Krieg, Vertreibung, Literatur und eine fast 80-jährige Verbundenheit mit der Schweiz: Volker Schlöndorff blickt auf Erinnerungen zurück, die direkt in seinen neuen Film HEIMSUCHUNG – EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE eingeflossen sind. Er erzählt von Jenny Erpenbeck, Max Frisch, dem Kriegsende und davon, warum er mit 87 Jahren noch lange nicht ans Aufhören denkt. Geri Krebs hat den Regisseur für arttv.ch am 22. Zurich Film Festival getroffen.
Volker Schlöndorff | HEIMSUCHUNG
- Publiziert am 2. Oktober 2026
Volker Schlöndorff
Volker Schlöndorff, 1939 in Wiesbaden geboren, gehört zu jener Generation von Filmemachern, die das deutsche Kino aus seiner Nachkriegsstarre geholt und international neu positioniert hat. Bekannt wurde er mit Literaturverfilmungen wie DER JUNGE TÖRLESS, DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM und TOD EINES HANDLUNGSREISENDEN. Für DIE BLECHTROMMEL erhielt er 1979 die Goldene Palme in Cannes und 1980 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Von 1971 bis 1991 war Schlöndorff mit der Regisseurin Margarethe von Trotta verheiratet, mit der er auch künstlerisch eng zusammenarbeitete. Auch mit 87 denkt Schlöndorff nicht ans Aufhören und arbeitet bereits an einem neuen Filmprojekt.
arttv.ch: Wie die meisten Ihrer Filme basiert ja auch HEIMSUCHUNG auf einer literarischen Vorlage, in diesem Fall dem 2007 erschienenen gleichnamigen Roman von Jenny Erpenbeck. Wie kamen Sie auf die Autorin und ihr Werk?
Volker Schlöndorff: Ich bin eigentlich eher zufällig auf dieses Buch gestossen, erst einige Jahre nachdem es herausgekommen war. Bei seinem Erscheinen hatte der Roman noch gar keine grosse Resonanz gefunden. Die 1967 in der DDR geborene Autorin Jenny Erpenbeck wurde in Deutschland eigentlich erst auf Umwegen richtig bekannt. Dies, nachdem sie 2024 in London für ihren drei Jahre zuvor erschienenen Roman «Kairos» mit dem Booker Prize ausgezeichnet worden war, einem der renommiertesten Literaturpreise der englischsprachigen Welt. Erst da wurde man in Deutschland auch auf HEIMSUCHUNG aufmerksam und das Buch avancierte zu einem Bestseller. Doch zu der Zeit hatte ich das Drehbuch längst fertig.
Sie arbeiteten eng mit Jenny Erpenbeck zusammen. Wie erlebten Sie diese Zusammenarbeit?
Sie erwähnten ja, dass ich im Laufe meiner Karriere sehr oft Literatur verfilmt habe. Dabei ist meine Erfahrung die, dass ich Schriftsteller und Schriftstellerinnen eigentlich immer als wunderbare Gesprächspartner erlebe. Ihre Energie, ein Buch zu schreiben, überträgt sich meist sehr positiv auf meine Arbeit als Filmemacher. Die Zusammenarbeit mit Jenny Erpenbeck erlebte ich aber als besonders eng. Sie erinnerte mich manchmal an meine Zeit mit Max Frisch, der ja einer meiner besten Freunde war.
Durch Max Frisch haben Sie ja auch eine besonders enge Beziehung zu Zürich …
Ja, das stimmt, ich war sehr oft hier bei ihm. Aber meine Beziehung zu Zürich reicht viel weiter zurück, fast 80 Jahre.
Erzählen Sie …
Ich kam 1948 auf Vermittlung einer kirchlichen Hilfsorganisation für drei Monate zum «Auffüttern», wie man das damals nannte, in die Schweiz. Ich war neun Jahre alt und, bedingt durch die Mangelernährung im Nachkriegsdeutschland, sehr dünn. Wir fuhren, mit einem Schild um den Hals, mit dem Zug von Frankfurt nach Zürich. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Hauptbahnhof Zürich und daran, dass wir hier umsteigen und den Zug nach Weinfelden nehmen mussten.
Was folgte dann?
Ich kam zu einer Bäckersfamilie, und als ich all die Kuchen und Torten sah, konnte ich gar nicht glauben, dass die echt waren. Als ich nach drei Monaten wieder zurück in Deutschland war, sprach ich Schweizerdeutsch. Ich hatte mir das so schnell angeeignet, dass ich erst wieder in meine Muttersprache zurückfinden musste. Sie sehen, meine Beziehung zur Schweiz währt schon sehr lange.
Das Buch und der Film umfassen die Zeitspanne von den 1920er Jahren des letzten Jahrhunderts bis in die Gegenwart: die Weimarer Republik, die Nazi-Herrschaft samt Krieg und dessen Ende, die DDR, die Wende und die Zeit danach. Sie selber sind mit Jahrgang 1939 ein Zeitzeuge, einer, der zumindest das Kriegsende noch selbst erlebt hat. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Ich wurde in Wiesbaden geboren. 1944 wurde unser Haus von einer Bombe zerstört. Wir wurden evakuiert und lebten dann in einer Behelfsbaracke im Wald im Taunus. Ich empfand das dort als sehr spannend und abenteuerlich. An das Kriegsende erinnere ich mich noch sehr genau, daran, wie die amerikanischen Soldaten kamen. Ich erlebte das uneingeschränkt als Befreiung, denn die Amerikaner waren sehr nett zu uns Kindern, viel netter als zuvor die deutschen Soldaten. Die Amerikaner gaben uns nicht nur Kaugummi und Schokolade, sondern sie spielten auch mit uns. Das fanden wir natürlich toll.
