Fatih Akin spricht im Interview über den unerwarteten Tod seines Vaters, der GEISTER entscheidend prägte, über die heilende Kraft des Kinos und darüber, wie sich sein Verhältnis zur Religion verändert hat. Besonders persönlich wird Akin im Gespräch mit Geri Krebs, wenn der Regisseurt von einer gemeinsamen Reise mit seiner streng gläubigen Mutter nach Mekka erzählt.
Fatih Akin – GEISTER
Für uns hat Geri Krebs Fatih Akin am 74. San Sebastián International Film Festival getroffen.
arttv.ch: Fatih Akin, von Ihnen erwartet man eher Filme mit einer starken sozialkritischen Ausrichtung wie RHEINGOLD, GEGEN DIE WAND oder AUF DER ANDEREN SEITE. Was hat Sie bewogen, nun einen Liebesfilm zu realisieren?
Fatih Akin: Vor etwa zehn Jahren steckte ich in einer künstlerischen Krise. Meine Produzenten wollten, dass ich wieder einmal eine eigene Geschichte schreibe. Die meisten Filme, die ich in jener Zeit realisierte, etwa TSCHICK, AUS DEM NICHTS oder DER GOLDENE HANDSCHUH, basierten ja auf realen Begebenheiten oder Literaturvorlagen. Ich selbst hatte zunächst aber keine Idee.
Den ersten Anstoss zu Geister gaben angeblich Ihre Kinder?
Ja. Sie schwärmten mir von den japanischen Mangas vor, die sie damals förmlich verschlangen. Darin geht es ja häufig um die Verwischung der Grenzen zwischen Lebenden und Toten. Es gibt fast immer Figuren, die auch nach dem Tod weiterleben. Ich setzte mich daraufhin mit Ruth Toma zusammen, einer Drehbuchautorin, mit der ich schon öfter gearbeitet hatte. Wir schrieben einen ersten Drehbuchentwurf, und ich zeichnete auch bereits ein Storyboard.
Warum dauerte es dann noch einmal rund zehn Jahre, bis GEISTER realisiert wurde?
Das hatte verschiedene Gründe. Zum einen war ich mit dem Drehbuchentwurf nicht zufrieden, zum anderen war ich, wie erwähnt, mit anderen Projekten beschäftigt. Trotzdem ging mir dieses «Ghost Thing» nie aus dem Kopf. So wie meine Kinder in diesen Jahren grösser wurden und mich immer wieder nach dem Projekt fragten, wurde auch der Film grösser. Es kamen immer neue Elemente dazu.
Eine entscheidende Veränderung brachte dann der Tod Ihres Vaters.
Ja. Mein Vater starb vor fünf Jahren völlig unerwartet – in einem Moment, in dem ich nicht bei ihm sein und nicht einmal an seine Beerdigung gehen konnte. Das war ein Moment in meinem Leben, von dem ich mir vorher nie hätte vorstellen können, wie einschneidend er sein würde.
Wie ist diese persönliche Erfahrung in GEISTER eingeflossen?
Dass ganz zu Beginn Farashas Vater stirbt, ist ein Stück weit von meiner eigenen Erfahrung geprägt. Von da an wurde die Arbeit an GEISTER für mich auch zu einem Weg, besser mit meinem Schmerz über den plötzlichen Tod meines Vaters umgehen zu können. Es mag pathetisch klingen, aber ich glaube an die heilende Kraft des Kinos.
Jemand hat das Kino einmal als Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten bezeichnet …
Das kann ich voll unterschreiben. Schauen Sie: Als Kind war ich ein glühender Fan von Bruce Lee. Dabei starb Bruce Lee in dem Jahr, in dem ich geboren wurde. Aber wenn ich mir seine Filme reinzog, war es für mich so: Bruce Lee spricht mit mir, er ist für mich da.
Eine ähnliche Erfahrung machten Sie später mit Alfred Hitchcock?
Ja. 2024 wurde der 125. Geburtstag von Alfred Hitchcock gefeiert. Bei dieser Gelegenheit sah ich zum ersten Mal VERTIGO auf einer grossen Kinoleinwand. Davor hatte ich den Film nur einmal auf dem Laptop gesehen. Es war für mich ein grandioses Kinoerlebnis. Erst da wurde mir richtig bewusst, einen der grössten Filme zu sehen, die je gemacht worden sind. Ich war damals bereits mit GEISTER beschäftigt und bemerkte plötzlich auch Parallelen zwischen den beiden Filmen. In VERTIGO erlebt der von James Stewart gespielte Protagonist ebenfalls eine obsessive Liebe zu einer Frau, gespielt von Kim Novak, die für ihn mit dem Tod verbunden ist.
Die Vorstellung eines Weiterlebens nach dem Tod findet sich in vielen Religionen. In GEISTER spielen auch muslimische Rituale eine wichtige Rolle. War das ein bewusster Entscheid?
Selbstverständlich. Sie spielen wahrscheinlich vor allem auf die Beerdigungsszenen an, aber auch darauf, dass Farasha, die aus einer säkularen Familie stammt, nach dem Tod ihres Vaters als Einzige in ihrer Familie ein Kopftuch trägt. Rituale sind für mich etwas sehr Wichtiges. Sie können helfen, den Schmerz, der durch den Verlust eines nahestehenden Menschen entsteht, gewissermassen einzugrenzen und ihm eine Form zu geben.
Sie haben an anderer Stelle von Ihrem streng religiösen Elternhaus in Hamburg erzählt. Wie haben Sie diese Religiosität als Jugendlicher erlebt?
Meine Eltern waren beide sehr traditionell religiös. Sie verrichteten fünfmal am Tag, nach Mekka gerichtet, ihr Gebet und gingen regelmässig in die Moschee. Mein Vater reiste auch zweimal zur Pilgerfahrt nach Mekka – ohne meine Mutter. Als Teenager hatte ich jedenfalls wegen der Religion jede Menge schwerster Spannungen und Auseinandersetzungen mit meinen Eltern.
Hat der Tod Ihres Vaters auch Ihr eigenes Verhältnis zur Religion verändert?
Ja. Das heisst jetzt nicht, dass ich als gläubiger Muslim lebe. Aber was Spiritualität betrifft, sehe ich gewisse Dinge heute schon anders als in meiner Jugend.
Ihre Mutter ist hingegen bis heute sehr religiös. Sie waren mit ihr sogar gemeinsam in Mekka.
Ja. Letztes Jahr war ich beim Red Sea Film Festival im saudi-arabischen Dschidda eingeladen und nahm meine Mutter mit. Weil Mekka von dort nur knapp zwei Autostunden entfernt liegt, sind wir gemeinsam hingefahren. Das war sehr schön.
Vielen Dank für das Gespräch