Mit 28 Jahren setzt die französisch-belgische Schauspielerin Mara Taquin ihren bemerkenswerten Weg zwischen Autorenkino und publikumswirksamen Produktionen (HORS NORMES, RIEN À FOUTRE, LA SYNDICALISTE, LA PETITE) fort. Mit SANGUINE, dem Langfilmdebüt von Marion Le Corroller, überzeugt sie erstmals auch im Genrekino. Der Film, der im Wettbewerb der 25. Ausgabe des Neuchâtel International Fantastic Film Festival gezeigt wurde, verbindet Body Horror mit einer sozialkritischen Erzählung und beleuchtet am Beispiel der jungen Assistenzärztin Margot die zerstörerischen Folgen eines Burn-outs. Wir haben die Schauspielerin zum Interview getroffen.
Mara Taquin | SANGUINE
Filmografie | Mara Taquin
- HORS NORMES (2019), Regie: Olivier Nakache & Éric Toledano
- RIEN À FOUTRE (2021), Regie: Emmanuel Marre & Julie Lecoustre
- AFTER BLUE (PARADIS SALE) (2021), Regie: Bertrand Mandico
- LA RUCHE (2021), Regie: Christophe Hermans
- LA SYNDICALISTE (2022), Regie: Jean-Paul Salomé
- LA BÊTE DANS LA JUNGLE (2023), Regie: Patric Chiha
- LA PETITE (2023), Regie: Guillaume Nicloux
- AU BORD DU MONDE (2024), Regie: Sophie Muselle & Guérin Van de Vorst
- LE MOHICAN (2024), Regie: Frédéric Farrucci
- NINO DANS LA NUIT (2025), Regie: Laurent Micheli
- SANGUINE (2026), Regie: Marion Le Corroller
Für uns am NIFFF 2026 Mara Taquin getroffen hat Ondine Perier
Wie würden Sie SANGUINE und Ihre Figur Margot beschreiben?
SANGUINE behandelt Themen wie Selbstüberforderung, Burn-out und die Folgen beruflicher Erschöpfung für den Körper – und nutzt dafür die Mittel des Genrefilms. Margot hat mich sofort angesprochen, weil sie eine sehr lebensnahe Figur ist: eine ganz normale junge Frau voller Engagement und guter Absichten. Durch das Fantastische gerät sie jedoch in eine völlig aussergewöhnliche Situation. Für eine Schauspielerin ist eine solche Entwicklung unglaublich spannend.
Es ist Ihre erste Erfahrung im Genrekino. Hat Sie dieses schon zuvor interessiert?
Nicht besonders. Ich hatte GRAVE und TITANE gesehen und beide Filme sehr gemocht, aber insgesamt kannte ich diese Art von Kino kaum. Als ich das Drehbuch erhielt, war ich zunächst überrascht. Dann dachte ich mir, genau das sei das Privileg dieses Berufs: unbekannte Welten zu entdecken. Dank diesem Film habe ich ein Genre kennengelernt, das mir grosse Freude bereitet und zu dem ich gerne zurückkehren möchte.
Sie haben sowohl mit etablierten Regisseuren wie Jean-Paul Salomé, Guillaume Nicloux oder dem Regieduo Nakache-Toledano als auch mit jungen Filmschaffenden gearbeitet. Gibt es Unterschiede?
Bei einem Debütfilm wird oft intensiver miteinander gesprochen. Man entwickelt vieles gemeinsam und gibt sich gegenseitig Sicherheit. Es ist auch sehr schmeichelhaft, wenn einem eine Regisseurin oder ein Regisseur den ersten Langfilm anvertraut. Aber auch die Arbeit mit erfahrenen Filmschaffenden ist enorm bereichernd – man lernt unglaublich viel. Letztlich hat jede Regisseurin und jeder Regisseur seine eigene Arbeitsweise. Marion wusste beispielsweise ganz genau, was sie wollte. Ich hatte nie das Gefühl, dass es ihr erster Langfilm war.
Verändert sich Ihre Arbeitsweise je nach Regie?
Absolut. Bei SANGUINE war die medizinische Fachsprache sehr präzise. Deshalb habe ich den gesamten Text bereits vor Drehbeginn auswendig gelernt, um mich am Set vollständig auf das Spiel konzentrieren zu können. Bei RIEN À FOUTRE von Emmanuel Marre und Julie Lecoustre hingegen wurde viel improvisiert. Genau diese Vielfalt liebe ich an meinem Beruf: sich immer wieder auf neue Arbeitsweisen einzulassen.
Sie drehen sowohl in Belgien als auch in Frankreich. Spüren Sie Unterschiede?
