Marion Le Corroller legt mit SANGUINE ein ebenso spannendes wie souverän inszeniertes Langfilmdebüt vor. Nach mehreren beachteten Kurzfilmen und einem ungewöhnlichen Werdegang zwischen Finanzwelt und Kino etabliert sie eine unverwechselbare Handschrift an der Schnittstelle von Sozialdrama, Thriller und Body Horror. Bei seiner Weltpremiere in der Mitternachtssektion der Internationale Filmfestspiele Cannes sorgte SANGUINE mit seiner mitreissenden Energie, der präzisen Inszenierung und seinem generationenspezifischen Blick auf Arbeit, Körper und den Verlust der Kontrolle für Aufmerksamkeit.
Marion Le Corroller | SANGUINE
SANGUINE erzählt die Geschichte von Margot, einer jungen Frau, die ihr Medizinstudium mit dem praktischen Jahr beginnt. Kurz nach ihrem Einstieg bemerkt sie rätselhafte Veränderungen an ihrem Körper, die sie sich nicht erklären kann. Gleichzeitig werden in der Notaufnahme immer mehr junge Menschen ihrer Generation eingeliefert – alle mit seltsamen Symptomen und bislang unbekannten Krankheiten.
Ondine Perier hat für uns die Regisseurin am Neuchâtel International Fantastic Film Festival für ein Interview tetroffen
Der Film entstand gemeinsam mit der Schriftstellerin Delphine de Vigan, die Sie sehr bewundern. Wie verlief diese Zusammenarbeit?
Ich hatte das Glück, dank einer Förderung des französischen CNC – der Aide au parcours d’auteur – mit Delphine de Vigan zusammenarbeiten zu können. Dieses Programm ermöglicht es jungen Autor:innen während eines Jahres von einer erfahrenen Persönlichkeit begleitet zu werden. Delphine hat mich ausgewählt und mich während des gesamten Schreibprozesses des Films betreut. Einmal im Monat haben wir uns getroffen, dazwischen habe ich geschrieben, sie hat mir Rückmeldungen gegeben und so sind wir Schritt für Schritt vorangekommen. Ich habe unglaublich viel gelernt, insbesondere über Dramaturgie. Darüber hinaus ist eine echte Freundschaft entstanden – ich schätze sie als Mensch sehr.
Zwischen der literarischen Welt von Delphine de Vigan und Ihrem Film gibt es deutliche Parallelen – etwa in der Art, ein zeitgenössisches Unbehagen einzufangen.
Ja, absolut. Delphine besitzt die Fähigkeit, den Zeitgeist einzufangen, wie etwa in «Les Enfants sont rois». Ihre Texte sind zutiefst gegenwärtig und das entspricht genau dem, was ich auch im Kino suche. Auf den ersten Blick wirkt unsere Zusammenarbeit vielleicht überraschend, aber sie passt letztlich perfekt zu meinem Film.
SANGUINE ist äusserst präzise inszeniert und baut permanent Spannung auf. Das Publikum hat hier in Neuenburg darauf sehr intensiv zu reagiert.
Diese Spannung wurde natürlich ganz bewusst aufgebaut. Der Film dauert rund 90 Minuten und sollte seine Energie von Anfang bis Ende bewahren. Unser Ziel war eine fast körperliche Kinoerfahrung möglich zu machne – mit Angst, Anspannung, aber auch mit dem Vergnügen, sich ganz dem Kino hinzugeben.
Hatten Sie beim Schreiben bereits bestimmte Schauspieler:innen im Kopf?
Nein, nie. Ich schreibe bewusst ohne konkrete Besetzungen im Hinterkopf. Sonst schränkt man sich zu früh ein. Ich möchte, dass die Figuren offen bleiben und wir erst später in einem möglichst breiten Casting die passenden Menschen finden.
War Mara Taquin für die Hauptrolle schnell gesetzt?
