Präsentiert an der Quinzaine des Cinéastes, begleitet GABIN über mehr als zehn Jahre hinweg die Entwicklung eines Jugendlichen aus Nordfrankreich, der zwischen der Verbundenheit mit seinen ländlichen Wurzeln und dem Wunsch nach Selbstbestimmung hin- und hergerissen ist. Der Langzeitdokumentarfilm von Maxence Voiseux zeichnet ein zutiefst intimes Porträt eines jungen Menschen auf der Suche nach seinem eigenen Weg. Wir haben Maxence Voiseux zum Interview getroffen.
Maxence Voiseux | GABIN
- Publiziert am 17. Juni 2026
GABIN | SYNOPSIS
Im Norden Frankreichs scheint der Lebensweg von Gabin, dem jüngsten Sohn der Familie Jourdel, bereits vorgezeichnet: Eines Tages soll er die Metzgerei seines Vaters übernehmen. Doch zwischen familiärer Loyalität und dem Wunsch nach einem eigenen Leben träumt er von anderen Dingen. Er möchte eine preisgekrönte Kuh dressieren, Hundezüchter werden und den von der Insolvenz bedrohten Bauernhof seiner Mutter retten. GABIN begleitet den jungen Franzosen von seinem achten bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr und zeichnet das Porträt eines Heranwachsenden, der seinen eigenen Weg sucht, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
MAXENCE VOISEUX | KURZBIOGRAFIE
Maxence Voiseux wurde 1988 in den Ardennen geboren. Nach einem naturwissenschaftlichen Studium absolvierte er die Dokumentarfilm-Ausbildung an der Universität Paris VII, wo er sich auf Regie und Montage spezialisierte. Mit GABIN realisiert er seinen ersten Langfilm. Das über mehr als zehn Jahre entstandene Dokumentarfilmprojekt feierte seine Premiere an der Quinzaine des Cinéastes und machte Voiseux auf Anhieb zu einer vielbeachteten neuen Stimme des französischen Dokumentarfilms.
INTERVIEW MAXENCE VOISEUX
Von Ondine Perier
Wie entstand die Idee zu diesem Film?
Ich kannte Gabin und seine Familie bereits, weil ich diese in einem früheren Dokumentarfilm, LES HÉRITIERS, gefilmt hatte, den ich vor mehr als zehn Jahren gedreht habe. Gabins Vater spielte darin bereits eine wichtige Rolle. Gabin war damals acht Jahre alt und erschien als kleiner Junge, der seinem Vater ständig auf den Fersen war. Ich blieb der Familie eng verbunden. Eines Tages besuchte ich die Familienmetzgerei. Dort traf ich Gabin wieder, der inzwischen etwa zehn Jahre alt war. Er hatte gerade mit Breakdance begonnen und führte mir eine ebenso unbeholfene wie berührende Tanznummer vor. Während er tanzte, rief ihn sein Vater aus dem hinteren Teil der Metzgerei, damit er beim Verschieben eines Tierkörpers helfen konnte. Ich fand, dass darin bereits eine wunderbare Spannung lag: zwischen Kindheit, dem sich verändernden Körper, dem Tanz und dem Gewicht des familiären Erbes. Aus dieser Szene heraus entstand der Wunsch, diesen Film zu machen.
Sie haben diese Familie über mehr als zehn Jahre begleitet. Hatten Sie von Anfang an ein genaues Konzept?
Zu Beginn wollte ich vor allem die Zeit mit ihnen durchschreiten und ein grosses Familienpanorama schaffen. Meine Vorbilder stammten eher aus der Literatur als aus dem Kino, insbesondere «Les Thibault» von Roger Martin du Gard, das die Beziehung zweier Brüder über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg erzählt. Im Kino fühle ich mich – auch wenn ich die Filme von Richard Linklater sehr schätze – eher dem dokumentarischen Arbeiten von Gianfranco Rosi verbunden oder Regisseuren wie Thierry de Peretti und Maurice Pialat, besonders in ihrer Art, Familien und Regionen zu porträtieren. Ich filmte mehrmals pro Jahr, jedoch ohne festen Zeitplan. Alles hing davon ab, was gerade im Leben von Gabin geschah.
Der Film gewährt einen aussergewöhnlich intimen Einblick in das Familienleben. Wie entstand dieses Vertrauen?
Dieses Vertrauensverhältnis bestand bereits durch die früheren Filme. Gleichzeitig bedeutete diese Nähe auch eine enorme ethische Verantwortung. Nie zuvor habe ich mich so intensiv mit den Fragen des Dokumentarfilms auseinandergesetzt wie bei diesem Projekt. Ich habe viel mehr Zeit mit der Familie ohne Kamera verbracht als während der Dreharbeiten. Wir sprachen oft darüber, was im Film Platz haben durfte und was nicht. Unsere Beziehung bestand aus Freundschaft, Zuneigung und Kino zugleich. Die Grenzen dazwischen wurden manchmal sehr unscharf. Wenn ich zum Drehen kam, entwickelten wir häufig gemeinsam Situationen aus ihrem tatsächlichen Leben heraus. Danach veränderte das Leben selbst alles wieder.
