzt sind. Gibt es darin eine Verbindung zu GENTLE MONSTER?
Ja, ich glaube, das kommt in meinen Filmen immer wieder vor. Es ist gelebte Realität. Davon komme ich nicht weg.
Vielen Dank für das Gespräch

