Niki hält sich und ihre beiden Kinder mit zwei Jobs über Wasser. Als die Situation eskaliert und Leonie und Jimmy in einer Pflegefamilie untergebracht werden, beginnt ein Kampf, bei dem Jan-Eric Mack erfreulicherweise auf klare Schuldzuweisungen verzichtet. A HAPPY FAMILY kennt weder die böse KESB noch die makellose Mutter, dafür viel Menschlichkeit, überraschenden Humor und eine zunehmende Spannung. Und dann ist da noch die Musik von Thomas Kuratli: ein Soundtrack, bei dem man schon jetzt an den nächsten Schweizer Filmpreis denken sollte.
A HAPPY FAMILY – Wow, nur schon dieser Soundtrack!
- Publiziert am 25. September 2026
Jan-Eric Macks Familiendrama berührt und begeistert mit einem grossartigen Ensemble – und zwei Kinderdarsteller, denen man stundenlang zusehen könnte.
A HAPPY FAMILY | SYNOPSIS
Niki hat zwei Jobs, kein Geld und nie Zeit. Nach einem Brand gerät Nikis Leben aus den Fugen. Ihre beiden Kinder werden in einer Pflegefamilie untergebracht. Mit verändertem Aussehen und neuer Identität nimmt Niki heimlich am Leben ihrer Kinder teil. Als Niki aufzufliegen droht, steht für sie alles auf dem Spiel.
A HAPPY FAMILY | REZENSION
Für uns hat Felix Schenker den Film am Zurich Film Festival gesehen.
Ein Ensemble, das trägt
Anna Schinz spielt Niki mit beeindruckender Kraft. Keine idealisierte Mutter, sondern eine Frau, die liebt, kämpft, Fehler macht, Grenzen überschreitet und trotzdem nie aufhört, für ihre Kinder da sein zu wollen. Ebenso überzeugend ist Julia Jentsch als Pflegemutter Sabine. Auch sie wird nicht zur Gegenspielerin aufgebaut, sondern bleibt eine Figur, deren Haltung und Gefühle nachvollziehbar sind. Fast noch erstaunlicher ist, wie natürlich Annalisa Ferriani als Leonie und Lir Kunkel als kleiner Jimmy vor der Kamera agieren. Man fragt sich tatsächlich: Wie um alles in der Welt gelingt es einem Regisseur, Kinder derart unverkrampft und selbstverständlich spielen zu lassen? Rund 500 Kinder wurden für die Rollen gecastet, bevor Mack seine beiden jungen Darsteller fand. Danach setzte er auf Workshops, Vertrauen und eine offene Auseinandersetzung mit der Geschichte. Das Ergebnis ist verblüffend. Man sieht keine Kinder, die versuchen, besonders gut zu spielen. Man sieht Leonie und Jimmy. Gerade beim kleinen Jimmy gibt es Momente, in denen man beinahe vergisst, dass überhaupt eine Kamera dabei ist.
Keine böse KESB, keine heilige Mutter
Mindestens ebenso stark ist die Haltung des Films gegenüber seinem Thema. A HAPPY FAMILY macht es sich nicht bequem. Hier steht nicht die böse KESB auf der einen und die arme, unschuldig verfolgte Mutter auf der anderen Seite. Niki gerät unter enormen sozialen und finanziellen Druck, doch der Film verschweigt ihre Fehler nicht. Gleichzeitig werden die Behörden nicht zu herzlosen Bürokrat erklärt, die einer liebenden Mutter mutwillig die Kinder wegnehmen. Mack interessiert sich vielmehr für den schwierigen Zwischenraum: Was geschieht, wenn eine Mutter ihre Kinder zweifellos liebt, ihnen aber zeitweise nicht jene Sicherheit bieten kann, die sie brauchen? Wer darf beurteilen, was für Kinder das Beste ist? Und was passiert, wenn diese in einer neuen Umgebung Bindungen entwickeln, während ihre Mutter weiterhin um sie kämpft? Gerade deshalb funktioniert auch Julia Jentsch als Pflegemutter so gut. Sabine ist keine Konkurrentin, die Niki ihre Kinder wegnehmen will. Sie sorgt für Leonie und Jimmy und entwickelt eine Beziehung zu ihnen. Damit wird die Situation nicht einfacher, sondern menschlich noch komplexer.
Dieser Soundtrack!
Und dann ist da diese Musik. Thomas Kuratlis Soundtrack fällt sofort auf, ohne sich je vor die Bilder zu drängen. Er verstärkt Spannung und Melancholie und trägt gleichzeitig jene Mischung aus Hoffnung, Wut und Verzweiflung mit, die die Atmosphäre von A HAPPY FAMILY entscheidend mitprägt. Wenn es nach arttv.ch geht, darf Thomas Kuratli dafür schon jetzt für den nächsten Schweizer Filmpreis in der Kategorie Beste Filmmusik vorgemerkt werden. Bemerkenswert ist zudem, wie viel Leichtigkeit sich der Film trotz seines schweren Themas erlaubt. A HAPPY FAMILY ist emotional und stellenweise schmerzhaft, lässt aber immer wieder heitere und mitunter herrlich absurde Momente zu. Das tut ihm ausgesprochen gut. Bei allzu vielen Dramen bleibt der Humor als Erstes auf der Strecke, als wäre Lachen angesichts schwieriger Lebensumstände unangebracht. Das wirkliche Leben ist widersprüchlicher. Menschen streiten, verzweifeln, machen Fehler – und können kurz darauf trotzdem miteinander lachen. Das zeigt der Film erfrischend und herzlich.
Fazit
Stark gespielt, klug erzählt, mit grossartigen Kindern und einem herausragenden Soundtrack: A HAPPY FAMILY verzichtet auf einfache Schuldzuweisungen und gewinnt dadurch besonders an Kraft. Berührendes, spannendes und erstaunlich leichtes Schweizer Kino. Top!