Unsere beiden Länder werden oft verglichen, obwohl sie sehr unterschiedlich funktionieren. In Belgien empfinde ich die Hierarchien als flacher. Die Teams sind kleiner und man hat schnell das Gefühl, Teil einer Theatertruppe zu sein. In Frankreich sind die Produktionen oft grösser und ich habe manchmal den Eindruck, dass sich die Techniker:innen weniger selbstverständlich an die Schauspieler:innen wenden. Ich persönlich mag es, wenn sich alle als Teil derselben Gruppe fühlen.
Der Film enthält explizite körperliche Szenen – sowohl Sexszenen als auch Body-Horror-Sequenzen. Welche waren am schwierigsten?
Sexszenen sind immer heikel, weil man eine Intimität preisgibt, die man später auf der Leinwand wieder sieht. Bei diesem Film habe ich bewusst darauf verzichtet, während des Drehs den Kontrollmonitor anzuschauen. Ich wollte akzeptieren, dass mein Körper so gezeigt wird, wie er ist – mit Haut, Falten und kleinen Unvollkommenheiten –, ohne alles kontrollieren zu wollen. Der Dreh selbst verlief dank des grossen Vertrauens innerhalb des Teams sehr entspannt. Erst als ich den fertigen Film sah, wurde es etwas einschüchternd.
Und die Body-Horror-Sequenzen?
Paradoxerweise waren die Szenen mit den körperlichen Veränderungen gar nicht die schwierigsten. Sie bewegten sich schliesslich im Bereich der Fantasie. Anspruchsvoller waren die realistischen Szenen, weil sie eine sehr feine Wahrhaftigkeit verlangten, bevor die Geschichte ins Aussergewöhnliche kippte. Dieses Gleichgewicht war die grösste Herausforderung.
Auch körperlich war der Dreh sehr anstrengend …
Ja! Beim Lesen des Drehbuchs war mir gar nicht bewusst, wie körperlich fordernd der Dreh werden würde. Teilweise stand ich fünf oder sechs Stunden regungslos in der Maske, bevor ich Szenen drehte, in denen ich mich in alle Richtungen verrenken musste. Mein Rücken erinnert sich heute noch daran. Ich glaube, mein Körper war auf diesen ständigen Wechsel zwischen völliger Bewegungslosigkeit und extremer körperlicher Anstrengung nicht vorbereitet.
Sie spielen an der Seite der grossen Karine Viard. War das einschüchternd?
Eigentlich nicht. Ich habe nie davon geträumt, Schauspielerin zu werden, deshalb habe ich grosse Filmstars auch nie idealisiert. Bewundern tue ich sie aber trotzdem. Mit Karine Viard, Isabelle Huppert oder anderen erfahrenen Schauspieler:innen arbeiten zu dürfen, ist ein grosses Glück. Ich beobachte ihre Arbeitsweise und lerne von ihnen. Gleichzeitig lerne ich aber genauso viel von jungen Kolleg:innen.
War es leicht, Margot nach einem Drehtag wieder hinter sich zu lassen?
Ja. Wir hatten ein wunderbares Team und einen starken Zusammenhalt. Nach Drehschluss konnten wir zusammen etwas trinken, uns unterhalten und wieder in den Alltag zurückkehren. Ausserdem hatte ich mich sehr gründlich vorbereitet und meinen gesamten Text bereits vorher gelernt. Dadurch konnte ich Margot am Ende des Tages am Set zurücklassen. Im Moment gelingt es mir noch gut, eine gewisse Distanz zu meinen Figuren zu bewahren.
War das Krankenhaus eine echte Kulisse?
Die Aussenaufnahmen entstanden in einem stillgelegten Krankenhaus, das komplett umgebaut wurde. Die Innenräume des Wohnheims für die Assistenzärzt:innen wurden dagegen im Studio gebaut. Die Arbeit des Szenenbilds und der Spezialeffekte war beeindruckend. Das Krankenhaus wurde dadurch fast zu einem eigenen Spielpartner.
Woran arbeiten Sie als Nächstes?
Nach SANGUINE habe ich LE FAUX SOIR von Michael Roskam gedreht – einen Film über den belgischen Widerstand mit Mélanie Thierry, François Damiens und Arieh Worthalter. Es war mein erster grosser Historienfilm und eine grossartige Erfahrung. Anschliessend spielte ich in einer Serie unter der Regie von Delphine Lehericey, einer Schweizer Regisseurin, die ich sehr bewundere. Ich wünsche jeder Schauspielerin und jedem Schauspieler, einmal mit ihr arbeiten zu dürfen. Jetzt gönne ich mir aber erst einmal etwas Erholung. (lacht)
Vielen Dank für das Interview