Was bleibt von einem Menschen, wenn seine Erinnerungen schwinden? In seinem Dokumentarfilm DAS UNENDLICHE JETZT lässt Regisseur Kaspar Kasics vier Menschen mit Demenz vor der Kamera improvisieren – ohne Drehbuch und ohne vorgegebene Dialoge. Dabei entstehen überraschende Momente voller Witz, Kreativität und Lebensfreude. Im Interview spricht Kasics darüber, weshalb wir Menschen mit Demenz oft unterschätzen, wie viel Freiheit im Loslassen von Kontrolle steckt und wo die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion verlaufen. Er stellt sich aber auch der kritischen Frage, ob sein ungewöhnlich positiver Blick auf die Krankheit nicht Gefahr läuft, das Leiden der Betroffenen zu romantisieren.
Kaspar Kasics | DAS UNENDLICHE JETZT
«Wir sollten Menschen mit Demenz nicht nur als Kranke wahrnehmen, sondern ihnen zutrauen, uns zu überraschen.»
arttv.ch: Herr Kasics, Demenz ist eine Krankheit, die vielen Menschen Angst macht. Was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet darüber einen Film zu drehen?
Kaspar Kasics: Es war nicht die Angst vor der Krankheit, die mich zu diesem Film geführt hat, sondern das Bedürfnis, ihr etwas entgegenzusetzen. Wenn wir von Demenz oder Alzheimer sprechen, denken wir sofort an Verlust: den Verlust von Erinnerungen, von Selbstständigkeit, letztlich der eigenen Geschichte. Mich interessierte aber, was bleibt, wenn sich die Erinnerung zunehmend auflöst. Was geschieht mit dem Menschen hinter der Krankheit? Ich wollte zeigen, dass auch dann noch Persönlichkeit, Humor, Kreativität und Würde vorhanden sind.
Nun zeigt Ihr Film die Demenz von einer überraschend positiven Seite. Besteht nicht die Gefahr, eine Krankheit zu romantisieren, die für Betroffene und Angehörige oft mit grossem Leid verbunden ist
Diese Gefahr muss man ernst nehmen. Mir geht es keineswegs darum, die Krankheit zu verharmlosen. Natürlich gibt es schwierige Situationen, und gerade in späteren Krankheitsphasen sind viele Formen der Begegnung nicht mehr möglich. Aber wir neigen dazu, Menschen mit Demenz nur noch über ihre Defizite wahrzunehmen. Aus Unsicherheit nehmen wir sie oft nicht mehr richtig ernst, wagen es nicht, mit ihnen zu scherzen oder sie herauszufordern. Dabei unterschätzen wir, was in ihnen steckt. Mein Film möchte den Blick auf diese Menschen verändern.
Sie gehen sogar so weit zu sagen, Demenz sei eine andere Wahrnehmung der Welt.
Ja, denn mich interessiert gerade das, was hervortritt, wenn unser gewohntes Denken und Erinnern nicht mehr zuverlässig funktioniert. Wir definieren Menschen stark über ihre Biografie, ihre Fähigkeiten und ihre Erinnerungen. Aber was bedeutet es, wenn diese Orientierung zunehmend verloren geht? Verschwindet damit auch der Mensch? Die Erfahrungen während der Dreharbeiten haben uns gezeigt, dass das keineswegs so sein muss. Im improvisierten Spiel kamen Seiten der Beteiligten zum Vorschein, die im Alltag oft kaum mehr sichtbar waren.
Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Menschen mit Demenz improvisieren zu lassen?
Der entscheidende Anstoss kam von Franz Dängeli, dem Gründer des Improvisationstheaters act-back. Er berichtete mir von einer besonderen Probe. Ein ehemaliges Ensemblemitglied, das inzwischen an Demenz erkrankt war, hatte spontan mitgespielt. Plötzlich war dieser Mensch wieder konzentriert, lebendig und voller Humor. Es war, als hätte ihn das Spiel zu sich selbst zurückgeführt. Später machte Franz Dängeli in der Institution Almacasa einen Pilotversuch mit Menschen mit Demenz. Auch dort entwickelten sie mit grosser Begeisterung und Fantasie eigene Szenen. Das war für mich der Ausgangspunkt des Films.
Was passiert beim Improvisieren, das im gewöhnlichen Alltag offenbar nicht mehr möglich ist?