Wie fliesst das in Ihren Film ein?
Was beispielsweise die Ausstattung des Films betrifft, konnte ich bei fast jeder Szene aus dem Fundus meiner eigenen Erinnerung schöpfen.
Am meisten Raum nimmt im Film die Figur der kommunistischen Schriftstellerin ein, die wenige Jahre nach Kriegsende zusammen mit ihrem Mann in das Haus am See einzieht und hier bis zu ihrem Tod in der Nachwendezeit lebt. Welches reale Vorbild hat diese im Film nicht namentlich genannte Figur?
Die Biografie der Schriftstellerin enthält Elemente einiger in der DDR erfolgreicher Literatinnen wie Anna Seghers oder Christa Wolf. Mehr noch als bei diesen beiden Autorinnen ist es aber fast eins zu eins die Geschichte von Jenny Erpenbecks Grossmutter Hedda Zinner, einer in der DDR sehr erfolgreichen Autorin, die fast so etwas wie das ostdeutsche Gegenstück zu Hedwig Courths-Mahler war. Hedda Zinner war zusammen mit ihrem Partner, dem Schriftsteller Fritz Erpenbeck, 1935 in die Sowjetunion emigriert, wo dann 1942 Jenny Erpenbecks Vater, der Physiker und Philosoph John Erpenbeck, zur Welt kam. 1945 kehrte die Familie nach Ost-Berlin zurück, um das kulturelle Leben nach sowjetischer Vorstellung wieder aufzubauen. Bald darauf erhielten sie das Haus am See.
Das Haus am See, beziehungsweise das Grundstück, ist von Beginn an die eigentliche Hauptfigur des Films. Auf ihm spielt sich eine Geschichte ab, die sich über mehr als hundert Jahre erstreckt. Wie haben Sie diesen Drehort gefunden?
Eigentlich sind es zwei Drehorte: Einerseits das reale Haus von Jenny Erpenbecks Grossmutter am Scharmützelsee in Brandenburg. Andererseits drehten wir im rund 40 Kilometer entfernten Ferienhaus Albert Einsteins in Caputh, das dieser von 1930 bis 1933 besass. Durch Schnitt-Gegenschuss-Technik und ganz wenig Bluescreen verschmelzen die beiden Drehorte im Film zu einem einzigen Haus. Dieses ehemalige Ferienhaus von Albert Einstein hat im Übrigen tatsächlich eine ähnliche Geschichte wie im Film. Einstein liess das Haus 1929 vom jungen, modernen Architekten Konrad Wachsmann erbauen. 1933 musste er vor den Nazis flüchten, dann kam die Hitlerjugend in das Haus, nach Kriegsende die Rote Armee, nach der Wende wieder jemand anderes.
Kann man es besuchen?
Ja, das Haus ist öffentlich zugänglich, es finden darin Tagungen statt, und auch Besichtigungen sind möglich. Einstein hatte in seinem Nachlass verfügt, dass das Haus kein Museum, sondern ein Ort der Begegnung werden solle.
Die Presseverantwortliche erscheint: «Last question, please». Volker Schlöndorff möchte das Gespräch jedoch fortführen und lädt arttv.ch deshalb am folgenden Tag zu sich ins Hotel ein, um das Interview weiterzuführen.
Sie gehören zusammen mit Filmschaffenden wie Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders oder Werner Herzog zu denen, die Mitte der 1960er den Neuen Deutschen Film geschaffen haben. Fühlen Sie sich als Überlebender einer aussterbenden Generation?
Ja, durchaus. Während die beiden von Ihnen zuerst Genannten ja nicht mehr unter uns weilen, habe ich mit Wim Wenders und Werner Herzog regelmässigen Austausch. Mit Werner bin ich seit 1966, seit meinem allerersten Film DER JUNGE TÖRLESS, befreundet. Auch mit Wim telefoniere ich regelmässig. Ich denke, wir drei werden trotz unseres fortgeschrittenen Alters weiterhin Filme machen. Ich jedenfalls habe bereits ein neues Projekt, an dessen Drehbuch ich arbeite, von dem ich aber noch nicht mehr verraten darf. Ich möchte jedoch noch etwas hinzufügen, nach dem Sie mich gar nicht gefragt haben, das mir aber sehr wichtig ist.
Bitte, gerne …
Ich werde immer wieder nach dem Film IN DIE SONNE SCHAUEN von Mascha Schilinski gefragt, der 2025 herauskam – und ob HEIMSUCHUNG davon beeinflusst sei. Wir waren für HEIMSUCHUNG aber bereits 2023 mit dem Drehbuch fertig, das möchte ich hier betonen. Die beiden Filme sind also völlig unabhängig voneinander entstanden.
Vielen Dank für das Gespräch
