Der Schweizer Erfolgsregisseurin gelingt erneut ein sozial engagiertes Drama von grosser Wucht – diesmal über Schuld, Fürsorge, Demenz und die Möglichkeit innerer Veränderung. Volpe entwickelte den Film während mehr als zehn Jahren und schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Esther Bernstorff. Im Zentrum steht die «transformative Kraft von Mitgefühl»: Ein Mensch beginnt aus Berechnung zu helfen und entdeckt dabei eine Form von Nähe, Verantwortung und möglicherweise auch Erlösung.
FRANK & LOUIS – Mitgefühl hinter Gittern
FRANK & LOUIS | SYNOPSIS
Frank (Kingsley Ben-Adir), ein Mann in den Vierzigern, verbüsst eine lebenslange Haftstrafe – mit der Aussicht auf Bewährung. Um die brutale Realität des Gefängnisalltags zu ertragen, hat er sich emotional abgeschottet. Als er in eine neue Einrichtung verlegt wird, beschliesst er, sich den Yellow Coats anzuschliessen – einem Programm, in dem Häftlinge an Alzheimer und Demenz erkrankte Mitinsassen betreuen – in der Hoffnung, durch dieses Engagement die Chancen auf Bewährung zu erhöhen. Die Arbeit ist fordernd, doch Frank entwickelt eine unerwartete Beziehung zu einem seiner Patienten, Louis Nelson (Rob Morgan), einem Mann, der einst für seine Macht und Autorität gefürchtet wurde. Ihn zu pflegen bringt Frank an seine körperlichen und emotionalen Grenzen.

FRANK & LOUIS | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Madeleine Hirsiger.
MITGEFÜHL HINTER GITTERN
Es ist ein weiterer Paukenschlag der Schweizer Regisseurin Petra Volpe: Mit dem Gefängnisdrama FRANK & LOUIS eröffnet sie erneut ein Kapitel ihres Könnens. Es ist immer eine Art Wiederentdeckung der Menschlichkeit, die man in all ihren Filmen feststellen kann. Ihre empathische Nähe zu ihren Protagonisten und ihr sozialgesellschaftliches Engagement kommen hier einmal mehr zum Tragen. FRANK & LOUIS ist ihr erster englischsprachiger Film, und die mehr als zehnjährige Entwicklungszeit ist dem sorgfältig recherchierten und differenziert erzählten Film anzumerken.
PFLEGE ALS CHANCE AUF FREIHEIT
Frank und Louis, zwei Mörder, sitzen im selben Gefängnis ihre lebenslangen Haftstrafen ab. Frank, der sich bisher während der Haft nichts hat zuschulden kommen lassen und auf eine mögliche vorzeitige Entlassung hofft, steigt ins Programm «Yellow Coats» – also «Gelbe Westen» – ein. Die Aufgabe der Yellow Coats besteht darin, Insassen mit Demenz oder Alzheimer eins zu eins zu betreuen – vom Morgen bis zum Lichterlöschen in den Zellen. Frank wird Louis zugeteilt, nachdem die psychologische Leiterin der Abteilung (Indira Varma) ihn ermahnt hat, emotionale oder wütende Ausbrüche seines Klienten nicht persönlich zu nehmen. Der Einstieg für Frank (Kingsley Ben-Adir) ist hart: Er nimmt es persönlich, wenn Louis (Rob Morgan) ihn anschreit, ihm misstraut, ihn zum Teufel wünscht und sich nicht anfassen lässt. Doch Frank hat Vorbilder: Andere Yellow Coats zeigen ihm, wie ein geduldiger und respektvoller Umgang mit den erkrankten Insassen gelingen kann und wie man Beleidigungen aushält, ohne selbst aggressiv zu werden.
EIN GEFÜRCHTETER MANN WIRD HILFLOS
Allmählich kommen sich die beiden näher. Frank erfährt die Geschichte von Louis, der früher ein gefürchteter Gangster und Mörder war. Nun sitzt er da, hilflos und orientierungslos, sehnt sich nach seinem Kind und möchte nach Hause – es ist herzerweichend, aber nie sentimental. Und das ist nur eine der vielen Stärken von Petra Volpe.
DIE GEFAHR BLEIBT PRÄSENT
Dass auch im Gefängnis Gefahren lauern, wissen wir als Publikum. Der Sohn eines von Louis erschossenen Mannes sitzt ebenfalls in diesem Gefängnis und will unter allen Umständen den Tod seines Vaters rächen. Es gelingt ihm, sich Louis immer wieder zu nähern. Diese permanente Bedrohung bildet eine weitere Ebene der einfühlsam erzählten Geschichte mit all ihren dramaturgischen Facetten. Produziert wurde die schweizerisch-britische Koproduktion von Reto Schaerli und Lukas Hobi für Zodiac Pictures sowie Georgie Paget und Thembisa Cochrane für Caspian Films. Hervorzuheben sind auch die präzise Kameraarbeit von Judith Kaufmann und das von Petra Volpe gemeinsam mit Esther Bernstorff verfasste Drehbuch.
FAZIT
FRANK & LOUIS ist ein regelrechtes Lehrstück einer perfekten Inszenierung eines Dramas, dessen verschiedene Erzählfäden überzeugend ineinandergreifen. Petra Volpe, die sich mit DIE GÖTTLICHE ORDNUNG und HELDIN längst einen Namen gemacht hat, erzählt mit grosser Empathie von Schuld, Fürsorge und der Möglichkeit innerer Veränderung. Getragen von Kingsley Ben-Adir und Rob Morgan entwickelt der Film eine stille, aber nachhaltige emotionale Kraft.