Im Gespräch mit arttv.ch spricht Ella Rumpf über COUTURE als Spiegel einer schnelllebigen und krank machenden Welt, über die Solidarität der drei Frauenfiguren, den problematischen «Male Gaze» und ihr heutiges Privileg, sich ihre Rollen aussuchen zu können.
Ella Rumpf | COUTURE
Ella Rumpf, 1995 in Paris geboren und heute abwechselnd in Zürich und der französischen Hauptstadt lebend, gehört zu den vielseitigsten und international erfolgreichsten Schweizer Schauspielerinnen. Nach ihrer ersten Hauptrolle 2014 in Simon Jaquemets fulminantem Erstling CHRIEG machte sie zwei Jahre später Furore als Protagonistin in RAW (GRAVE), einem blutigen Kannibalenfilm der späteren Palme-d’Or-Gewinnerin Julia Ducournau (TITANE). Während dieser Schocker, der bei uns gar nie ins reguläre Kinoprogramm kam, sie in Frankreich berühmt machte, spielte sie im Jahr darauf in der Schweiz eine Nebenrolle in einer historischen Tragikomödie, die hierzulande zu einem der erfolgreichsten einheimischen Filme der letzten Jahrzehnte avancierte: Petra Volpes DIE GÖTTLICHE ORDNUNG.
Danach war Ella Rumpf in Deutschland unter anderem in der Bestsellerverfilmung GUT GEGEN NORDWIND und im Biopic LINDENBERG! MACH DEIN DING zu bewundern. 2020, in dem Jahr, in dem der Film herauskam, wurde sie an der Berlinale als «Shooting Star» geehrt – eine prestigeträchtige Auszeichnung, mit der das Festival jeweils europäische Nachwuchshoffnungen würdigt. Wobei «Nachwuchs» angesichts der Bekanntheit, die Ella Rumpf schon damals genoss, eher untertrieben schien. So hatte sie zu jenem Zeitpunkt auch bereits mit einer Netflix-Produktion für Aufsehen gesorgt: der schrägen Mystery-Serie FREUD.
Seither hat Ella Rumpf in über einem halben Dutzend weiterer internationaler Produktionen brilliert, darunter zuletzt in Alice Douards Drama über die Elternschaft eines lesbischen Paares, DES PREUVES D’AMOUR. Dass sie nun in COUTURE souverän an der Seite von Superstar Angelina Jolie agiert, ist ein weiterer Glanzpunkt einer Karriere, die für eine Schweizer Schauspielerin ihrer Generation nahezu beispiellos ist.
COUTURE gesehen und Ella Rumpf für arttv.ch interviewt hat Geri Krebs.
COUTURE ist ein Ensemblefilm, in dem Sie eine der drei weiblichen Hauptfiguren spielen. Wie würden Sie selbst den Film charakterisieren?
Es ist ein Film, der formal ein wenig aus der Reihe tanzt und sich nicht so recht fassen lässt. Ein Stück weit ist er das Porträt dreier sehr unterschiedlicher Frauen, deren Wege sich kreuzen und bei denen innerhalb sehr kurzer Zeit vieles gleichzeitig geschieht.
Was interessiert den Film an der Welt der Mode?
Ästhetisch präsentiert sich COUTURE ziemlich kühl. Inhaltlich könnte man den Film als eine Art Backstage-Drama charakterisieren, weil er fast die ganze Zeit hinter die glitzernde Oberfläche der Modewelt blickt und die Krisen der darin tätigen Frauen ins Zentrum stellt.
Vielleicht hat das von Ihnen beschriebene Aus-der-Reihe-Tanzen des Films auch damit zu tun, dass er ästhetisch und hinsichtlich des Plots sehr artifiziell ist, mit Angelina Jolie auf dem Filmplakat aber möglicherweise Erwartungen an etwas eher Mainstreamiges weckt – und diese dann nicht erfüllt?
Das könnte zutreffen. Noch wichtiger scheint mir aber, COUTURE als Spiegel unserer gegenwärtigen Welt zu sehen: einer sehr schnelllebigen Welt, in der kaum Zeit für tiefgründige Gespräche und echte Auseinandersetzungen mit anderen Menschen bleibt. Die Fashion-Welt ist für mich der perfekte Ausdruck davon.
Und welche Rolle spielen die drei Frauen in dieser Welt?
Sie sind mit existenziellen Sorgen konfrontiert und auf der Suche nach echten Begegnungen und Menschlichkeit. Damit passen sie überhaupt nicht in diese Welt des Luxus und des schönen Scheins. Der Film zeigt aber auch, dass die drei Frauen trotz dieser Oberflächlichkeit eine Verbindung zueinander finden, jede ein Stück weit zum Echo der anderen wird und sie gegenseitige Solidarität erfahren.
Mir scheint, dass bei allen drei Frauenfiguren etwas von der realen Biografie der jeweiligen Schauspielerin mit hineinspielt. Einverstanden?
Bei Anyier Anei, die die aus dem Südsudan geflüchtete Pharmaziestudentin Ada verkörpert, trifft das vollkommen zu. Sie wurde in Kenia als Model entdeckt und soll nun in Europa gross herauskommen. COUTURE erzählt ihre reale Geschichte.
Und wie verhält es sich bei Angelina Jolie und bei Ihrer eigenen Figur?
Was Maxine, die von Angelina Jolie gespielte Filmregisseurin, betrifft, so lassen sich in der Geschichte um ihre Brustkrebsdiagnose durchaus Bezüge zu Jolies eigener Biografie erkennen. Wichtiger scheint mir aber, dass Angelinas Figur durch die Welt, in der sie sich bewegt, krank geworden ist. Darin sehe ich etwas sehr Reales: Diese Welt macht immer mehr Menschen krank. Was meine Figur Angèle betrifft, eine erfahrene Freelance-Visagistin mit schriftstellerischen Ambitionen, glaube ich kaum, dass viel von meiner eigenen Biografie in ihr steckt.
Mussten Sie zu Beginn Ihrer Schauspielkarriere – die ja bereits mit 17 Jahren begann – nicht ebenfalls immer wieder nach neuen Auftrittsmöglichkeiten und Rollen Ausschau halten, ähnlich wie Ihre Figur, die Freelancerin Angèle?
Das mag ein Stück weit zutreffen, aber ich habe es damals kaum so empfunden. Ausserdem ist das schon ziemlich lange her. Heute habe ich das Privileg, mir meine Rollen aussuchen zu können.
Dabei fällt auf, dass Ihre letzten Filme unter weiblicher Regie entstanden sind – so auch COUTURE. Zufall? Oder arbeiten Sie grundsätzlich lieber mit Regisseurinnen als mit Regisseuren?
Es hat sich tatsächlich so ergeben, dass die für mich interessanteren Rollenangebote in letzter Zeit von Regisseurinnen kamen. Ich stelle einfach fest, dass die Sensibilität für die Probleme des «Male Gaze», des männlichen Blicks, bei nicht wenigen Regisseuren weniger stark ausgeprägt ist, als ich mir das wünschen würde – vorsichtig ausgedrückt. (lacht)
Sie möchten aber nicht grundsätzlich zwischen männlicher und weiblicher Regie unterscheiden?
Nein, ich möchte da nicht zu sehr verallgemeinern. Mein nächster Film, der im kommenden September bei den Filmfestspielen von Venedig Weltpremiere feiern und später ins Kino kommen wird, ist JUPITER, ein Politdrama mit Denis Ménochet und mir in den Hauptrollen. Regie führt ein Mann, der Newcomer Alexandre Smia.
Vielen Dank für das Gespräch!