Im Alltag stehen Menschen mit Demenz ständig vor Situationen, in denen sie etwas nicht mehr wissen oder nicht mehr richtig machen können. Sie werden mit ihren Defiziten konfrontiert. Im improvisierten Spiel gibt es dagegen kein Richtig und Falsch. Man muss sich nicht an einen vorgegebenen Text erinnern, keine bestimmte Leistung erbringen. Man kann ganz aus dem Augenblick heraus handeln. Das eröffnet einen Freiraum, in dem die Betroffenen ihre Fähigkeiten neu entdecken können.
War diese Bereitschaft zum Spielen von Anfang an vorhanden?
Schon bei den Testaufnahmen bemerkten wir, wie sehr die Beteiligten darauf warteten, herausgefordert zu werden. Eine der Protagonistinnen sagte gleich in der ersten Szene: «C’est la vraie vie.» Das war ein bemerkenswerter Moment. Plötzlich standen nicht mehr die Krankheit und ihre Einschränkungen im Vordergrund, sondern das Leben selbst. Die Betroffenen konnten handeln, reagieren, widersprechen und sich behaupten. Auch die Angst, etwas falsch zu machen, verschwand weitgehend.
Gab es auch Momente, in denen das Improvisieren nicht funktionierte oder Sie als Regisseur an Ihre Grenzen stiessen?
Bei diesem Film wussten wir nie, wohin uns die Beteiligten führen würden. Wir legten lediglich den Rahmen und den Ausgangspunkt einer Szene fest. Alles Weitere entstand aus dem Moment heraus. Das bedeutete natürlich, dass wir als Filmteam sehr viel Kontrolle abgeben mussten. Wir betraten filmisches Neuland. Entscheidend war deshalb die Zusammenarbeit mit Franz Dängeli, der die Beteiligten sorgfältig vorbereitete und ihnen half, sich auf diese Freiheit einzulassen.
Gab es eine konkrete Situation, in der eine Szene abgebrochen oder verändert werden musste, weil jemand überfordert war?
Wir haben keine Szene abgebrochen, denn diese boten den Protagonist:innen einen Freiraum, den sie ohne Vorgaben mit ihren Gedanken, Gefühlen, Erfahrungen und eigenen Dialogen füllen konnten. Sie selbst nahmen sich manchmal die Freiheit, aus der einen oder anderen Szene «auszusteigen» und sie durch eine Frage oder Bemerkung zu dekonstruieren. Es gab aber Momente, in denen von aussen eine Anregung oder ein Stichwort brauchte, sodass die Szene eine andere Richtung einschlug oder sich weiterentwickelte. In einer bestimmten Situation fühlte sich ein Protagonist nicht wohl und brachte dies anschliessend auch zur Sprache. Ich sicherte ihm noch auf dem Set zu, dass diese Szene nicht im Film zu sehen sein würde. Dass die Betroffenen von uns inhaltlich, aber auch durch die spielfilmartigen Dreharbeiten stark herausgefordert wurden, nahmen sie dankbar an. Es war für sie wie eine Befreiung von der diskriminierenden Stigmatisierung, der sie aufgrund ihrer Diagnosen selbst unter Freundinnen und Freunden oft ausgesetzt sind.
Wie haben Sie Ihre vier Protagonist:innen gefunden?
Wir suchten Menschen im frühen bis mittleren Stadium der Demenz, die bereit waren, sich mit ihrer Krankheit, aber ebenso mit ihrer Persönlichkeit, ihrer Kraft und ihrer Fantasie zu zeigen. Dank der Institution Almacasa und der Unterstützung der beiden Demenzexpertinnen Irene Bopp-Kistler und Cristina de Biasio fanden wir vier sehr unterschiedliche Menschen. Jeder brachte eine ganz eigene Geschichte und Haltung zum Leben mit.
Zum Beispiel Martin Bigler, der im Film mit seiner Schlagfertigkeit beeindruckt.
Martin war tatsächlich ein aussergewöhnlicher Mensch. Er hatte sein Leben als professioneller Spieler verbracht, mit Backgammon in den USA und Jassen in der Schweiz Geld verdient und war sogar Backgammon-Weltmeister geworden. Er war gewohnt, andere Menschen zu beobachten, ihre Reaktionen zu lesen und blitzschnell zu reagieren. Diese Schlagfertigkeit hatte er sich bewahrt. Gleichzeitig gab es Momente, in denen er traurig wurde, weil ihm die Worte entglitten. Sein Humor war gewissermassen seine Waffe gegen das Vergessen.
