Am stärksten an den 61. Solothurner Filmtagen berührte ein Film, der gar nichts beweisen wollte: UNISONO von Georges Gachot. In nur sieben Drehtagen und mit minimalem Budget dokumentiert der Regisseur die Proben eines Jugend-Sinfonieorchesters in Boswil. Mit grosser Nähe, musikalischer Hingabe und charismatischen Protagonist:innen entfaltet der Film eine Sogwirkung, die bei seiner Weltpremiere zu Standing Ovations führte – ein stilles Plädoyer für die Kraft der Kunst.
UNISONO - VON DER LIEBE ZUR MUSIK
UNISONO | SYNOPSIS
Der Film begleitet talentierte junge Schweizer Musiker:innen bei ihrer Arbeit, ihrer Suche nach Inspiration, aber auch bei ihren Überlegungen, wie man heutzutage die «alte» klassische Musik spielen soll. Gefilmt wurde im Sommer 2020 in der Kirche des Künstlerhauses Boswil. Das musikalische Programm beinhaltete Werke von Antonín Dvořák, Henryk Górecki und dem unkonventionellen finnischen Komponisten und Jazzpianisten Iiro Rantala, der sich ihnen anschloss, um sein Crossover-Klavierkonzert «Best of Beethoven» aufzuführen.
UNISONO | REZENSION
Für arttv.ch gesehen hat den Film an den 61. Solothurner Filmtagen Geri Krebs.
WENN MUSIK PLÖTZLICH ALLES IST
Manchmal sind es gerade die unscheinbaren Filme, die am stärksten nachhallen. UNISONO von Georges Gachot gehört in diese Kategorie. Kein grosses gesellschaftspolitisches Thema, keine spektakuläre Dramaturgie, kein inszenierter Konflikt – und trotzdem entwickelt der Film eine erstaunliche Sogwirkung, wie man es im Kino nur selten erlebt. Gachot begleitet das Jugend-Sinfonieorchester Aargau während einer intensiven Probenwoche im Künstlerhaus Boswil. Rund 60 junge Musiker:innen zwischen 15 und 26 Jahren treffen aufeinander, um innerhalb weniger Tage ein anspruchsvolles Programm einzustudieren. Was zunächst nach einer eher konventionellen Musikdokumentation klingt, wird zu einem wunderbar unmittelbaren Film über Konzentration, Leidenschaft und Gemeinschaft – und über jene Momente, in denen aus vielen «Einzelmasken» plötzlich ein Klangkörper entsteht.
KLASSIK OHNE STAUB
Das Schöne an UNISONO ist, wie selbstverständlich hier klassische Musik jung wirkt. Antonín Dvořák und Henryk Górecki erscheinen nicht als ehrwürdige Komponisten, vor deren Werken man in respektvoller Distanz erstarren müsste. Ihre Musik wird von einer Generation gespielt, die sie neu entdeckt und mit ihrem eigenen Lebensgefühl füllt. Dirigent Hugo Bollschweiler verlangt seinen Musiker einiges ab. Immer wieder wird geprobt, korrigiert und nochmals angesetzt. Doch Gachot interessiert sich weniger für Perfektion als für den Weg dorthin. Er beobachtet Gesichter, Blicke, Hände und Körper. Er zeigt Anspannung und Erschöpfung ebenso wie jene kurzen Augenblicke, in denen plötzlich alles stimmt. Das ist unter anderem ein weiterer Pluspunkt des Films: Man muss nichts von klassischer Musik verstehen, um mitzufiebern.
DANN KOMMT IIRO RANTALA
Der finnische Jazzpianist und Komponist bringt mit seinem Klavierkonzert THE BEST OF BEETHOVEN nochmals eine andere Energie in die Proben. Beethoven trifft auf Jazz, Tango und Humor. Noch entscheidender aber ist, dass Rantala die jungen Musiker:innen mit einer Welt konfrontiert, die im klassischen Orchester nicht unbedingt selbstverständlich ist: der Improvisation. Unweigerlich geht es nicht mehr nur darum, möglichst genau das zu spielen, was auf dem Notenblatt steht. Es geht ums Reagieren, Ausprobieren und Loslassen. Und damit stellt der Film ganz nebenbei eine interessante Frage: Wie viel Freiheit verträgt klassische Musik? Rantala ist dabei ein Glücksfall für den Film. Mit seiner unkonventionellen Art bildet er einen wunderbaren Gegenpol zur Disziplin des Orchesters und zeigt gleichzeitig, wie lebendig musikalische Tradition sein kann, wenn man keine Angst davor hat, mit ihr zu spielen.
GANZ NAH DRAN
Georges Gachot kennt die Welt der Musik. Seine Filme über Martha Argerich, João Gilberto oder Erroll Garner haben immer wieder gezeigt, dass ihn weniger das klassische Künstler:innenportrait interessiert als der geheimnisvolle Moment, in dem Musik entsteht. Auch bei UNISONO sucht er nicht die grosse Erklärung. Seine Kamera bleibt nahe bei den Protagonist:innen und vertraut darauf, dass sich deren Begeisterung überträgt. Gedreht wurde während gerade einmal sieben Tagen und mit bescheidenen Mitteln. Das wird jedoch nie zum Nachteil. Im Gegenteil: Die Konzentration auf einen Ort und einen kurzen Zeitraum gibt dem Film seine besondere Intensität. Man hat zunehmend das Gefühl, selbst mitten in diesen Proben zu sitzen.
DIE KUNST DES ZUHÖRENS
UNISONO erzählt dabei von weit mehr als Musik. Ein Orchester funktioniert nur, wenn alle hervorragend spielen und gleichzeitig bereit sind, sich zurückzunehmen. Die Musiker:innen müssen aufeinander hören, reagieren, Verantwortung übernehmen und gelegentlich das eigene Ego vergessen, diese Erfahrung von Gemeinschaft, macht den Film umso berührender. In einer Zeit, in der Individualität oft als höchstes Gut verkauft wird, zeigt Gachot eine Gruppe junger Menschen, die etwas Grosses gerade dadurch erschafft, dass niemand allein im Mittelpunkt steht, sich niemand in den Vordergrund drängt und sich besonsers wichtig fühlt. Vielleicht ein generelles Rezept, das unserer Gesellschaft Not tun würde. Das klingt an dieser Stelle pathetisch. Im Film wirkt es aber überhaupt nicht so. Denn UNISONO formuliert keine Botschaften. Der Film beobachtet. Und irgendwann hört man nicht mehr einfach nur einem Orchester beim Proben zu, sondern erlebt, wie aus Anstrengung Begeisterung und aus vielen einzelnen Stimmen tatsächlich ein gemeinsamer Klang entsteht.
FAZIT
UNISONO ist ein kleines filmisches Juwel: unaufdringlich, warmherzig und voller musikalischer Energie. Georges Gachot zeigt klassische Musik nicht als museales Kulturgut, sondern als etwas vollkommen Gegenwärtiges. Vor allem aber gelingt ihm ein Film über junge Menschen, die mit Leidenschaft etwas gemeinsam erschaffen.