SERIFE TAVSAN erzählt von einer Frau, die nach Jahrzehnten für ihre Familie entdeckt, dass ihr Leben noch immer ihr selbst gehört. Tareq Daoud macht daraus keinen bitteren Befreiungsschlag, sondern eine warmherzige Geschichte über Selbstbestimmung, familiäre Besitzansprüche und die Fähigkeit, Fehler einzugestehen. Getragen wird der Film von Nihal Koldaş, die Şerife mit einer glaubwürdigen Mischung aus Eigensinn, Verletzlichkeit und Lebenslust spielt.
SERIFE TAVSAN – Anleitung zum Glücklichsein
Endlich wieder einmal ein Arthousefilm, der den Mut hat, seine Figuren nicht im Unglück zurückzulassen.
SERIFE TAVSAN – Sein langer Weg auf die Leinwand
Tareq Daoud wurde 1976 in Kabul geboren und lebt in der Schweiz. Zunächst studierte er Biologie an der Universität Genf, danach Film an der EICTV in San Antonio de los Baños auf Kuba. SERIFE TAVSAN ist nach YABAN sein zweiter Langspielfilm. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Emine Yıldırım. Die Geschichte hat eine längere Entstehungszeit hinter sich. Bereits 2021 wurde SERIFE TAVSAN beim «Meetings on the Bridge»-Programm des Istanbul Film Festival entwickelt und mit dem CNC Award ausgezeichnet. Die damalige Jury hob insbesondere den Glauben des Projekts an Freiheit und weibliche Emanzipation unabhängig von Alter und gesellschaftlichem Umfeld hervor. 2024 sprach das Bundesamt für Kultur dem Film 800'000 Franken selektive Filmförderung zu. Produziert wurde die schweizerisch-türkische Koproduktion von Box Productions gemeinsam mit Istos Film und RTS.
SERIFE TAVSAN | SYNOPSIS
Für uns hat den Film Felix Schenker am Zurich Film Festival gesehen.
Späte Freiheit, alte Ansprüche
Nach dem Tod ihres Mannes beschliesst Şerife (Nihal Koldaş), ihre Siebziger so zu verbringen, wie sie es für richtig hält. Ihre besorgten Kinder schicken ausgerechnet den etwas orientierungslosen Enkel Onur (Onur Gözeten) zu ihr, damit er ein Auge auf die Grossmutter hat. Doch die Rechnung geht nicht auf. Statt Şerife wieder in die gewohnte Ordnung zurückzuführen, wird Onur zunehmend zum Begleiter ihrer neu gewonnenen Freiheit. Auch die junge Gülay (Selin Köseoğlu), die den Notruf wählt, nachdem Şerifes Mann im Garten einen tödlichen Herzinfarkt erlitten hat, öffnet ihr eine Welt jenseits der engen Vorstellungen ihrer Familie. Zusammen mit Onur gehört sie zu jenen Menschen, die Şerife nicht erklären, wie eine Frau ihres Alters zu leben hat. Vielmehr begleiten die beiden sie auf einem Weg, auf dem längst Verschüttetes wieder sichtbar wird.
Zärtlichkeit, Situationskomik und Lebensfreude
Besonders schön erzählt der Film dies über Şerifes Rückkehr zur Poesie. Als junge Frau bedeutete sie ihr viel, doch im Laufe eines Lebens, das von Ehe, Kindern und Pflichten bestimmt war, ging diese Seite von ihr verloren. Nun beginnt sie wieder zu lesen, zu schreiben und sich an jene junge Frau zu erinnern, die sie einmal war. Die Poesie wird damit zu mehr als einem hübschen Motiv: Sie steht für eine Identität, die lange hinter den Rollen als Ehefrau, Mutter und Grossmutter verschwunden war. Daoud erzählt diese Emanzipation angenehm unspektakulär. Şerife muss nicht zur lautstarken Rebellin werden, um ihr Leben zurückzuerobern. Nihal Koldaş verleiht ihr dabei eine enorme Präsenz. Man glaubt dieser Frau sowohl die jahrzehntelange Anpassung als auch die wachsende Freude daran, wieder neugierig auf das eigene Leben zu werden. Auch der Humor tut dem Film gut. SERIFE TAVSAN behandelt Alter und familiäre Konflikte nicht mit jener Schwere, die Geschichten über ältere Menschen im Kino so oft begleitet. Da ist viel Zärtlichkeit, Situationskomik und Lebensfreude, ohne dass die Konflikte verharmlost würden.

Eine Familie darf sich verändern
Besonders schön ist, dass Daoud nicht bei einer einfachen Gegenüberstellung von freiheitsliebender Mutter und egoistischen Kindern stehen bleibt. Seine Figuren sind keine Schablonen. Die Söhne verhalten sich über weite Strecken wenig sympathisch. Aus Habgier gehen sie sogar so weit, ihre Mutter entmündigen lassen zu wollen. Doch der Film verweigert ihnen nicht die Möglichkeit zur Einsicht. Die Szene, in der sich die drei Söhne bei ihrer betagten Mutter für ihre Habgier und ihr Verhalten entschuldigen, gehört zu den berührendsten Momenten des Films. Da können einem durchaus die Tränen kommen. Nicht, weil die Inszenierung auf Sentimentalität drückt, sondern weil eine solche Versöhnung im Gegenwartskino fast schon ungewohnt geworden ist. Menschen erkennen, dass sie andere verletzt haben. Sie entschuldigen sich. Und die Geschichte lässt zu, dass daraus etwas Neues entstehen kann. Vielleicht ist die Welt tatsächlich ein wenig besser, als es uns Kino und Nachrichten zuweilen glauben lassen. SERIFE TAVSAN hat keine Angst vor einem Happy End. Das mag beinahe altmodisch klingen, ist es aber natürlich nicht. Nicht jedes differenzierte Drama muss seine Figuren zerbrochen zurücklassen, um glaubwürdig zu sein. Auch Versöhnung kann eine Wahrheit sein.
Fazit
SERIFE TAVSAN ist ein kluger, warmherziger Film über eine Frau, die im Alter nicht ein neues Leben beginnt, sondern zu Teilen ihres alten zurückfindet – zu Freiheit, Neugier und Poesie. Vor allem aber ist der Film eine Wohltat: Er glaubt daran, dass Menschen sich ändern, einander verzeihen und am Ende sogar glücklich sein dürfen. Bestes Schweizer Kino!


