Was macht es mit einem Menschen, wenn seine Erinnerungen und seine vertrauten Gewissheiten langsam verschwinden? In seinem Dokumentarfilm DAS UNENDLICHE JETZT wagt der Schweizer Regisseur ein ungewöhnliches Experiment. Vier Menschen mit Demenz improvisieren Szenen, erzählen aus ihrem Leben und zeigen Fähigkeiten, die ihnen ihr Umfeld kaum mehr zugetraut hätte.
DAS UNENDLICHE JETZT – Schwindende Erinnerung
Zur Person: Kaspar Kasics
Kaspar Kasics wurde 1952 in Interlaken geboren. Er studierte Musik an den Konservatorien in Basel und Zürich sowie Germanistik und Philosophie an der Universität Zürich. Seit 1990 arbeitet er als selbständiger Regisseur und Produzent. Seine Dokumentarfilme beschäftigen sich häufig mit gesellschaftlichen, politischen und ethischen Fragen. CLOSED COUNTRY und BLUE END wurden im offiziellen Programm der Berlinale uraufgeführt, YES NO MAYBE und ERICA JONG – BREAKING THE WALL am Filmfestival Locarno. Von 1996 bis 2001 sowie von 2010 bis 2017 präsidierte Kasics den Verband Filmregie und Drehbuch Schweiz. Zudem ist er als dramaturgischer Berater und Experte an der ZHdK und der Hochschule Luzern tätig.
Die Bühne gehört den Betroffenen
Eine leere Fabrikhalle wird zur Theaterbühne. Requisiten und Situationen orientieren sich an den persönlichen Vorlieben der vier Protagonist:innen: Martin Bigler, Christiane Meier, Christian Sonderegger und Tatjana Bollhalder. Vorgegeben ist lediglich eine Ausgangslage. Alles Weitere entsteht unmittelbar während der Dreharbeiten: jedes Wort, jede Bewegung und jede Reaktion. Unterstützt werden die vier von der Schauspielerin Klara Rensing und dem Schauspieler Juri Elmer. Grundlage bildet eine Methode des Improvisationstheaters act-back. Statt über Menschen mit Demenz zu sprechen, gibt der Film ihnen den Raum, sich selbst auszudrücken und das Geschehen aktiv mitzugestalten.
Zwischen Leere und Lebensfreude
Die improvisierten Begegnungen machen sichtbar, was im betreuten Alltag häufig übersehen wird. Die Protagonist:innen sprechen über das Gefühl, eingesperrt zu sein, über die zunehmende Leere, aber auch über ihre Wünsche, Träume und ihren Humor. Trotz des ernsten Themas wird viel gelacht. Kasics betrachtet Demenz damit nicht ausschliesslich als Verlustgeschichte. Sein Film fragt, welche Ausdrucksmöglichkeiten, Freiheiten und Persönlichkeitsanteile weiterhin vorhanden sind, wenn gesellschaftliche Rollen und eingeübte Verhaltensweisen wegfallen. DAS UNENDLICHE JETZT stellt gängige Vorstellungen über die Krankheit infrage, ohne ihre Härte zu beschönigen. Kasics sind seine Akteure nicht kranke, alte Meschne, sondern eigenständige Persönlichkeitenen, die ihre Welt mit Fantasie, Offenheit und larheit gestalten. Daraus entsteht eine vielschichtige Reflexion über Erinnerung, Identität und menschliche Würde. DAS UNENDLICHE JETZT zeigt, dass auch dort noch Begegnung, Humor und Kreativität möglich sind, wo Aussenstehende häufig nur den Verlust wahrnehmen.