Ein Pflegeroboter, Tschechow und die grosse Frage, wie wir im Alter leben wollen: Doris Dörrie erzählt davon mit Wärme, Humor und überraschender Zuversicht. FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS ist ein wunderbar kluger und berührender Film, mit dem Doris Dörrie einmal mehr beweist, warum sie zu den Grössten des deutschen Kinos gehört.
FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS – Keine Angst vor der Zukunft
Doris Dörrie, geboren 1955 in Hannover, feierte 1985 mit MÄNNER ihren grossen Durchbruch. Es folgten Filme wie BIN ICH SCHÖN?, NACKT, KIRSCHBLÜTEN – HANAMI, GRÜSSE AUS FUKUSHIMA und FREIBAD. Dörrie arbeitet als Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin und verbindet in ihren Filmen häufig existenzielle Fragen mit Humor, Alltag und genauer Beobachtung menschlicher Beziehungen. FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS schrieb und inszenierte sie selbst.
FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS | REZENSION
Für uns am 22. Zurich Film Festival gesehen hat den Film Felix Schenker.
Eine Gesellschaft, die immer älter wird
Wer kümmert sich um uns, wenn wir alt werden? Wer übernimmt Verantwortung, wenn Eltern nicht mehr allein zurechtkommen und die eigenen Kinder längst ein Leben mit Beruf, Beziehungen und Verpflichtungen führen? Mit FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS stellt Doris Dörrie Fragen, die längst keine Zukunftsmusik mehr sind. Ihr Film spielt im Jahr 2030 und bringt mit dem Pflegeroboter Pawlowitsch (Josef Ellers) ein Science-Fiction-Element ins Spiel. Doch eigentlich erzählt er von etwas sehr Gegenwärtigem: einer Gesellschaft, die immer älter wird und noch keine überzeugende Antwort darauf gefunden hat, wer all diese Menschen einmal pflegen soll. Dabei gelingt Dörrie Erstaunliches: Statt Angst vor der technologischen Zukunft zu schüren, entwickelt sie daraus einen menschlichen, humorvollen und letztlich hoffnungsvollen Film.
Liebe verpflichtet – aber wie weit?
Im Zentrum steht Frau Winkler (Angela Winkler), deren Verhältnis zu ihrer Tochter Emi (Laura Tonke) und ihrer Enkelin Billie (Zoë Baier) ebenso liebevoll wie schmerzhaft und widersprüchlich gezeichnet wird. Dörrie macht es sich angenehm schwer. Es gibt hier keine undankbare Tochter, die ihre Mutter abschiebt, und keine alte Frau, die einfach nur bemitleidet werden soll. Emi liebt ihre Mutter, doch auch sie hat ein Recht auf ein eigenes Leben – erst recht jetzt, da sie nach langer Durststrecke endlich wieder eine bedeutende Rolle am Theater angeboten bekommt: Olga in Anton Tschechows «Drei Schwestern». Gleichzeitig fällt diese Chance in jenen Moment, in dem ihre Mutter nach einem Unfall zunehmend auf Hilfe angewiesen ist. Frau Winkler wiederum will ihre Selbstständigkeit nicht verlieren. Wie viel dürfen Eltern von ihren Kindern verlangen? Wo endet Fürsorge und wo beginnt Selbstaufgabe? Und darf ein alter Mensch selbst bestimmen, wie er leben und schliesslich auch sterben möchte? Dörrie führt diese Fragen nicht als philosophische Übung vor, sondern lässt sie mitten in eine Familie hineinplatzen.
Ein Roboter namens Pawlowitsch
Die Lösung scheint zunächst ebenso praktisch wie absurd: Ein Pflegeroboter zieht bei Frau Winkler ein. Pawlowitsch wird von ihr anfangs mit grossem Misstrauen empfangen. Er ist schliesslich Teil eines Pflegesystems, das Betreuung effizienter machen soll, Daten sammelt, kontrolliert und Sicherheit verspricht. Doch langsam verändert sich das Verhältnis. Pawlowitsch hört zu, lernt, reagiert, gibt Sicherheit und ermöglicht Frau Winkler wieder ein Stück Selbstständigkeit und Bewegungsfreiheit. Aus dem technischen Hilfsmittel, den sie anfänglich als Schrott bezeichnet, wird zunehmend ein Gegenüber, vielleicht sogar eine Art Freund. Das Erstaunliche ist, dass diese Entwicklung auch im Kinosaal funktioniert. Irgendwann sieht man in Pawlowitsch nicht mehr bloss eine Maschine. Der Film macht daraus keinen sentimentalen Maschinenmenschen, sondern stellt eine viel interessantere Frage: Was bedeutet menschliche Nähe überhaupt? FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS nimmt im besten Fall sogar etwas von jener Angst, die mit künstlicher Intelligenz und einer zunehmend technologisierten Zukunft verbunden ist. Technik erscheint hier nicht grundsätzlich als Bedrohung, sondern als Chance – sofern sie dem Menschen dient und nicht umgekehrt.
