Wie lassen sich künstlerische Freiheit, gelebte Homosexualität und glühende Begeisterung für den Nationalsozialismus miteinander vereinbaren? In ihrem Dokudrama IM SCHATTEN DER BILDER zeichnet die deutsche Schauspielerin und Filmemacherin Birgitta Weizenegger das widersprüchliche Leben der österreichischen Künstlerin Stephanie Hollenstein nach. Mit Interviews, Archivmaterial und nachinszenierten Szenen entsteht das Porträt einer unabhängigen Frau, die sich bis heute keiner eindeutigen Kategorie zuordnen lässt.
IM SCHATTEN DER BILDER – Die widersprüchliche Künstlerin Stephanie Hollenstein
IM SCHATTEN DER BILDER | REZENSION
von Walter Gasperi
Eine Spurensuche beginnt
Ausgangspunkt des Films ist Stephanie Hollensteins Grab auf dem Friedhof St. Peter und Paul in Lustenau. Von hier aus begibt sich Birgitta Weizenegger auf die Suche nach der Künstlerin, die 1886 als Bauerntochter geboren wurde und 1944 in Wien starb.
Vier Jahre arbeitete die vor allem durch ihre langjährige Rolle in der Kultserie LINDENSTRASSE bekannte Schauspielerin an ihrem Film. Ohne öffentliche Fördermittel übernahm sie nicht nur Regie und Drehbuch, sondern auch Kamera, Schnitt und Produktion.
Dass Hollenstein inzwischen wieder verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rückt, zeigen auch zwei 2025 erschienene Bücher: Nina Schedlmayers Biografie «Hitlers queere Künstlerin. Stephanie Hollenstein – Malerin und Soldat» sowie Brigitte Herrmanns Roman «Die Suche nach der eigenen Farbe – Das widersprüchliche Leben der Malerin Stephanie Hollenstein». Dennoch sind persönliche Dokumente und private Bildquellen bis heute rar.
Zwischen Kunst, Krieg und Ideologie
Weizenegger ordnet Hollensteins Leben deshalb sorgfältig in die politischen Entwicklungen ihrer Zeit ein: vom Ende des Ersten Weltkriegs über den Austrofaschismus bis zum «Anschluss» Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938.
Im Zentrum stehen Interviews mit Expert wie der Kunsthistorikerin Nina Schedlmayer, dem Lustenauer Gemeindearchivar Oliver Heinzle, dem Vorarlberger Kunstsammler Alwin Rohner und Hannes Sulzenbacher, dem Leiter von «QWIEN – Zentrum für queere Geschichte».
Talking Heads prägen die konventionelle Form des Films. Ergänzt durch historische Aufnahmen sowie Hollensteins Zeichnungen und Gemälde entsteht dennoch ein dichtes und schlüssiges Bild ihrer Biografie. Dabei werden die Widersprüche nicht nur offengelegt, sondern teilweise auch historisch eingeordnet.
So scheint sich Hollenstein in den 1930er-Jahren von ihrem expressionistischen Stil abgewandt zu haben – einer Kunstrichtung, die von den Nationalsozialist als «entartet» diffamiert wurde. Stattdessen malte sie zunehmend konventionelle Blumen- und Landschaftsbilder.
Oliver Heinzle erinnert gleichzeitig daran, dass der Nationalsozialismus von vielen Zeitgenoss keineswegs nur als rückwärtsgewandte Bewegung wahrgenommen wurde. Seine Versprechen von Fortschritt, gesellschaftlicher Erneuerung und nationaler Gemeinschaft übten gerade in Krisenzeiten eine starke Anziehungskraft aus.
Im Gefängnis der eigenen Geschichte
Neben Interviews und Archivmaterial setzt Weizenegger auf nachinszenierte, dialoglose Szenen. In gestochen scharfen Schwarzweissbildern verkörpert die Jungschauspielerin Louisa Sophie Egger Hollenstein als Lustenauer Bauernkind.
Irina Wrona spielt die erwachsene Künstlerin als Gefangene in einem kahlen Raum mit Pritsche und vergittertem Fenster. Dort wird sie mit den Aussagen heutiger Expert konfrontiert. Verstört reagiert sie auf die Deutungen ihres Lebens und pocht immer wieder auf ihre eigene Stimme und ihre fortdauernde Präsenz.
Nicht alle diese Szenen besitzen die gleiche erzählerische Kraft. Doch sie durchbrechen die fernsehdokumentarische Form und schaffen Momente der Reflexion. Die historische Figur wird dabei nicht bloss beschrieben, sondern als jemand inszeniert, der sich gegen die nachträgliche Vereinnahmung und Bewertung zur Wehr setzt.
Eine Frau, die sich nicht einordnen lässt
Besonders eindrücklich ist Hollensteins früher Lebensweg. 1904 schaffte die damals 18-jährige Bauerntochter den Sprung an die Königliche Kunstgewerbeschule in München – eine aussergewöhnliche Leistung für eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen.
Während des Ersten Weltkriegs meldete sie sich unter dem Namen Stephan Hollenstein als Soldat und kämpfte an der Dolomitenfront. Erst als ihre Vorgesetzten ihr Geschlecht entdeckten, wurde sie nach Hause geschickt. Als Kriegsmalerin kehrte sie wenig später zurück und dokumentierte das Elend der Soldaten.
Ebenso aussergewöhnlich war ihre offen gelebte Homosexualität. Gleichzeitig trat Hollenstein bereits 1934 – trotz des damaligen Verbots der Partei in Österreich – der NSDAP bei. Nach dem «Anschluss» stieg sie zur Vorsitzenden des Künstlerverbands Wiener Frauen auf und machte innerhalb des nationalsozialistischen Kulturbetriebs Karriere.
Gerade diese Verbindung aus gesellschaftlicher Unabhängigkeit und ideologischer Anpassung irritiert. Hollenstein widersetzte sich den traditionellen Erwartungen an Frauen und liebte Frauen – unterstützte aber gleichzeitig ein Regime, das homosexuelle Menschen verfolgte und moderne Kunst bekämpfte.
Keine einfache Antwort
Birgitta Weizenegger versucht nicht, diese Gegensätze aufzulösen. Ihr ruhiger Kommentar verzichtet weitgehend auf moralische Urteile. Stattdessen rekonstruiert sie Hollensteins Leben chronologisch, sachlich und mit spürbarer Neugier.
Darin liegt die Stärke von IM SCHATTEN DER BILDER. Der Film macht deutlich, dass ein unangepasstes Leben nicht automatisch mit einer fortschrittlichen politischen Haltung verbunden ist. Persönliche Emanzipation schützt nicht vor ideologischer Verblendung.
Fazit
IM SCHATTEN DER BILDER ist formal ein eher konventionelles, teilweise fernsehhaftes Dokudrama. Dass viele gestalterische Entscheidungen dem sehr begrenzten Budget geschuldet sind, lässt sich kaum übersehen. Dennoch gelingt Birgitta Weizenegger ein differenziertes und anregendes Porträt.
Indem sie Stephanie Hollensteins Widersprüche weder entschuldigt noch vorschnell verurteilt, eröffnet sie einen Raum für unbequeme Fragen: Wie viel Widerspruch hält eine Biografie aus? Wie unabhängig kann Kunst von politischer Überzeugung betrachtet werden? Und weshalb schützten persönliche Freiheit und gesellschaftlicher Eigensinn Hollenstein nicht vor der Faszination des Nationalsozialismus?
Gerade weil der Film keine eindeutigen Antworten liefert, bleibt er im Gedächtnis.

Die Orginalrezension findest du auf www.film-netz.com