Ja, sie war ein echter Glücksfall. Sie kam praktisch ohne Vorbereitung zum Casting, unter Zeitdruck und mit komplizierter Anreise. Trotzdem war sofort etwas da – eine grosse Natürlichkeit und Genauigkeit. Ich habe darauf bestanden, sie nochmals einzuladen, und danach waren sich alle einig. Im Film wird Mara von einer ganzen Generation junger, sehr talentierter Schauspieler:innen umgeben, etwa von Sami Outalbali, den ich bereits in UNE HISTOIRE D'AMOUR ET DE DÉSIR ENTDECKT hatte. Das ist eine unglaublich spannende Generation.
War die Zusammenarbeit mit einer so erfahrenen Schauspielerin wie Karin Viard anders?
Am Anfang hatte ich etwas Respekt. Ich drehe meinen ersten Langfilm und sie verfügt über eine riesige Erfahrung. Aber das hat sich sofort gelegt. Sie war unglaublich offen und nie hierarchisch. Sie brachte viele eigene Ideen ein und jede Einstellung war anders. Für mich war das beinahe eine Masterclass.
Hat sie die Rolle sofort angenommen?
Ja. Sie war sofort vom Projekt begeistert – vor allem von der Möglichkeit, erstmals in einem Genrefilm mitzuwirken. Zudem wollte sie bewusst mit jungen Filmschaffenden arbeiten, dementsprechend war sie vom ersten Moment an sehr motiviert.
Der Film hat ein hohes Tempo.
Ja, der Rhythmus ist zentral. Als Zuschauerin langweile ich mich schnell, deshalb hatte das für mich höchste Priorität. Gemeinsam mit dem Cutter Jérôme Etavey haben wir eine Montage entwickelt, die die Spannung nie abfallen lässt. Das Publikum soll körperlich erleben, was die Figuren durchmachen – ähnlich einem Gefühl des Erstickens.
Man spürt auch eine sehr persönliche Ebene, besonders im Blick auf die Arbeitswelt.
Ja. Ich habe ursprünglich eine Wirtschaftshochschule besucht und in der Finanzbranche gearbeitet. Dort erlitt ich ein Burn-out. Mit 23 Jahren fragte ich mich, was ich eigentlich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich fand in diesem Umfeld keinen Sinn mehr und entschied mich für einen Neuanfang.
Trotz des ernsten Themas gibt es viel Humor im Film.
Genau, das war mir sehr wichtig. Ich wollte einen lebendigen Film machen, der zwischendurch auch komisch und überraschend ist. Humor hilft, die Spannung aufzulösen – und entspricht auch meiner eigenen Art, auf die Welt zu blicken.
Das Genrekino scheint Ihre bevorzugte Ausdrucksform zu sein.
Absolut! Ich liebe das Genrekino. Es ermöglicht mir, politische Themen mit Unterhaltung zu verbinden. Ich möchte als Zuschauerin mitgerissen werden und starke Emotionen erleben – nicht nur auf einer rein intellektuellen Ebene.
Gibt es Filmschaffende, die Sie besonders beeinflusst haben?
Yorgos Lanthimos, Ari Aster, Julia Ducournau, Coralie Fargeat und natürlich Quentin Tarantino. Besonders Pulp Fiction fasziniert mich wegen seines schrägen Tons und der absurden Komik mancher Szenen.
Ihr beruflicher Weg war ungewöhnlich.
Stimmt! Ich habe an der Sorbonne studiert und danach zunächst in der Finanzbranche gearbeitet. Sehr schnell wurde mir jedoch klar, dass das nicht mein Weg ist. Ich begann noch einmal neu, studierte Drehbuch und finanzierte meine ersten Kurzfilme mit eigenen Ersparnissen. So hat alles angefangen.
Bis zum ersten Langfilm verging allerdings viel Zeit.
Fast zehn Jahre liegen zwischen meiner beruflichen Neuorientierung und der Fertigstellung von SANGUINE. Es war ein langer Weg mit vielen Etappen, Zweifeln und wichtigen Begegnungen aber es hat sich gelohnt.
Zum Schluss: Wie würden Sie SANGUINE in drei Worten beschreiben?
Jung. Unkonventionell. Engagiert.
Vielen Dank für dieses Gespräch