Zunächst scheint alles von freudigem Aufbruch, von Ruhe und Schönheit erfüllt: der See, der Garten, das Licht, die Menschen, die hier ihr Zuhause finden. Doch nach und nach schiebt sich Geschichte in diese Idylle und verändert alles. Volker Schlöndorff erzählt davon mit grosser Sensibilität, starken Schauspieler:innen und einem feinen Gespür dafür, wie eng Glück, Verlust und Erinnerung miteinander verbunden sind.
HEIMSUCHUNG – EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE
Ein Haus am See wird zum Zeugen eines ganzen Jahrhunderts und zum stillen Resonanzraum für politische Umbrüche.
HEIMSUCHUNG | REZENSION
Felix Schenker (Kritik) und Geri Krebs (Interview) haben den Film für arttv.ch am 22. Zurich Film Festival gesehen.
Das Licht auf dem Wasser, die Weite des Gartens
Volker Schlöndorff bedient sich für HEIMSUCHUNG einer ebenso einfachen wie faszinierenden Idee: Weltgeschichte wird aus architektonischer Perspektive erzählt. Ein Haus am See wird zum Fixpunkt, an dem sich politische Systeme, gesellschaftliche Umbrüche und persönliche Schicksale ablagern. Die Kamera fängt die Schönheit des Ortes in ruhigen, zauberhaften Bildern ein. Das Licht auf dem Wasser, die Weite des Gartens, die sommerliche Idylle – all das steht in einem immer schärferen Kontrast zu der Bedrohung, die mit dem Erstarken des Nazi-Regimes in das Leben der Bewohner:innen eindringt. Hervorragend ist dabei Susanne Wolff als Frau des Architekten, die dieser frühen Phase des Films emotionale Tiefe und grosse Präsenz verleiht. Ein besonderes Rätsel bleibt der Gärtner, der über die Jahrzehnte hinweg nicht altert. Darin liegt eine der schönsten Ideen des Films. Während Menschen kommen und gehen, politische Ordnungen zusammenbrechen und Besitzverhältnisse sich ändern, bleibt er. Er verkörpert etwas Zeitloses: Beständigkeit, Güte und vor allem Treue. Seine Figur vermittelt das Gefühl, dass das Leben trotz aller Brüche weitergeht – nicht unversehrt, aber doch mit einer stillen Beharrlichkeit.
Etwas zu viel für einen einzigen Film
Gegen Ende verliert HEIMSUCHUNG allerdings etwas an Konzentration. Zu viele historische Ebenen, zu viele Figuren und Schicksale drängen in den Film. Was zunächst präzise und eindringlich erzählt wird, wirkt mit der Zeit überladen. Die einzelnen Geschichten erhalten nicht immer den Raum, den sie bräuchten, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Weniger wäre hier tatsächlich stärker gewesen. Auch Martina Gedeck in der Darstellung der alten Schriftstellerin überzeugt nicht ganz. In den späten Lebensjahren wirkt ihre Verkörperung stellenweise zu sehr gespielt und weniger selbstverständlich als die übrigen Leistungen des Ensembles.

Fazit
HEIMSUCHUNG ist ein Film von grosser Ruhe und visueller Kraft, der Geschichte auf faszinierende Art und Weise an einem einzigen Ort sichtbar und spürbar werden lässt. Schlöndorff verbindet die Schönheit des Sees, die Architektur des Hauses und die wechselnden Schicksale seiner Bewohner:innen zu einem vielschichtigen Bild eines ganzen Jahrhunderts. Nicht jede Episode ist gleich stark, doch die meisten Momente besitzen eine seltene Eleganz und emotionale Wucht. Ein kluger, atmosphärischer Film, der es verdient, auf der grossen Leinwand gesehen zu werden. Ein echter Schlöndorff-Film!