Martin Bigler ist im Juni 2026 verstorben. Verändert das im Nachhinein Ihren Blick auf den Film?
Im Nachhinein wird mir erst richtig bewusst, welche grosse Bedeutung die Dreharbeiten und der Film mit allem Drum und Dran für Martin Bigler hatten. Wir haben gemerkt, dass er am liebsten immer weitergespielt und sich weiter mit uns ausgetauscht hätte, dass die Dreharbeiten endlos weitergegangen wären. Er wollte auf dem Set auch anwesend sein, als wir Szenen mit den anderen Beteiligten drehten und er nicht direkt involviert war. An der Zürcher Premiere sagte der Leiter der Betreuungsinstitution Almacasa, wo er die letzten Jahre wohnte, im Film mitzumachen und in den Szenen frei zu spielen sei der Höhepunkt seines Lebens mit Demenz gewesen. Das hat meinen Blick auf den Film verändert.
Eine andere Protagonistin, Tatjana Bollhalder, erhielt ihre Diagnose bereits in vergleichsweise jungen Jahren. Was hat Sie an ihr interessiert?
Tatjana ist eine temperamentvolle, direkte Frau voller Energie. Sie erhielt 2024 die Diagnose Frühdemenz und weigert sich, sich dadurch auf die Rolle eines Opfers reduzieren zu lassen. Sie spricht ganz offen über ihre Krankheit, die sie «Demi» nennt, als würde diese fortan auf ihrer Schulter sitzen und sie durchs Leben begleiten. Sie hofft, dass die Krankheit langsam oder vielleicht anders verläuft, als sie befürchtet. Diese Haltung, dieser Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, war für den Film sehr wichtig.
Und dann ist da Christian Sonderegger, der seine Krankheit geradezu philosophisch reflektiert.
Christian war Deutschlehrer an einer Zürcher Kantonsschule und setzt sich intensiv mit seiner Erkrankung auseinander. Er hat seine Gedanken darüber auf vielen Seiten niedergeschrieben. Ihn interessiert auch, was mit ihm geschieht und wie sich seine Wahrnehmung verändert. Anfangs dachte er, er könne gar nichts spielen, was nicht mit seiner Demenz zu tun habe. Doch dann entwickelte er beim Casting gemeinsam mit Tatjana regelrechte «Szenen einer Ehe». Das eröffnete uns eine unerwartete Perspektive.
Das führt zu einer interessanten Frage: Tatjana und Christian spielen im Film ein Paar, obwohl sie im wirklichen Leben keines sind. Auch zwei professionelle Schauspielende wirken mit. Ist DAS UNENDLICHE JETZT überhaupt noch ein klassischer Dokumentarfilm?
Wir haben bewusst zwei erfahrene Mitglieder des Improvisationstheaters act-back einbezogen: Klara Rensing und Juri Elmer. Klara spielt Tatjanas Tochter, Juri einen Barkeeper, der sich mehr für seine Gäste als für das Geschäft interessiert. Damit wollten wir verhindern, dass sich alle Szenen ausschliesslich innerhalb einer Gruppe von Menschen mit Demenz abspielen. Auch die beiden Schauspielenden hatten keine vorgegebenen Dialoge. Ihre Rollen waren fiktiv, aber ihre Reaktionen entstanden genauso spontan wie jene der Betroffenen.
Aber wird damit nicht auch eine Wirklichkeit geschaffen, die es ausserhalb des Films gar nicht gibt?Die Ausgangssituationen sind teilweise fiktiv, aber das, was innerhalb dieser Szenen geschieht, ist nicht vorgegeben. Alle Beteiligten schöpfen aus ihren eigenen Erfahrungen und ihrem Erleben. Niemand weiss vorher, welche Richtung eine Szene nehmen wird. In diesem Sinn ist das, was wir sehen, dokumentarisch. Es entsteht eine Wahrheit des Augenblicks, auch wenn die Ausgangssituation erfunden ist.
Wie haben Sie verhindert, dass die professionellen Schauspielenden die Menschen mit Demenz dominieren oder ungewollt in eine bestimmte Richtung lenken?