Eine Liebeserklärung ans Theater
FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS ist zugleich eine wunderbare Ode ans Theater. Anton Tschechows «Drei Schwestern» zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Besonders stark wirkt das, weil Theater hier etwas zutiefst Analoges bleibt: Menschen stehen sich unmittelbar gegenüber, reagieren aufeinander, teilen einen Raum, einen Moment. Damit bildet die Bühne einen starken Kontrast zu jener technologischen Welt, in der Roboter zunehmend Aufgaben übernehmen, die früher selbstverständlich Menschen vorbehalten waren. Meisterhaft ist dabei, wie Dörrie zwischen den Ebenen wechselt: zwischen der professionellen Probesituation im Theater, einer Aufführung aus längst vergangener Zeit und jenem Spiel, das sich zwischen Pawlowitsch, Frau Winkler und der jungen Pflegerin und Programmiererin entwickelt. Realität, Erinnerung und Inszenierung beginnen ineinanderzugreifen. Das Theater ist nicht dekorativen Hintergrund, sondern der eigentlichen Resonanzraum des Films – für Vergangenheit, Verlust, und die Rollen, die und das Leben zuträgt.
Mutter und Tochter – Vergangenheit und Gegenwart
Dass Emi ausgerechnet Olga in «Drei Schwestern» spielt, ist mehr als eine dramaturgische Spielerei. Auch Frau Winkler war einst Schauspielerin und hat diese Rolle selbst gespielt. Mit jener früheren Aufführung verbindet sich zudem ein einschneidendes Erlebnis aus ihrem Leben, das hier nicht verraten werden soll. Vergangenheit und Gegenwart spiegeln sich dadurch auf faszinierende Weise ineinander. Die Tochter übernimmt eine Rolle der Mutter, während die Mutter allmählich lernen muss, eine andere Rolle in ihrem eigenen Leben anzunehmen. Dörrie verbindet diese Ebenen mit grosser Leichtigkeit, ohne die Symbolik zu überladen. Theater, Familie, Erinnerung und technologische Zukunft werden Teil derselben Geschichte.
Angela Winkler ist grossartig
Das alles funktioniert vor allem, weil Angela Winkler diese Frau niemals auf ihr Alter reduziert. Sie spielt sie eigensinnig, verletzlich, witzig, manchmal schwierig und voller Lebenswillen. Frau Winkler möchte nicht zum Pflegefall erklärt werden. Sie will ernst genommen werden – auch in ihren Widersprüchen. Dass der Film das Alter nicht als Zustand des blossen Verlusts betrachtet, gehört zu seinen grossen Stärken. Hier gibt es weiterhin Begehren, Eitelkeit, Neugier, Trotz und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung. Auch die jüngeren Figuren werden nicht gegen die ältere Generation ausgespielt. Alle versuchen auf ihre Weise, mit einer Situation fertigzuwerden, für die es keine perfekte Lösung gibt.
Doris Dörrie in Höchstorm
Doris Dörrie beweist mit FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS einmal mehr, weshalb sie zu den grossen Stimmen des zeitgenössischen Kinos gehört. Sie schafft es, existenzielle Fragen über Alter, Einsamkeit, Pflege, Familie und Sterben mit Humor, Leichtigkeit und grosser emotionaler Genauigkeit zu erzählen. Vor allem aber verweigert sie sich der naheliegenden Dystopie. Der Roboter ist bei ihr nicht automatisch der Feind, die Zukunft nicht zwangsläufig kalt und unmenschlich. Entscheidend bleibt, wie wir Technologie einsetzen und welche Verantwortung wir Menschen weiterhin füreinander übernehmen.
Fazit
Doris Dörrie macht aus einem Pflegeroboter keine Schreckensgestalt, sondern die vielleicht überraschendste Hoffnungsfigur des Films. FRAU WINKLER VERLÄSST DAS HAUS erzählt vom Vergehen – und macht dabei Lust auf die Zukunft. Unbedingt anschauen!

