EBJÄ! ADOLF WÖLFLI holt den Schweizer Kritikerpreis und DUA wird mit einer besonderen Erwähnung ausgezeichnet. Mit der Preisverleihung im Opernhaus Zürich hat das 22. Zurich Film Festival seine Sieger gekürt. Das Goldene Auge im Spielfilm-Wettbewerb geht an FLESH AND FUEL von Pierre le Gall, im Dokumentarfilm-Wettbewerb triumphiert BUCKS HARBOR von Pete Muller. Beide Hauptpreise sind mit je 25'000 Franken dotiert. Das Publikum entschied sich für MILA / MARIJA von Andrina Mračnikar.
ZFF 2026 – Die Goldenen Augen gehen an FLESH AND FUEL und BUCKS HARBOR
Zwei Filme über Nähe, Verletzlichkeit und gesellschaftliche Bruchstellen gewinnen die Hauptpreise des 22. Zurich Film Festival.
Liebe auf Europas Strassen
FLESH AND FUEL erzählt von zwei Lastwagenfahrern, deren Leben von Asphalt, Fahrplänen und Einsamkeit geprägt ist. Als der französische Fernfahrer Étienne auf den polnischen Fahrer Bartosz trifft, wird aus einer flüchtigen Begegnung eine Liebesgeschichte, die sich gegen Distanz und Alltag behaupten muss. Die Spielfilmjury unter dem Vorsitz von Cary Joji Fukunaga überzeugte vor allem, wie Pierre le Gall Isolation und das elementare Bedürfnis nach Verbundenheit miteinander verknüpft. Der Film frage danach, welche körperlichen und emotionalen Grenzen Menschen um sich errichten – und ob Liebe diese überwinden kann. Kino: FLESH AND FUEL kommt in die Schweizer Kinos. Outside the Box hat den Film für die Schweiz übernommen und führt ihn bereits als «demnächst im Kino»; ein genaues Startdatum ist noch nicht kommuniziert. arttv.ch wird über den Film zum Kinostart berichten
DUA gehört zu den Entdeckungen
Gleich drei besondere Erwähnungen sprach die Spielfilmjury aus: für THE GUEST von Mads Mengel, A GIRL UNKNOWN von Zou Jing sowie DUA von Blerta Basholli. THE GUEST verwandelt eine Familienfeier mit Trine Dyrholm in ein emotionales Minenfeld; der Schweizer Verleih liegt bei Praesens Film, ein Schweizer Kinostart ist noch nicht publiziert. A GIRL UNKNOWN begleitet ein chinesisches Mädchen, das zwischen drei Familien und Identitäten aufwächst. Der Film kommt über trigon-film in die Schweizer Kinos: in der Romandie am 27. Januar 2027, in der Deutschschweiz am 25. Februar 2027. Zu beiden Filmen gibt es auf arttv.ch derzeit noch keinen eigenen Beitrag. Anders bei DUA: Blerta Bashollis Film erzählt vom Erwachsenwerden eines 13-jährigen Mädchens im Kosovo der 1990er-Jahre. Während Krieg und ethnische Spannungen näher rücken, wird Dua gezwungen, viel zu früh erwachsen zu werden. Die Jury würdigte insbesondere, wie der Film politische, ethnische und sexuelle Unterdrückung auf eine persönliche Geschichte herunterbricht. Kino: DUA startet am 15. Oktober 2026 in der Deutschschweiz, Verleih ist Frenetic Films. Zum Film gibt es bereits die ausführliche Rezension von Madeleine Hirsiger: DUA – Jugend und Krieg.
Eine verletzliche Welt der Männer
Das Goldene Auge des Dokumentarfilm-Wettbewerbs geht an BUCKS HARBOR von Pete Muller. Der Film führt in die abgelegene Küstenregion Downeast Maine, wo Jungen mit harten Wintern, der Arbeit auf dem Meer und den rigiden Vorstellungen ihrer Väter davon aufwachsen, was einen Mann ausmacht. Muller interessiert sich damit nicht nur für eine bedrohte Lebensgrundlage, sondern auch für eine fragile Männlichkeit, deren Regeln von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Jury lobte besonders, dass er seine Protagonisten nicht zu Stereotypen macht, sondern ihnen auf Augenhöhe begegnet. Für BUCKS HARBOR ist derzeit noch kein Schweizer Verleih und kein regulärer Schweizer Kinostart bekannt; die Festivalrechte werden international von INDOX betreut.