Diese sollten die Betroffenen unterstützen, die Szenen vertiefen und neue Möglichkeiten eröffnen. Franz Dängeli bereitete alle Beteiligten auf die Improvisationen vor. Sein Prinzip besteht darin, den szenischen Rahmen möglichst klar abzustecken, damit sich die Menschen innerhalb dieses Rahmens umso freier bewegen können. Die Rollen mussten aus den Beteiligten selbst herauswachsen und durften ihnen nicht von aussen aufgezwungen werden.
Gerade bei Menschen mit Demenz stellt sich allerdings auch die Frage nach ihrer Selbstbestimmung. Wie haben Sie sichergestellt, dass alle Beteiligten wussten, worauf sie sich einliessen, und mit ihrer Darstellung im Film einverstanden waren?
Wir haben mit allen Beteiligten verschiedene Probeszenen gemacht, sodass sie wussten, was auf sie zukommt. Sie genossen es zu spielen und freuten sich darauf, (wieder) ernst genommen und gefordert zu werden. Bis zur dritten oder vierten Phase einer Alzheimer-Erkrankung ist das Bewusstsein ja trotz kognitiver Reduktionen vollkommen intakt. So sprachen, diskutierten und berieten wir uns mit ihnen wie mit Nichtbetroffenen. Sie merkten sehr schnell, dass sie in den szenischen Improvisationen nicht nur ihre Würde, sondern auch Erinnerungen und ein Stück Leben zurückgewinnen. Völlig unerwartet spricht Christiane Meier dies gleich zu Beginn des Films aus, als die Beteiligten die Fabrikhalle betreten und sie die Requisiten für die Szenen entdeckt.: «Jetzt beginnt wirklich das Leben, das wahre Leben. Wir können sagen, was wir wollen, und tun, was wir wollen. Das ist wunderschön».
Sie schreiben in Ihrem Director’s Statement, die Protagonist:innen hätten Ihnen etwas vorgelebt, das uns weitgehend abhandengekommen sei: die Fähigkeit, ganz im Augenblick zu leben. Was meinen Sie damit?
Wir sind es gewohnt, unser Leben zu planen, zu ordnen und zu kontrollieren. Wir wollen wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Die Beteiligten unseres Films haben uns etwas anderes gezeigt. Im Spiel waren sie ganz in der unmittelbaren Gegenwart. Sie mussten keine Erwartungen erfüllen und keine vorgegebenen Abläufe einhalten. Sie konnten spontan handeln und sich dabei immer wieder neu entdecken. Diese Freiheit hat mich fasziniert.
Ist Ihr Film damit nicht auch eine Kritik an unserer Gesellschaft, in der Leistung, Effizienz und Kontrolle einen so hohen Stellenwert haben?
Es geht mir vor allem darum, unseren Blick auf Menschen zu hinterfragen. Wir messen sie häufig an ihren Fähigkeiten und daran, wie gut sie den Anforderungen des Alltags entsprechen. Wer diesen Anforderungen nicht mehr genügt, wird schnell auf seine Einschränkungen reduziert. Aber das improvisierte Spiel zeigt, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, sich auszudrücken und mit anderen in Beziehung zu treten. Es entstehen Kreativität, Humor und menschliche Nähe, ohne dass jemand eine bestimmte Leistung erbringen muss.
Hat die Arbeit an diesem Film auch Ihre persönliche Einstellung zum Älterwerden und zur Vergänglichkeit verändert?
Für mich persönlich ist die unmittelbare Gegenwärtigkeit die zentrale Erkenntnis des Films.
Was wünschen Sie sich, dass die Zuschauenden aus DAS UNENDLICHE JETZT mitnehmen?
Ich möchte, dass wir Menschen mit Demenz anders begegnen. Dass wir sie nicht nur als Kranke wahrnehmen, sondern ihnen zutrauen, weiterhin selbst zu handeln, sich auszudrücken und uns zu überraschen. Wir sollten ihnen auf Augenhöhe begegnen, mit ihnen lachen und sie auch herausfordern. Der Film zeigt, dass Erinnerung nicht das Einzige ist, was uns als Menschen definiert. Auch das Jetzt hat einen Wert, selbst wenn es flüchtig ist.
Vielen Dank für das Gespräch.
