Mit ENJOY YOUR STAY kehrt der Schweizer Regisseur Dominik Locher nach internationalen Erfolgen wie GOLIATH mit einem ebenso persönlichen wie politisch aufgeladenen Film zurück. Das Drama verbindet intime Familienfragen mit globalen gesellschaftlichen Spannungen und überzeugt nachhaltig.
ENJOY YOUR STAY – zwischen Fremdsein, Verantwortung und globaler Realität
- Publiziert am 20. Februar 2026
Dominik Lochers Film feierte an der Berlinale seine Premiere und erzählt von Begegnungen, Machtverhältnissen und persönlichen Grenzerfahrungen.
ENJOY YOUR STAY | REZENSION
Für uns an der 76. Berlinale gesehen haben den Film Felix Schenker, (Rezension), und Geri Krebs (Interview).
ZWISCHEN PRIVILEG UND WIRKLICHKEIT
In ENJOY YOUR STAY richtet Dominik Locher den Blick auf Menschen, die sich zwischen unterschiedlichen kulturellen, sozialen und ökonomischen Realitäten bewegen. Im Zentrum stehen philippinische Frauen, deren Leben eng mit der Schweiz verbunden ist und die dennoch kaum Teil jener offiziellen Schweiz sind, die sich gerne als wohlhabend, sicher und geordnet präsentiert. Ausgangspunkt für das Drehbuch waren reale Berichte über Reinigungskräfte, die in der Schweiz unter ausbeuterischen, teilweise sklavenähnlichen Bedingungen arbeiteten. Gemeinsam mit der philippinischen Drehbuchautorin Honeylyn Joy Alipio entwickelte Locher daraus eine Geschichte, die bewusst nicht als reine Anklage funktioniert. Vielmehr interessiert ihn, was solche Machtverhältnisse mit den Menschen machen, die darin gefangen sind. Damit stellt der Film auch eine unbequeme Frage: Wie viel unseres komfortablen Alltags beruht auf der Arbeit von Menschen, die wir kaum wahrnehmen?
EINE SCHWEIZ IM SCHATTEN
Besonders stark ist der Film dort, wo er diese Unsichtbarkeit nicht nur erzählt, sondern filmisch erfahrbar macht. Die Schweiz erscheint in kurzen Aussenaufnahmen hell, sauber und beinahe touristisch: Winterlandschaften, Berge, eine vertraute Postkartenwelt. Das eigentliche Leben der Protagonist spielt dagegen grösstenteils in Innenräumen und abgeschlossenen Welten. Dieser Gegensatz ist kein Zufall. Locher stellt ganz bewusst eine sichtbare und eine unsichtbare Schweiz gegeneinander. Die Menschen, um die es ihm geht, befinden sich zwar mitten in diesem reichen Land, leben aber gesellschaftlich gewissermassen in dessen Schatten. Was gefällt: Der Film muss seine politische Haltung nicht ständig ausformulieren. Vieles entsteht aus Situationen, Blicken, Abhängigkeiten und daraus, wer sich wo frei bewegen darf – und wer nicht.
MEHR ALS EIN KLASSISCHES SOZIALDRAMA
Als wichtige Referenz nennt Locher selbst die Filme der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, insbesondere ROSETTA. Auch ENJOY YOUR STAY bleibt nahe bei seinen Figuren und erzählt soziale Realität nicht aus sicherer Distanz. Gleichzeitig sucht Locher bewusst nach einer zeitgemässeren, dynamischeren Form. Das zeigt sich vor allem im Rhythmus des Films. Die Inszenierung ist deutlich temporeicher, als man es von einem klassischen europäischen Sozialdrama erwarten würde. Situationen verdichten sich, Entscheidungen haben unmittelbare Konsequenzen, und zunehmend entsteht ein Gefühl der Bedrohung. Dadurch entwickelt ENJOY YOUR STAY eine Spannung, die den Film stellenweise in Richtung Thriller rückt. Das ist klug, denn die äussere Spannung entspricht der inneren Situation der Figuren. Wer ohne gesicherten Aufenthaltsstatus lebt, für wen ein falscher Schritt existenzielle Folgen haben kann, erlebt den Alltag zwangsläufig anders. Was für die einen eine gewöhnliche Situation ist, kann für andere zur Gefahr werden.
ZWISCHEN ZWEI WELTEN
Gleichzeitig erweitert Locher den Blick über die Schweiz hinaus. Die Zusammenarbeit mit Honeylyn Joy Alipio verhindert, dass die philippinischen Figuren lediglich aus einer europäischen Perspektive betrachtet werden. ENJOY YOUR STAY erzählt auch davon, wie Migration Familien verändert und wie ökonomische Abhängigkeiten über Kontinente hinweg entstehen. Besonders interessant ist dabei eine auf den Philippinen gedrehte Fernsehshow, in der darüber entschieden wird, bei welchem Elternteil ein Kind leben soll, wenn ein Elternteil im Ausland arbeitet. Diese Sendung existiert tatsächlich (lese dahzu auch unser Interview mit Dominik Locher). Der beinahe groteske Moment verweist auf eine Realität, in der Migration längst nicht mehr nur eine persönliche Entscheidung ist, sondern Teil eines globalen wirtschaftlichen Systems geworden ist. Menschen verlassen ihre Familien, um anderswo jene Arbeit zu erledigen, die dort gebraucht, aber gesellschaftlich häufig kaum gewürdigt wird. ENJOY YOUR STAY zeigt die emotionalen Kosten dieses Systems, ohne seine Figuren auf Opferrollen zu reduzieren.
AUTHENTIZITÄT STATT EXOTIK
Dass zahlreiche Darsteller von den Philippinen stammen und zugleich Frauen mitwirken, die tatsächlich in der Schweiz leben – darunter auch eine Sans-Papiers-Frau aus Genf –, verleiht dem Film zusätzliche Glaubwürdigkeit. Locher vermeidet dabei weitgehend den exotisierenden Blick. Nicht kulturelle Unterschiede stehen im Vordergrund, sondern die Frage, was Menschen voneinander trennt und welche Möglichkeiten ihnen aufgrund ihres sozialen Status offenstehen. So wird ENJOY YOUR STAY letztlich auch zu einem Film über Macht: Wer besitzt einen Pass? Wer besitzt Geld? Wer bestimmt über Arbeitsbedingungen? Wer kann eine Wohnung verlassen, eine Beziehung beenden oder sich gegen Ungerechtigkeit wehren – und wer muss schweigen, weil jede Form des Widerstands die eigene Existenz gefährden könnte?
FAZIT
Dominik Locher verbindet gesellschaftspolitische Präzision mit Tempo und zunehmender Spannung und macht eine Realität sichtbar, die in der wohlhabenden Schweiz gerne übersehen wird. Ein eindringlicher, hervorragend inszenierter Film über Abhängigkeit, Migration und Würde – und beste Werbung für das Schweizer Kino an der Berlinale.
