Ein Krankenhaus, eine Perückenfabrik und ein abgelegener Bauernhof werden zu Schauplätzen des Schreckens: SANGUINE und SLEEP NO MORE übersetzen Burn-out und unmenschliche Arbeitsbedingungen in drastischen Body-Horror. In HISTOIRES DE LA NUIT dringt die Gewalt dagegen in die vermeintliche Sicherheit einer Familie ein. Drei Filme vom NIFFF 2026 zwischen Gesellschaftskritik und Genrekino.
NIFFF 2026 - Leistungsdruck, Ausbeutung und Gewalt
- Publiziert am 15. Juli 2026
Für uns am NIFFF gesehen hat die drei Filme Ondine Perier
SANGUINE | Marion Le Corroller
Nachdem Marion Le Corroller während ihrer Tätigkeit in der Finanzbranche selbst ein Burn-out erlitten hatte, verarbeitet sie diese Erfahrung in einem ebenso persönlichen wie eindringlichen Langfilmdebüt. SANGUINE folgt Mila, einer jungen Assistenzärztin, die in einem hochmodernen Krankenhaus arbeitet, in dem das Streben nach Leistung die Pflegenden zunehmend aufzehrt. Mit einer poppigen, stilisierten Inszenierung, futuristischen Kulissen und einfallsreichem Body-Horror verleiht die Regisseurin den körperlichen und psychischen Folgen des Arbeitsdrucks ein Gesicht.
Mara Taquin beeindruckt in der Hauptrolle. An ihrer Seite spielen Kim Higelin und Sami Outalbali, während Karin Viard als toxische Chefärztin für eisige Momente sorgt.
Getragen von der elektrisierenden Musik von ROB behauptet sich SANGUINE als ebenso sinnlicher wie politischer Schock im Genrekino.
Interviews mit der Regisseurin und der Hauptdarstellerin am Ende der Seite.
SLEEP NO MORE | Edwin
In der bedrückenden Atmosphäre einer Perückenfabrik im Osten Jakartas versuchen zwei Schwestern, den brutalen Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Als sie selbst eine Stelle in der Fabrik antreten, entdecken sie eine Welt, in der etwas ganz und gar nicht stimmt. Mit SLEEP NO MORE legt Edwin eine bitterböse Satire auf die Fliessbandarbeit vor und verwandelt berufliche Erschöpfung in einen Horrortrip.
Halluzinationen, körperliche Mutationen und makabre Visionen bestimmen den Alltag von Angestellten, die aufgrund ihrer Erschöpfung buchstäblich Gliedmassen verlieren. Die seltsame Fabrik produziert ebenso viele Perücken wie Prothesen, mit denen die zerstörten Körper ersetzt werden sollen. Getragen von einer beklemmenden Musik und einem überzeugenden Ensemble – insbesondere Rachel Amanda und Lutesha als Schwestern im Angesicht des Grauens – setzt der Film stärker auf Gore als auf Spannung. Verstümmelungen, abgetrennte Gliedmassen und drastische Bilder häufen sich bisweilen bis zum Exzess. Ein wirkungsvoller und verstörender Film, dessen Aussage über das Leiden in der Arbeitswelt letztlich jedoch weniger eindringlich und deutlich plakativer ausfällt als jene von SANGUINE, unserem Festivalfavoriten.
HISTOIRES DE LA NUIT | Léa Mysius
Léa Mysius’ HISTOIRES DE LA NUIT basiert auf dem 2020 erschienenen Roman von Laurent Mauvignier. Im Zentrum stehen Nora, Thomas und ihre Tochter Ida, die auf einem abgelegenen Bauernhof leben. Eine Geburtstagsfeier gerät ausser Kontrolle, als ein geheimnisvolles Trio uneingeladen in ihr Zuhause eindringt.
Der im offiziellen Wettbewerb von Cannes präsentierte psychologische Home-Invasion-Thriller besticht durch seine permanente Spannung und seine beklemmende, beinahe klaustrophobische Atmosphäre. Getragen wird der Film von einer hochkarätigen Besetzung mit Hafsia Herzi, Bastien Bouillon, Monica Bellucci und Paul Hamy. Dominiert wird das Ensemble jedoch von Benoît Magimel, der seiner Figur eine beunruhigende Schmierigkeit verleiht.
Während das minimalistisch gestaltete Atelier der Malerin überzeugt, wirkt die Ausstattung des Haupthauses mit seinem stahlblauen Speisezimmer zwischen Gotik und unpersönlicher Kälte weniger stimmig. Ein bisweilen zu langsames Erzähltempo und der unvermeidliche Vergleich mit Mauvigniers meisterhaftem Roman verhindern zudem, dass der Film seine volle Wirkung entfaltet.