Präsentiert in der Reihe Cannes Premières, markiert SI TU PENSES BIEN einen Wendepunkt im Filmschaffen von Géraldine Nakache. Mit diesem intimen Drama über häusliche Gewalt und emotionale Abhängigkeit realisiert die Regisseurin ihren bislang persönlichsten und zugleich düstersten Film. Wir wollten im Interview mehr über den Film und seine Regisseurin wissen.
Géraldine Nakache | SI TU PENSES BIEN
- Publiziert am 17. Juni 2026
SI TU PENSES BIEN | SYNOPSIS
In Dubai lernt Gil Jacques kennen. Aus ihrer Liebe auf den ersten Blick wird rasch eine überstürzte Ehe. Doch schon bald zeigen sich tiefe Risse: Gil teilt den alles bestimmenden Glauben ihres Mannes nicht. Jacques versucht zunehmend, sie seiner Weltsicht zu unterwerfen – begleitet von einem Mantra, das immer mehr wie eine Drohung wirkt.
Filmografie (Regie)
2010: TOUT CE QUI BRILLE (Co-Regie mit Hervé Mimran)
2012: NOUS YORK (Co-Regie mit Hervé Mimran)
2019: J’IRAI OÙ TU IRAS
2026: SI TU PENSES BIEN
Interview mit Géraldine Nakache
Von Ondine Perier
Der Film stellt die Rolle von Zeug:innen im Umgang mit häuslicher Gewalt stark in den Mittelpunkt. War das Ihr Ausgangspunkt?
Ja. Betroffene sprechen nicht immer über das, was sie erleben, und manchmal sind sie sich nicht einmal sicher, dass sie Opfer sind. Aber da ist auch das Umfeld: die Familie, Freund:innen, Kolleg:innen. Auch sie befinden sich gewissermassen unter einer Glocke. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, wagen aber nicht einzugreifen, weil sie an ihrer Wahrnehmung zweifeln oder Angst haben, die Beziehung zu zerstören. Das war mein eigentlicher Ausgangspunkt beim Schreiben: Wie schauen Menschen auf solche Situationen? Wie trauen sie sich einzugreifen – oder eben nicht?
Ihre starke emotionale Reaktion bei der Premiere in Cannes – hat sie mit persönlichen Erfahrungen zu tun?
Ja, allerdings eher auf der Seite der Zeug:innen. Vor einigen Jahren habe ich es nicht geschafft, in einer solchen Situation richtig zu handeln, und ich habe mir das lange vorgeworfen. Während des Schreibprozesses haben mein Co-Autor David Lambert und ich viele Frauen getroffen, die häusliche Gewalt erlebt haben. Alle erzählten Ähnliches: Wenn sie darüber sprachen, wurden sie gefragt: «Warum bist du nicht gegangen?» oder «Du? Aber du wirkst doch so stark.» Genau das wollte ich sichtbar machen. Diese Frauen brauchen oft eine dritte Person, die ihnen hilft, aus dieser Isolation herauszufinden.
Der Film zeigt auch, wie subtil manche Formen von Gewalt sein können.
Ja, weil viele von uns mit der Vorstellung aufgewachsen sind, dass eine Beziehung Kampf bedeutet, dass man für die Liebe kämpfen müsse. Aber wie weit darf dieser Kampf gehen? Auch die Sprache spielt dabei eine Rolle. Bestimmte Begriffe und Vorstellungen können problematische Entwicklungen legitimieren, ohne dass wir es merken.
Warum haben Sie die Geschichte im jüdischen Glaubensmilieu verankert?
Mich interessierte vor allem der Begriff des Glaubens. Der Glaube an Gott natürlich, aber auch der Glaube an einen anderen Menschen, an die Liebe, an die Vorstellung, mit jemandem eine Familie aufzubauen. Ich fand das sehr filmisch. Ausserdem ist das Judentum meine eigene Religion, deshalb war es naheliegend, mich in diesem Umfeld zu bewegen. Aber es hätte genauso gut eine andere Religion oder eine andere Form von Glauben sein können. Für mich sollte Glaube Menschen erheben und Licht bringen. Wenn er Menschen einsperrt, dann stimmt etwas mit der Art und Weise nicht, wie er gelebt oder eingesetzt wird.
Beim Zuschauen musste ich an einen Satz von Orelsan denken: «Man bekommt keine Kinder mit Menschen, die man nicht wirklich kennt.»
