Der Film selber – formal schon fast angestaubt konventionell – macht aus einer erschütternden Geschichte vor allem solides Unterhaltungskino mit wenig Tiefgang.
THE HOUSEWIFE – Das Grauen im Unterhaltungsmodus
Wer war Hermine Braunsteiner-Ryan?
Hermine Braunsteiner-Ryan (1919–1999) wurde in Wien geboren und arbeitete ab 1939 als Aufseherin im Konzentrationslager Ravensbrück, später im KZ Majdanek. Dort stieg sie bis zur stellvertretenden Oberaufseherin auf. Unter Häftlingen galt sie als besonders brutal und erhielt wegen ihrer Tritte mit schweren Stiefeln den Beinamen «Stute von Majdanek».
Nach dem Krieg wurde sie 1949 in Österreich wegen Misshandlung von Häftlingen zu drei Jahren Haft verurteilt. Später lernte sie den US-Amerikaner Russell Ryan kennen, den sie 1958 heiratete. Mit ihm lebte sie zunächst in Kanada und später in Queens, New York. Ryan hielt auch nach Bekanntwerden ihrer Vergangenheit zu ihr und verteidigte seine Frau öffentlich. Er erklärte, er könne nicht glauben, dass sie zu den ihr vorgeworfenen Verbrechen fähig gewesen sei, da sie keiner Fliege etwas zu Leide tun könne.
1963 erhielt Braunsteiner-Ryan die US-Staatsbürgerschaft. Nachdem Simon Wiesenthal sie aufgespürt hatte, geriet ihre Vergangenheit 1964 öffentlich ins Blickfeld. 1971 verzichtete sie im Zuge des Ausbürgerungsverfahrens auf ihre US-Staatsbürgerschaft und wurde staatenlos; 1973 wurde sie an die Bundesrepublik Deutschland ausgeliefert.
Im Düsseldorfer Majdanek-Prozess wurde Braunsteiner-Ryan am 30. Juni 1981 zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah ihre Beteiligung an einer Selektion mit Mord an 80 Menschen, an der sogenannten «Kinderaktion» mit Beihilfe zum Mord an 102 Menschen sowie an einer weiteren Selektion mit gemeinschaftlichem Mord an rund 1'000 Menschen als erwiesen an. In der Haft suchte sie kaum Kontakt zu anderen und nähte mit Vorliebe niedliche Stofftiere.
Russell Ryan blieb auch nach der Verurteilung an ihrer Seite. Er hielt den Kontakt während ihrer Haft aufrecht und lebte später wieder mit ihr zusammen. 1996 wurde Braunsteiner-Ryan wegen ihres schlechten Gesundheitszustands begnadigt und aus der Haft entlassen. Sie starb am 19. April 1999 in Bochum.
Das Häuschen gepflegt, der Kuchen im Ofen, der Ehemann bei der Arbeit: Hermine Ryan scheint im New York der 1960er-Jahre das Leben einer vollkommen gewöhnlichen amerikanischen Hausfrau zu führen. Doch hinter dieser sorgfältig aufgebauten Fassade verbirgt sich eine Vergangenheit, die kaum ungeheuerlicher sein könnte. Ben Shirinians THE HOUSEWIFE erzählt die Geschichte der österreichischen KZ-Aufseherin Hermine Braunsteiner-Ryan – mit Naomi Watts in der Hauptrolle. Watts ist die grosse Stärke des Films. Sie spielt Hermine nicht als offensichtliches Monster, sondern als kontrollierte, gesellschaftlich angepasste Frau, deren Vergangenheit nur langsam durch die gepflegte Oberfläche dringt.
Eine starke Hauptdarstellerin
Watts gelingt es, ihrer Figur eine Normalität zu geben. Freundlichkeit, Selbstkontrolle und Verdrängung liegen dicht nebeneinander. Lange bleibt verborgen, dass hier «das Böse» vor uns steht. Der Film selbst vertraut dieser Ambivalenz allerdings zu wenig. Statt die Widersprüche seiner Hauptfigur länger auszuhalten, erklärt und markiert er vieles sehr deutlich. Figuren werden rasch bestimmten Rollen zugeordnet, Konflikte zugespitzt, moralische Positionen klar verteilt. Dadurch entsteht zwar Spannung, aber wenig wirkliche Irritation.
Zu konventionell für diesen Stoff
Das eigentliche Problem von THE HOUSEWIFE liegt in seiner Machart. Der Film will Betroffenheit erzeugen, setzt dafür aber auf ausgesprochen konventionelle dramaturgische Mittel. Musik, Montage, Dialoge und Figurenzeichnung führen das Publikum sehr gezielt zu den gewünschten Emotionen. Vieles wirkt holzschnittartig und stereotyp. Die Geschichte wird nicht banalisiert, aber sie wird so stark in die Formen eines klassischen Hollywood-Streifen gepresst, dass ihre eigentliche Verstörung zunehmend verpufft. Statt länger darüber nachzudenken, wie jemand mit einer solchen Vergangenheit jahrelang vollkommen unauffällig weiterleben konnte, folgt man vor allem einer sauber konstruierten Enthüllungsgeschichte.
THE HOUSEWIFE erzählt von realen Verbrechen und einem erschütternden historischen Fall, funktioniert aber über weite Strecken wie gut gemachtes Unterhaltungskino. Das ist zugänglich, aber emotional schwächer, als es der Stoff eigentlich verlangen würde. Die Trauer und das Grauen der Geschichte werden dramaturgisch eingesetzt, ohne dass der Film daraus eine wirklich eigenständige filmische Form entwickelt.
Fazit
Naomi Watts ist hervorragend. THE HOUSEWIFE leider nur solide. Ein Film über eine erschütternde Geschichte, der zu sehr auf vertraute Muster setzt und dadurch jene Verstörung abschwächt, die dem Stoff geschuldet wäre. Nichts desto Trotz, sehenswertes, solides Hollywood-Kino.
