Regisseurin Marina Klauser erzählt die wahre Geschichte von der Schweizer Sekte Methernitha, ihrem Gründer Paul Baumann und den Frauen, die sein System aus Manipulation, Kontrolle und sexuellem Missbrauch durchbrachen. Den jungen Mädchen, die für den Kult rekrutiert wurden, erzählte Baumann, sie könnten Engel werden – doch in Wahrheit wird ihr Leben in der Sekte von Lügen, Kontrolle und Gewalt regiert.
EIN TEUFEL ALS GURU
WERDE EIN ENGEL
Hinter der traumhaften Landidylle des Emmentals entstand eine abgeschottete Gemeinschaft, in der Sektenguru Paul Baumann als spirituelle Vaterfigur nahezu uneingeschränkte Autorität besass. 1976 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger zu sieben Jahren Haft verurteilt. Besonders perfide war das religiöse Heilsversprechen, mit dem Baumann junge Mädchen an sich band. Er erzählte ihnen, sie könnten zu Engeln werden und eine höhere spirituelle Stufe erreichen. Was als Weg zu Reinheit und Erlösung verkauft wurde, wurde zum Instrument von Manipulation und Abhängigkeit. Hinter der religiösen Rhetorik verbargen sich Kontrolle, Gewalt und sexueller Missbrauch. Klausers Film interessiert sich dabei weniger für den Mythos des charismatischen Sektenführers als für jene Frauen, die ihm ausgeliefert waren. Damit verschiebt DER ENGELMACHER die Perspektive weg vom Täter und hin zu den Betroffenen.
JUNGE FRAUEN BRECHEN DAS SCHWEIGEN
Ehemalige Mitglieder erzählen von einem Alltag, in dem Glauben, Arbeit und Gehorsam eng miteinander verbunden waren. Klauser kombiniert ihre Aussagen mit Archivmaterial, historischen Dokumenten und inszenierten Sequenzen. So entsteht nach und nach das Bild eines Systems, dessen Macht nicht allein auf Baumanns Persönlichkeit beruhte, sondern auch auf Abschottung, Abhängigkeit und dem Versprechen spiritueller Erlösung. Besonders eindringlich wird die Serie dort, wo über seine Opfer berichtet wird. Aus den Mädchen, denen Baumann einst versprach, Engel zu werden, wurden Frauen, die sich gegen ihn stellten und schliesslich dazu beitrugen, dass er vor Gericht kam. DER ENGELMACHER erzählt deshalb nicht nur von Missbrauch, sondern auch vom langsamen Erwachen aus einem geschlossenen Glaubenssystem.
DIE IDYLLE ALS KONTRAST
Filmisch nutzt Klauser den Gegensatz zwischen der friedlichen Landschaft und dem was den Betroffenen widerfuhr. Das Emmental erscheint beinahe paradiesisch, was dem Erzählten zusätzliche Härte verleiht. Die Schönheit des Ortes steht in einem verstörenden Kontrast zu dem, was sich innerhalb der Gemeinschaft abspielte. Der Film verzichtet dabei weitgehend auf sensationsheischende True-Crime-Mechanismen. Statt den Täter zu dämonisieren oder das Sektenleben als exotische Ausnahmeerscheinung auszustellen, fragt Klauser nach den Mechanismen von Macht: Wie entsteht Abhängigkeit? Warum bleibt ein solches System über Jahre bestehen? Und was braucht es, um sich daraus zu lösen?
FAZIT
DER ENGELMACHER ist weniger das Porträt eines Sektenführers als die Geschichte der Frauen, die sich seiner Macht entzogen. Marina Klauser verbindet Schweizer Zeitgeschichte mit einer beklemmenden Analyse von Manipulation, Glauben und sexuellem Missbrauch. Besonders stark ist der Film dann, wenn er den Betroffenen Raum gibt und zeigt, wie aus Gehorsam Widerstand wird.