(Lacht.) Ja, vielleicht sollte Orelsan meine Filme schreiben! Es stimmt natürlich. Aber wenn man liebt und schnell etwas aufbauen möchte, kommen auch gesellschaftliche Erwartungen hinzu: die Vorstellung von Familie, die biologische Uhr und vieles mehr. Im Film bekommen die beiden sehr schnell ein Kind, obwohl sie sich letztlich noch kaum kennen. Gleichzeitig kultiviert dieser Mann bewusst eine Form von Verschmelzung mit seiner Partnerin. Anfangs glaubt man, dieselben Werte und dieselbe Sicht auf die Welt zu teilen. Doch nach und nach verschiebt sich das Gleichgewicht. In einer Beziehung ist es gesund, wenn beide Menschen einander wachsen lassen. Das Problem beginnt dort, wo diese Entwicklung nicht mehr gegenseitig ist.
Waren die Rückblenden bereits im Drehbuch vorgesehen?
Ja, von Anfang an. Sie gehören unmittelbar zum Thema des Films. Ich wollte zeigen, dass die Mechanismen der Kontrolle und Abhängigkeit bereits am ersten Tag vorhanden sind – allerdings in einer fast unsichtbaren, alltäglichen und scheinbar harmlosen Form. Die Rückblenden sind auch eine Antwort auf die Frage: «Warum ist sie nicht gegangen?» Weil sich all das Schritt für Schritt entwickelt.
Hatten Sie die Schauspieler:innen bereits während des Schreibens im Kopf?
Nein, überhaupt nicht. Bei meinen früheren Filmen habe ich oft für Leïla Bekhti und mich selbst geschrieben. Diesmal wollte ich bei null anfangen. Dann sah ich den Film SIMPLE COMME SYLVAIN von Monia Chokri und dachte sofort, dass sie diese Frau verkörpern könnte. Nachdem sie das Drehbuch gelesen hatte, rief sie mich an und sagte: «Ich bin eine Gil.» Da wusste ich sofort, dass sie die Richtige ist. Bei Niels Schneider hatte ich zunächst Angst, dass er die Figur von Jacques verurteilen würde. Ich wollte, dass das Publikum versteht, weshalb Gil ihn liebt. Als mein Produzent seinen Namen vorschlug, dachte ich zuerst: «Unmöglich. Er ist zu schön, zu strahlend.» Doch es war die richtige Entscheidung. Niels sagte sofort: «Ich will keine Pathologie spielen. Ich will einen Mann spielen, den sie liebt.» Und während der gesamten Dreharbeiten erinnerte ich ihn immer wieder daran: «Vergiss nie, dass er sie liebt – leidenschaftlich.»
Mit diesem Film schlagen Sie einen deutlich anderen Ton an als bisher.
Ich habe nicht bewusst den Ton gewechselt. Ich wollte einfach diese Geschichte erzählen. Seit meinem ersten Film erzähle ich Geschichten über Frauen. Mit zwanzig interessieren einen andere Themen als mit sechsundvierzig. Ich habe nie gedacht: «Jetzt mache ich ein Drama.» Ich dachte vielmehr: «Diese Geschichte braucht genau diese Form.» Allerdings hatte ich Angst, dass andere mir diesen Schritt nicht zutrauen würden. Die Finanzierung war schwieriger, weil Dramen oft schwerer zu realisieren sind als Komödien. Man fragte mich auch, warum ich selbst nicht im Film mitspiele. Aber ich musste diese Geschichte erzählen. Und ich fühle mich heute genauso fähig, danach wieder eine Komödie zu machen.
Welche Worte beschreiben SI TU PENSES BIEN am besten?-
Das erste Wort, das mir in den Sinn kommt, ist «Atem». Denn wenn man nicht mehr atmen kann, kann man auch nicht weitergehen. Man muss den Kopf wieder über Wasser bekommen. Das Mikwe-Bad war deshalb sehr früh Teil meiner filmischen Vorstellung. Ich wollte diese Frau unter Wasser sehen. Ich wollte hinter verschlossene Türen blicken, in diese Beziehungen und Familien hinein. Es war mir wichtig, die Kamera genau dort zu platzieren.
Und wie geht es jetzt weiter?
Zuerst einmal schlafen! (Lacht.) Danach werde ich wieder als Schauspielerin arbeiten und gleichzeitig weiter schreiben. Kürzlich wurde mir bewusst gemacht, dass seit meinem letzten Spielfilm als Regisseurin bereits sieben Jahre vergangen sind. Ich glaube, ich sollte langsam etwas schneller werden. (Lacht.)
Vielen Dank für dieses Gespräch
