Darf Martin mit seiner demenzkranken Frau Leslie noch Sex haben, oder ist das übergriffig und egoistisch? QUEEN AT SEA zeigt, wie eine familiäre Krise eine institutionelle Maschinerie in Gang setzt, die sich kaum mehr stoppen lässt. Alle Beteiligten wollen schützen und helfen, doch je stärker das System eingreift, desto mehr geraten Nähe, Würde und Selbstbestimmung unter Druck. Ein wuchtiger, hervorragend gespielter Film, der für uns zu den stärksten Beiträgen im Wettbewerb der Berlinale 2026 gehörte.
QUEEN AT SEA – Darf er noch mit ihr schlafen?
Regisseur Lance Hammer stellt in seinem Film eine ebenso heikle wie aufwühlende Frage – und verweigert einfache Antworten.
QUEEN AT SEA | SYNOPSIS
Amanda und ihr Stiefvater Martin kämpfen mit einem moralischen Problem, das sie entzweit. Hat Amandas Mutter Leslie, die von fortgeschrittener Demenz betroffen ist, die Fähigkeit verloren, wichtige Entscheidungen in ihrem eigenen Interesse zu fällen? Wenn dies der Fall ist, wer übernimmt stattdessen die Verantwortung – der Ehepartner, das leibliche Kind, eine Institution? Amanda und Martin sehen sich mit immer schwierigeren Entscheidungen konfrontiert, die ihnen schliesslich über den Kopf wachsen.
QUEEN AT SEA | REZENSION
Für uns an der Berlinale gesehen hat den Film Felix Schenker.
Zwischen Liebe und Selbstbestimmung
Lance Hammer richtet den Blick in QUEEN AT SEA auf ein moralisches Spannungsfeld, das sich einfachen Urteilen entzieht. Im Zentrum steht die Frage, was Fürsorge bedeutet, wenn ein Mensch aufgrund fortgeschrittener Demenz seinen Willen nicht mehr eindeutig äussern kann. Schutz, Liebe, Sexualität und Selbstbestimmung geraten dabei immer stärker in Konflikt.
Darf er noch mit ihr schlafen?
Ein zentraler Streitpunkt des Films ist die Frage, ob Martin weiterhin Sex mit seiner Frau Leslie haben darf. Er ist überzeugt, ihre Bedürfnisse und Signale auch ohne klare Worte zu verstehen. Seine Stieftochter Amanda und gewisse Fachpersonen sehen darin hingegen einen möglichen sexuellen Übergriff, weil Leslie ihr Einverständnis nicht mehr eindeutig formulieren kann. Andere Einschätzungen, die Martins Haltung stützen, werden als Rechtfertigungsversuche abgetan – als Expertenmeinungen, die er sich im Internet zusammengesucht habe, um sein eigenes Verhalten zu legitimieren. Der Film verweigert eine eindeutige Antwort. Die Frage bleibt offen: Wo endet Intimität, und wo beginnt der Übergriff, wenn Sprache und Urteilsfähigkeit schwinden?
Hilfe, die zur Falle wird
QUEEN AT SEA zeigt, wie schwer es ist, eine einmal in Gang gesetzte institutionelle Maschinerie wieder zu stoppen. Sobald Behörden, Pflegeeinrichtungen und juristische Instanzen eingeschaltet sind, wird der Mensch zum Fall, der beurteilt, kategorisiert und verwaltet werden muss. Individuelle Beziehungen, gemeinsame Erinnerungen und jahrzehntelange Vertrautheit lassen sich in einem solchen System jedoch kaum erfassen. Was als Schutzmassnahme beginnt, entwickelt eine Eigendynamik. Die Beteiligten verlieren zunehmend die Kontrolle über einen Prozess, den sie selbst ausgelöst haben.

Alle meinen es gut
Hammer erhebt dabei keine Anklage. Niemand handelt aus Bosheit. Alle wollen schützen, helfen oder Verantwortung übernehmen – und richten gerade deshalb umso mehr Schaden an. Darin liegt eine der grossen Qualitäten des Films. Er vereinfacht nicht und verteilt keine eindeutigen Rollen von Täter und Opfern. Stattdessen zeigt er, wie ein System, das Sicherheit schaffen soll, komplexe menschliche Beziehungen in feste Kategorien pressen muss. Je mehr geholfen werden soll, desto stärker geraten Nähe, Würde und Selbstbestimmung unter Druck.
Ein Ensemble von aussergewöhnlicher Kraft
Schauspielerisch ist QUEEN AT SEA überragend. Juliette Binoche spielt Amanda mit grosser Präzision zwischen Entschlossenheit, Angst und wachsendem Zweifel. Tom Courtenay verleiht Martin Zärtlichkeit, Trotz und Verzweiflung, ohne ihn zum Opfer oder Täter zu vereinfachen. Anna Calder-Marshall bewahrt Leslie auch in Momenten grösster Abhängigkeit eine starke eigene Präsenz. Florence Hunt überzeugt als Sara, Amandas Tochter, die den Konflikt aus einer jüngeren Perspektive erlebt. Alle Schauspieler sind umwerfend und tragen den Film mit berauschender Intensität.

Einer der stärksten Wettbewerbsfilme
QUEEN AT SEA ist kein stilles Drama über das Altern, sondern ein wuchtiger und aufwühlender Film über Verantwortung, institutionelle Macht und die Grenzen des Entscheidbaren. Lance Hammer entwickelt aus einer familiären Krise ein gesellschaftliches Drama von grosser moralischer Dringlichkeit.Auch wenn man sich ein anderes Ende gewünscht hätte, bleibt die Konsequenz des Films nachvollziehbar. Für uns gehörte er zu den besten Filmen im Wettbewerb der Berlinale 2026.
Diese Wertschätzung teilte auch die Internationale Jury des Festivals: QUEEN AT SEA wurde mit dem Silbernen Bären – Preis der Jury ausgezeichnet. Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay erhielten gemeinsam den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle.
Fazit:
Ein wuchtiger, moralisch komplexer und herausragend gespielter Film, der keine einfachen Antworten liefert und extrem berührt.