Schweizer Erfolg für einen Weltkünstler aus der Waldau
Einen besonders erfreulichen Schweizer Akzent setzt EBJÄ! ADOLF WÖLFLI von Heinz Bütler. Die internationale Kritikerjury zeichnete den Film als besten Schweizer Beitrag des ZFF-Programms ausserhalb der Gala Premieren aus. Adolf Wölfli (1864–1930) gehört heute zu den bedeutendsten Vertretern der Art Brut – und seine Biografie ist so radikal wie sein Werk. Der früh verwaiste ehemalige Verdingbub verbrachte einen grossen Teil seines Lebens in der damaligen «Irrenanstalt» Waldau bei Bern. Dort schuf er in seiner Zelle eine gigantische Gegenwelt: seine «Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung». Zeichnend und schreibend hinterliess Wölfli rund 25'000 Seiten, auf denen Realität, Fantasie, Musik, Zahlen und Sprache zu einem obsessiven Kosmos verschmelzen. Heinz Bütler macht aus diesem Leben kein konventionelles Künstlerporträt, sondern nähert sich einem Mann, der gesellschaftlich weggesperrt war und sich innerhalb der Psychiatrie eine eigene Welt von monumentaler künstlerischer Kraft erschuf. Die Kritikerjury hob insbesondere den Kontrast zwischen der düsteren filmischen Gestaltung und Wölflis expressivem Werk hervor. Der 90-minütige Dokumentarfilm befindet sich laut Swiss Films im Verleih; Produktion und Weltrechte liegen bei HOOK Film & Kultur Produktion. Ein regulärer Deutschschweizer Kinostart ist derzeit noch nicht publiziert. Adolf Wölfli ist auf arttv.ch kein Unbekannter: Bereits 2008 berichteten wir ausführlich über seine grosse Retrospektive im Kunstmuseum Bern und sein aussergewöhnliches Leben in der Waldau.
Das Publikum wählt den Widerstand
Der Audience Award geht an MILA / MARIJA von Andrina Mračnikar. Der historische Spielfilm spielt 1943 in Kärnten und erzählt von der 19-jährigen Mila, die sich dem slowenischen Partisan gegen die Nationalsozialisten anschliesst und unter dem Decknamen Marija zur Kommandantin aufsteigt. Damit verbindet Mračnikar Kriegsgeschichte mit der Frage, was Widerstand für ein individuelles Leben bedeutet – während des Krieges und danach. Für die Schweiz sind bislang weder ein Verleih noch ein reguläres Startdatum bekannt. Die internationalen Verkaufsrechte liegen bei Minerva Pictures und TVCO.
Weitere Auszeichnungen
Den Science Award gewann WE ARE STARDUST von Elisabeth Rasmussen, der sich auf die Spur von Mikrometeoriten und damit buchstäblich von Sternenstaub auf der Erde begibt. Für die Schweiz ist bislang kein regulärer Kinostart und kein Schweizer Verleih bekannt; der Film befindet sich derzeit vor allem auf der internationalen Festivalreise. DAS GEHEIMNIS DER GESTOHLENEN MASKE von Nancy Mac Granaky-Quaye erhielt sowohl den Preis der Kinderjury als auch den Kinder-Publikumspreis. In Deutschland startet der Film am 29. Oktober 2026 bei Farbfilm Verleih; ein Schweizer Verleih oder Starttermin ist derzeit noch nicht bekannt. Ebenfalls noch ohne eigenen arttv.ch-Beitrag ist COLORS OF WHITE ROCK von Khoroldorj Choijoovanchig, Gewinner des Filmpreises der Zürcher Kirchen. Der Dokumentarfilm begleitet eine der wenigen Lastwagenfahrerinnen im mongolischen Kohlebergbau; international wird er von MetFilm Sales vertreten, ein Schweizer Kinostart ist bislang nicht angekündigt.
arttv Fazit
Elf Tage lang setzte das ZFF auf Stars, Premieren und reichlich Glamour. Bei den entscheidenden Wettbewerbspreisen rückte am Ende jedoch das ins Zentrum, was ein Festival besonders spannend macht: Filme, Filmschaffende oder Geschichten, die noch entdeckt werden wollen. FLESH AND FUEL, BUCKS HARBOR, DUA und EBJÄ! ADOLF WÖLFLI zeigen dabei sehr unterschiedliche Welten – gemeinsam ist ihnen der Blick auf Menschen, die mit gesellschaftlichen Zuschreibungen, Einsamkeit, Gewalt oder Ausgrenzung ringen.
