Sie hat mehr als ein ganzes Jahrhundert erlebt – und einen grossen Teil davon dem Frieden gewidmet: Edith Ballantyne. 1938 floh sie als 16-Jährige vor den Nationalsozialisten aus dem Sudetenland nach Kanada. Später engagierte sie sich in der Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF), wurde 1969 deren Generalsekretärin und später Präsidentin. Ihr filmisches Porträt stellt auch die aktuelle Frage, was Friedensarbeit in einer Welt zunehmender Aufrüstung noch bewirken kann.
IMAGINE PEACE – Frieden ist keine naive Idee
Fabian Chiquets Dokumentarfilm porträtiert, die im Alter von 102 Jahren verstorbene Friedensaktivistin, Edith Ballantyne.
IMAGINE PEACE | SYNOPSIS
Die hundertjährige Pionierin des Friedens Aktivismus Edith Ballantyne (1922–2025) blickt auf ein Leben im Dienst des Friedens zurück und will ihre Erfahrungen weitergeben, bevor ihre Stimme für immer verstummt. 1938 floh sie mit 16 Jahren vor den Nazis aus dem Sudetenland nach Kanada, wo sie als Flüchtling unter schwierigen Bedingungen lebte. Durch die Unterstützung der Women’s International League for Peace and Freedom (WILPF) fand sie eine Perspektive – und später ihre Berufung. 1969 wurde sie Generalsekretärin und später Präsidentin der WILPF, mit prägendem Einfluss auf die internationale Friedensarbeit. Durch ihre enge Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen, ihr Engagement für nukleare Abrüstung, ihre konsequente Integration feministischer Perspektiven und ihren Aufbau globaler Netzwerke inspiriert sie die Menschen bis heute weltweit. In Imagine Peace ruft Edith ein letztes Mal zum Widerstand gegen Krieg, Ungleichheit und Intoleranz auf. Sie analysiert aktuelle Konflikte, tritt mit Aktivistinnen wie Shirine Jurdi, Nina Potarska und Madeleine Rees in Dialog und erzählt von einem Leben des Kampfes – und der Hoffnung. Ihr Vermächtnis: Frieden ist möglich, wenn wir ihn gemeinsam gestalten.
IMAGINE PEACE | REZENSION
Felix Schenker hat für uns den Film gesehen.
Ein Jahrhundert für den Frieden
Über Jahrzehnte kämpfte Edith Ballantyne für nukleare Abrüstung, Menschenrechte und eine stärkere feministische Perspektive in der internationalen Politik. Der Basler Filmemacher Fabian Chiquet begleitet Ballantyne in IMAGINE PEACE während ihrer letzten Lebensjahre. Dabei entstand kein historisches Denkmal, sondern das berührende Porträt einer Frau, die ihren Glauben an den Frieden nie verloren hat. Angesichts der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten sowie einer weltweiten Aufrüstung erhält ihr Lebenswerk eine beklemmende Aktualität. Was kann Diplomatie heute noch leisten? Und wie lässt sich für Frieden eintreten, wenn militärische Abschreckung zunehmend wieder als alternativlos erscheint? Besonders gelungen sind die Animationen, mit denen Chiquet Erinnerungen und biografische Episoden zum Leben erweckt. Sie verleihen dem Film eine zusätzliche Spannung und schaffen eine poetische Ebene, die dem dokumentarischen Erzählen ausgesprochen guttut.
Ein Schweinchen als Lehrmeister
Zu den berührendsten Momenten des Dokumentarfilms gehört eine kleine Geschichte aus Edith Ballantynes Jugendzeit in Kanada. Ihre Mutter rettete ein schwaches Ferkel, das von den anderen Schweinen verstossen worden war und den Winter kaum überlebt hätte. Sie nahm es mit nach Hause, wo es neben Edith in der Wohnbaracke auf dem Boden schlief. Als das Schweinchen wieder gesund war, bekam es einen eigenen Stall. Doch auf eines wollte es partout nicht verzichten: auf ein Kopfkissen, wie es das von Ediths Schlafplatz gewohnt war. Eine ebenso komische wie anrührende Episode, die weit mehr erzählt als eine hübsche Kindheitserinnerung. Sie steht sinnbildlich für eine Haltung, die Ballantynes ganzes Leben prägen sollte: Wer schwach ist, verdient Schutz statt Ausgrenzung. Und manchmal beginnt die grosse Idee einer gerechteren Welt mit einer kleinen Geste der Menschlichkeit.
Der Kampf geht weiter
IMAGINE PEACE verbindet Ballantynes Erfahrungen mit den Stimmen einer jüngeren Generation. Nina Potarska aus der Ukraine vermittelt zwischen ukrainischen und russischen Hilfsorganisationen, die Libanesin Shirine Jurdi ermutigt Jugendliche zu politischem Engagement, und die britische Menschenrechtsanwältin Madeleine Rees kämpft mit juristischen Mitteln gegen Machtmissbrauch und für mehr Gerechtigkeit in internationalen Institutionen. So zeigt Chiquets Film Friedensarbeit nicht als abstraktes Ideal, sondern als konkrete, oft mühsame Praxis. Ballantyne brachte Menschen für Frieden und Abrüstung auf die Strasse, andere suchen heute den Dialog über verhärtete Fronten hinweg oder versuchen, internationale Strukturen zu verändern. Dabei hinterlässt der Film auch einen bitteren Eindruck: Der unermüdliche Einsatz von Frauen für den Frieden scheint bis heute weit weniger Anerkennung zu finden als die machtpolitischen Entscheidungen von Männern. Während Generäle und Staatschefs die Schlagzeilen beherrschen, bleiben jene, die sich für Verständigung, Abrüstung und Versöhnung einsetzen, häufig im Hintergrund. Es ist eigentlich zutiefst traurig, dass eine Frau wie Edith Ballantyne, die einen Grossteil ihres Lebens dem Frieden gewidmet hat, in einer Zeit sterben musste, in der alte, weisse Männer mit ihrem Machtstreben und ihren Kriegen die Welt erneut aus den Fugen bringen.
Fazit
IMAGINE PEACE ist ein klug gestalteter Dokumentarfilm. Die gelungenen Animationen, die intimen Erinnerungen und die Begegnungen mit engagierten Frauen verschiedener Generationen machen deutlich, dass Friedensarbeit ein unermüdlicher Kampf ist. Fabian Chiquet setzt Edith Ballantyne ein würdiges filmisches Denkmal, ohne sie auf einen Sockel zu stellen. Was bleibt, ist die Bewunderung für eine Frau, die sich von der Gewalt der Welt nie davon abbringen liess, an eine friedlichere Zukunft zu glauben. Und eine unbequeme Frage: Weshalb schenken wir jenen, die Kriege führen, so viel Aufmerksamkeit – und jenen, die sie verhindern wollen, so wenig?


