Im Zentrum des Dramas steht die Frage, wie gut wir die Menschen kennen, die wir lieben und mit denen wir leben. Kreutzer, die mit CORSAGE international für Aufmerksamkeit sorgte, nähert sich dem Thema sexualisierter Gewalt gegen Kinder ohne voyeuristische Bilder. Inspiriert wurde sie von einem realen Missbrauchsfall in Deutschland. Im Mittelpunkt steht dabei weniger der Täter als die Frage, was eine solche Entdeckung mit den Angehörigen macht – und wie lange Liebe, Loyalität und Verdrängung nebeneinander bestehen können.
GENTLE MONSTER – Kennst du deinen Ehemann wirklich?
GENTLE MONSTER | SYNOPSIS
Die berühmte Pianistin Lucy zieht – trotz negativer Auswirkungen auf ihre Karriere – nach dem Burnout ihres Mannes Philip zusammen mit ihm und dem gemeinsamen Sohn aufs Land. Elsa, die als Sonderermittlerin bei der Polizei arbeitet, muss sich um ihren dementen Vater kümmern. Die beiden Frauen vereint ein Schicksal: Sie sehen sich umgeben von den dunklen Geheimnissen der Männer in ihrem Leben.
Marie Kreutzer – Spezialistin für brüchige Gewissheiten
Die 1977 in Graz geborene Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer zählt zu den wichtigsten Stimmen des österreichischen Gegenwartskinos. Bereits DER BODEN UNTER DEN FÜSSEN lief 2019 im Wettbewerb der Berlinale, mit CORSAGE und Vicky Krieps gelang ihr 2022 der internationale Durchbruch. Kreutzers Filme interessieren sich immer wieder für Menschen, deren scheinbar geordnetes Leben durch verborgene Wahrheiten erschüttert wird. Mit GENTLE MONSTER war sie 2026 erstmals im Hauptwettbewerb von Cannes vertreten.

GENTLE MONSTER | REZENSION
Für uns hat den Film Felix Schenker am Zurich Film Festival gesehen.
Monströs gut
Marie Kreutzer gelingt mit GENTLE MONSTER ein aussergewöhnlich differenzierter Film über Schuld, Liebe und die Frage, was mit unseren Gefühlen geschieht, wenn ein geliebter Mensch etwas Ungeheuerliches getan haben könnte. Was passiert, wenn über einen Menschen, mit dem man sein Leben teilt, plötzlich eine ungeheuerliche Anschuldigung im Raum steht? Es wäre ein Leichtes gewesen, aus dem Stoff von GENTLE MONSTER einen aufwühlenden Kriminalfilm zu machen und auf jener Empörungswelle zu reiten, die der Verdacht auf sexualisierte Gewalt an Kindern zwangsläufig auslöst. Marie Kreutzer entscheidet sich für den schwierigeren Weg. Sie interessiert sich weniger für den Täter als für die Menschen um ihn herum – und dafür, wie unangenehme Wahrheiten Gefühle verändern, ohne sie einfach auszulöschen.
Liebe lässt sich nicht abschalten
Lucy (Léa Seydoux) erfährt, dass gegen ihren Ehemann Philip (Laurence Rupp) wegen kinderpornografischen Materials ermittelt wird. Was nun folgt, ist kein moralisches Schwarz-Weiss-Schema. Lucy empfindet Abscheu, Angst und Misstrauen – aber eben auch weiterhin Liebe. Dass diese Gefühle nebeneinander existieren können, ist schwer auszuhalten. Kreutzer urteilt darüber nicht, sondern nimmt diese Widersprüchlichkeit ernst. Besonders eindringlich wird das im Gespräch mit Lucys Mutter Eloise (Catherine Deneuve), die Philips Namen am liebsten aus ihrem Leben verbannen möchte. Lucy macht ihr klar, dass sich Liebe nicht per Knopfdruck abschalten lässt. Ebenso berührend ist die Begegnung mit Philips Mutter Inge (Regina Fritsch) am See. Auch sie muss sich mit dem Ungeheuerlichen auseinandersetzen – und erinnert Lucy daran, dass Philip nun einmal ihr Sohn ist, so wie Johnny (Malo Blanchet) Lucys Sohn bleibt. Ein einfacher Gedanke, der nichts relativiert, aber die emotionale Komplexität des Films auf den Punkt bringt.
Keine billigen Stereotypen
GENTLE MONSTER vermeidet Stereotypen – nur eine von vielen, aber eine entscheidende Qualität des Films. Philip wird von Laurence Rupp weder zum dämonischen Filmmonster stilisiert, noch sucht der Film nach billigen Erklärungen oder gar Entschuldigungen. Kreutzer richtet den Blick vielmehr auf die Folgen seines Handelns: auf zerstörtes Vertrauen, auf Erinnerungen, die plötzlich in einem anderen Licht erscheinen, und auf die quälende Frage, wie gut wir einen Menschen überhaupt kennen können. Léa Seydoux trägt diese Unsicherheit mit einer grossartigen, oft fast wortlosen Darstellung. Ein Blick, eine Bewegung, ein kurzes Innehalten reichen, um Lucys innere Zerrissenheit spürbar zu machen. Jella Haase verkörpert die Ermittlerin Elsa Kühn, die ihrerseits mit einer familiären Belastung konfrontiert ist und eine zweite Perspektive auf Vertrauen, Verantwortung und die dunklen Geheimnisse anderer Menschen eröffnet. Auch dramaturgisch überzeugt der Film. GENTLE MONSTER bleibt über seine 114 Minuten spannend und überrascht mehrfach mit Wendungen, die tatsächlich kaum vorhersehbar sind. Dabei entsteht die Spannung nicht aus einer klassischen Täterjagd, sondern daraus, dass jede neue Erkenntnis das bisher Geglaubte erneut ins Wanken bringt.
Fazit
GENTLE MONSTER ist ein monströs guter Film. Nicht weil er sein schwieriges Thema möglichst drastisch ausstellt, sondern weil er ihm mit bemerkenswerter Differenziertheit begegnet. Marie Kreutzer erzählt von menschlichem Versagen, von Schuld und Verantwortung – vor allem aber von Gefühlen, die sich unseren moralischen Erwartungen nicht einfach unterordnen. Dass Liebe weiterbestehen kann, obwohl etwas Unverzeihliches geschehen ist, gehört zu den unbequemsten Wahrheiten dieses Films. GENTLE MONSTER hält diese Spannung aus – und berührt gerade deshalb tief.


