Mit TRISTAN FOREVER stellte der Schweizer Regisseur Tobias Nölle an der Berlinale 2026 ein ebenso stilles wie radikales Projekt vor. Der hybride Dokumentar- und Spielfilm begleitet den Pariser Arzt Loran Bonnardot, der seit über dreissig Jahren immer wieder auf Tristan da Cunha, die abgelegenste dauerhaft bewohnte Insel der Welt, zurückkehrt – und nun den endgültigen Schritt wagen will: dort zu bleiben. Mit TRISTAN FOREVER gelint Nölle weit mehr als eine Aussteigergeschichte. Entstande ist einen poetischer Film über Sehnsucht, Zugehörigkeit und die Frage, ob es jenen einen Ort tatsächlich gibt, an dem ein Mensch ganz bei sich selbst sein kann.
TRISTAN FOREVER – Die Sehnsucht nach dem Ende der Welt
TRISTAN FOREVER | REZENSION
Für uns an der Berlinale 2026 gesehen, hat den Film Felix Schenker
EIN ORT HINTER DEM HORIZONT
Mitten im Südatlantik erhebt sich Tristan da Cunha aus dem Meer. Für die meisten Menschen ist die Vulkaninsel kaum mehr als ein exotischer Punkt auf der Landkarte. Für Loran Bonnardot hingegen ist sie seit Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort. Seit dreissig Jahren kehrt der französische Arzt regelmässig hierher zurück. Die Insel ist für ihn zur spirituellen Zuflucht geworden, ihre Bewohner:innen zu einer Art Ersatzfamilie, ein Fischer zu seinem besten Freund. Doch diesmal soll alles anders werden: Mit fünfzig Jahren will Bonnardot Paris endgültig hinter sich lassen und auf Tristan da Cunha bleiben. Nur entscheidet darüber nicht allein er. Der Inselrat muss seiner dauerhaften Aufnahme zustimmen. Auch sein Freund betrachtet Lorans Pläne mit eigenen Augen. Und allmählich stellt sich die Frage, ob die jahrzehntelange Sehnsucht nach diesem abgelegenen Ort tatsächlich nur mit Tristan da Cunha zu tun hat – oder ebenso viel mit dem, wovor Bonnardot sein Leben lang davongelaufen ist.
DOKUMENTATION ODER FIKTION?
TRISTAN FOREVER bewegt sich bewusst zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Loran Bonnardot spielt sich selbst und ist gleichzeitig Co-Regisseur und Co-Autor des Films. Tobias Nölle beobachtet ihn dabei nicht einfach dokumentarisch, sondern verdichtet seine Geschichte zu einer filmischen Erzählung, in der Realität, Erinnerung, Projektion und Inszenierung ineinanderfliessen. Es ist diese Unschärfe, die den Film zusätzlcih reizvoll macht. Die Insel erscheint einmal als tatsächlich existierender Lebensraum mit Regeln, Verpflichtungen und sozialen Strukturen – und im nächsten Moment beinahe wie eine Fantasie: ein grünes Stück Land im unendlichen Atlantik, weit weg von Kriegen, Krisen und dem Lärm der übrigen Welt. Nölle, der auch die Kamera führte, nutzt diese Landschaft entsprechend. Nebel hängt über dem Vulkan, das Meer schlägt gegen die Küste, Schafe werden eingefangen und geschoren, Pinguine und Robben bevölkern die Umgebung. Michael Sauters zurückhaltende Musik verstärkt dabei die eigentümliche Mischung aus Idylle und Melancholie.
KANN MAN VOR SICH SELBST DAVONREISEN?
Hinter der spektakulären Kulisse steckt eine ziemlich universelle Frage: Wo gehören wir hin? Loran ist kein klassischer Aussteiger, der zufällig eine einsame Insel entdeckt. Tristan da Cunha begleitet ihn seit Jahrzehnten. Der Film interessiert sich aber weniger dafür, ob das Leben dort romantisch oder beschwerlich ist, als dafür, was Menschen überhaupt dazu bringt, einen geografischen Ort mit der Hoffnung auf ein anderes Leben aufzuladen. Denn selbst die entfernteste Insel schützt nicht vor Einsamkeit, Erinnerung oder den eigenen Widersprüchen. Und eine Gemeinschaft, die von aussen wie eine überschaubare Utopie erscheint, ist eben auch eine Gemeinschaft mit Regeln und Grenzen. Wer dazugehören möchte, muss akzeptieren, dass Zugehörigkeit nicht einfach durch Sehnsucht entsteht. Darin liegt eine der stärksten Ideen von TRISTAN FOREVER: Der vermeintliche Traum vom Weggehen wird langsam zu einer Geschichte über das Ankommen – und darüber, dass beides möglicherweise viel weniger mit Geografie zu tun hat, als wir glauben.
TOBIAS NÖLLE – ZURÜCK AN DER BERLINALE
Für Tobias Nölle bedeutete TRISTAN FOREVER auch eine Rückkehr an einen für ihn wichtigen Festivalort. Der 1976 im schweizerischen Erlenbach geborene Regisseur studierte an der School of Visual Arts in New York. Bereits sein Kurzfilm RENÉ wurde 2007 in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet. Sein Spielfilmdebüt ALOYS gewann 2016 an der Berlinale den FIPRESCI-Preis der Sektion Panorama. Zehn Jahre später feierte TRISTAN FOREVER ebenfalls im Panorama seine Weltpremiere. Der Film wurde von der Zürcher hugofilm features gemeinsam mit SRF und ARTE produziert. Und die Festivalreise ging erfolgreich weiter: Beim Krakow Film Festival 2026 erhielten Tobias Nölle und Loran Bonnardot für TRISTAN FOREVER den Golden Horn für den besten Film. Im August 2026 war ist der Film zudem im Panorama Suisse des 79. Locarno Film Festival zu sehen.
FAZIT
TRISTAN FOREVER verspricht keine einfache Antwort auf die Sehnsucht nach dem perfekten Ort. Tobias Nölle und Loran Bonnardot verwandeln eine aussergewöhnliche Lebensgeschichte in eine poetische Reflexion über Einsamkeit, Gemeinschaft und die grosse menschliche Hoffnung, irgendwo auf dieser Welt anzukommen. Echt eindrücklich!