Der Film behandelt Themen wie Weitergabe von Traditionen, Landleben und Selbstbestimmung. Wollten Sie damit eine bestimmte Botschaft vermitteln?
Ich glaube nicht an das Kino mit Botschaft. Der Film erzählt einfach von Dingen, die unsere Gegenwart prägen: von der Landwirtschaft, familiären Beziehungen und der Frage nach der Emanzipation. Was mich an Gabin besonders berührte, war, dass er viele Widersprüche unserer Zeit verkörpert. Sein Vater ist Metzger und damit mit dem Tod beziehungsweise dem Töten verbunden. Seine Mutter ist Viehzüchterin und damit dem Lebendigen verbunden. Gabin liebt Tiere, isst aber Fleisch. Er möchte weggehen und bleibt seinem Herkunftsmilieu doch tief verbunden. Er bewegt sich ständig zwischen Fernweh und Zugehörigkeit.
Beeindruckend ist auch die Sanftheit, mit der er seinen eigenen Weg geht.
Ja, und genau das berührt mich am meisten. Ich sage oft, Gabin sei «gegangen, ohne die Tür zuzuschlagen». Viele Geschichten über Emanzipation erzählen von spektakulären Brüchen. Bei ihm ist das anders. Er hat seinen Weg Schritt für Schritt gefunden, mit Würde und ohne seine Familie oder seine Herkunft zu verleugnen.
Was waren die grössten Herausforderungen während der Dreharbeiten?
Die erste Herausforderung war die Zeit selbst. Man musste ständig entscheiden, wann gedreht wird, was gefilmt werden soll und welchen Moment man keinesfalls verpassen darf. Ich wollte vermeiden, dass Auslassungen allein durch Produktionszwänge bestimmt werden. Die zweite Schwierigkeit war noch viel grundlegender: die Vermischung von Leben und Kino. Mit den Jahren wussten selbst wir manchmal nicht mehr genau, wo das eine aufhörte und das andere begann. Manchmal wusste Gabin nicht mehr, ob er mit Maxence sprach – dem «Cousin», wie er mich nannte – oder mit dem Filmemacher. Diese Nähe hat mich immer wieder dazu gebracht, meine Rolle und die Art, wie man das Leben anderer Menschen darstellt, zu hinterfragen.
Der Schnitt muss gewaltig gewesen sein.
Ja. Lange Zeit war der Film viel zu linear erzählt. Wir hatten so viel Material gesammelt, dass praktisch alles erzählenswert schien. Die eigentliche Arbeit bestand darin, wegzulassen, Off-Räume zu schaffen, Stille zuzulassen und Platz für die Zuschauer:innen zu schaffen.
Welche Reaktionen seit der Premiere in Cannes haben Sie besonders bewegt?
Am meisten überrascht hat mich die Universalität der Reaktionen. Menschen, die weder mit der Landwirtschaft noch mit Frankreich etwas zu tun haben, finden sich in diesem Film wieder. Im Kern erzählt GABIN von einer grundlegenden Frage: Wie gestaltet man sein eigenes Leben und bleibt gleichzeitig dem treu, was man ist und woher man kommt?
Kommen Sie selbst aus dieser Region?
Meine Familie stammt aus derselben Gegend im Norden Frankreichs wie die Familie von Gabin, aber ich bin dort nicht aufgewachsen. Meine Verwandten leben allerdings bis heute dort.
Warum tauchen Gabins Brüder im Film nicht auf?
Anfangs habe ich sie stärker gefilmt. Einer von ihnen lag jedoch ständig mit Gabin im Streit, und ich hatte kein Interesse daran, fortlaufende Konflikte zu dokumentieren. Ausserdem gab es bereits viele starke Figuren um Gabin herum: seine beste Freundin Lilou, Catherine, eine Lehrerin, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielt, und natürlich seine Eltern.
Wie haben Sie reagiert, als der Film für die Quinzaine des Cinéastes ausgewählt wurde?
Es fühlte sich völlig unrealistisch an. Das Erste, was ich getan habe, war, Gabin anzurufen. Ein Jahr lang hatten wir scherzhaft davon gesprochen, gemeinsam nach Cannes zu fahren, ohne wirklich daran zu glauben. Zugleich war ich unglaublich stolz, diesen Film in die Geschichte der Quinzaine einzuschreiben – an der Seite von Filmschaffenden, die ich zutiefst bewundere, wie Chantal Akerman oder Thierry de Peretti.
Arbeiten Sie bereits an einem neuen Projekt?
Ja, wahrscheinlich an einer Spielfilmadaption des Romans «Comme une bête» von Joy Sorman. Auch diese Geschichte spielt im Umfeld des Metzgerhandwerks. Der Film wird von einem jungen Ausnahmetalent erzählen, dem eine grosse Karriere bevorsteht, bis er beginnt, sein Verhältnis zu Fleisch und Tieren grundlegend zu hinterfragen. Es wird ein Genrefilm mit fantastischen Elementen sein, der erneut im Norden Frankreichs verankert ist und Themen aufgreift, die mich schon heute beschäftigen.
Vielen Dank für dieses Gespräch