Abseits des offiziellen Wettbewerbs entstehen in Cannes oft die grössten Entdeckungen. In den Parallelsektionen «Un Certain Regard», «Semaine de la Critique», «Quinzaine des Cinéastes» und ACID laufen Filme, die neue Talente sichtbar machen, ungewöhnliche Perspektiven eröffnen und häufig näher am Puls der Gegenwart sind als die grossen Prestigeproduktionen. Unsere Autorin Ondine Perier ist mit ihren persönlichen Favoriten dieser Festivalausgabe im Gepäck nach Zürich zurückgekehrt.
Cannes 2026: Unsere Lieblingsfilme abseits des Wettbewerbs
- Publiziert am 17. Juni 2026
Filme aus den Sektionen «Un Certain Regard», «Semaine de la Critique», «Quinzaine des Cinéastes» und ACID.
Diese Filme bleiben Ondine Perier in besonderere Erinnerung:
Semaine de la Critique
LA FRAPPE – Regie: Julien Gaspar-Oliveri
Mit den vielversprechenden Nachwuchsdarsteller:innen Diego Murgia und Romane Fringeli erzählt LA FRAPPE die Geschichte der Geschwister Enzo und Carla. Während Enzo auf Märkten arbeitet, studiert Carla weiter. Die Rückkehr ihres Vaters nach fünf Jahren Haft reisst alte Wunden auf und konfrontiert die beiden mit den traumatischen Folgen einer von Gewalt geprägten Kindheit. Bastien Bouillon überzeugt dabei als missbräuchlicher Vater in einer beklemmenden Rolle. Ein eindrucksvolles Debüt voller Sensibilität, das mit zunehmender Spannung und einem hervorragenden Ensemble direkt ins Herz trifft.
DUA
Vor dem Hintergrund der Spannungen zwischen Albaner:innen und Serb:innen im Kosovo erzählt DUA vom Erwachsenwerden einer Jugendlichen, die viel zu früh mit Gewalt konfrontiert wird. Die junge Hauptdarstellerin trägt den Film mit beeindruckender Intensität. Brutale Szenen wechseln sich mit berührenden Momenten familiärer Nähe ab. Trotz Angst und täglicher Bedrohungen bleibt die Familie ein Ort des Zusammenhalts. Zwischen ersten Lieben, Musik und Jugendträumen zeigt der Film eindrücklich den Verlust der Unbeschwertheit. Ein sensibles und bewegendes Coming-of-Age-Drama über Freundschaft, Selbstbehauptung und Widerstandskraft.
IN WAVES
Der visuell beeindruckende Animationsfilm erzählt die bewegende Liebesgeschichte zwischen der kalifornischen Surferin Kristen und dem 16-jährigen Skater AJ. Vor traumhaften Küstenlandschaften und leuchtenden Sonnenuntergängen entfaltet sich zunächst eine poetische Romanze, bevor ein Schicksalsschlag alles verändert. Basierend auf einer persönlichen Erfahrung des Regisseurs überzeugt IN WAVES durch seine emotionale Ehrlichkeit. Die eindringliche Musik von Rob und O’Clough sowie die raffinierte Montage mit Rückblenden und Farbwechseln machen Erinnerungen und Gefühle auf besondere Weise erfahrbar. Ein zutiefst berührender Film über Liebe, Krankheit, Verlust und die Kraft des Weiterlebens.
ACID
VIRAGES
Zwischen Dokumentarfilm und Fiktion angesiedelt, porträtiert VIRAGES die trans Frau Johana, die versucht, ihren Platz in der Welt der Automobilmechanik zurückzuerobern. Einst Teil der Coccinelle-Rennszene, wurde sie nach ihrer Transition ausgegrenzt. Nun restauriert sie ihren alten Volkswagen, um erneut an einem Rennen teilzunehmen. Der Film verbindet soziale Realität mit poetischen, fast traumartigen Bildern und schafft so eine besondere Atmosphäre. Johana beeindruckt mit Charisma, Beharrlichkeit und grosser Kreativität. VIRAGES erzählt von Ausgrenzung, aber auch von Solidarität und Freundschaft – und findet in seiner wunderschönen Schlussszene einen ebenso versöhnlichen wie kraftvollen Abschluss.
Quinzaine des Cinéastes
GABIN – Regie: Maxence Voiseux
Dieses Langzeitporträt begleitet Gabin von seinem achten bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr im ländlichen Norden Frankreichs. Zwischen der Metzgerei seines Vaters und dem Bauernhof seiner Mutter sucht er nach seinem eigenen Weg. Der Film beobachtet mit grosser Feinfühligkeit die Herausforderungen der Landwirtschaft und die Fragen eines Jugendlichen, der zwischen familiären Erwartungen und persönlichen Träumen steht. Aus einer sehr konkreten Lebensgeschichte entsteht ein universelles, zutiefst humanistisches Porträt über Herkunft, Verantwortung und Selbstbestimmung.
Un Certain Regard
I’LL BE GONE IN JUNE
Als poetisches filmisches Tagebuch angelegt, begleitet I’LL BE GONE IN JUNE die junge Deutsche Franzi während ihres Austauschjahres in New Mexico im Jahr 2001. In einer von Dürre geprägten Landschaft und im Schatten der Anschläge vom 11. September sucht sie ihren Platz in einer sich verändernden Welt. Durch Videoaufnahmen, Erinnerungen und Begegnungen entsteht das sensible Porträt einer jungen Frau auf der Suche nach Orientierung. Besonders die zarte Liebesgeschichte mit dem geheimnisvollen Musiker Elliot verleiht dem Film eine melancholische Wärme. Vor eindrucksvollen Wüstenlandschaften thematisiert der Film kulturelle Unterschiede, Freundschaft und die Zerbrechlichkeit einer Generation. Trotz einiger Längen überzeugt er durch seine Aufrichtigkeit und die Schönheit seiner stillen Momente.