Wie lässt sich das Leben einer Schriftstellerin erzählen, deren Sprache bis heute nachhallt? Regina Schilling beantwortet diese Frage mit einem ungewöhnlichen filmischen Essay. INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR verzichtet auf die klassische Lebenschronik und entwickelt stattdessen einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Archiv und Imagination. So zeigt der Film eindrucksvoll, wie dokumentarisches Kino literarische Biografien neu denken und eine Autorin über ihre Texte, Bilder und Gedanken gegenwärtig werden lassen kann und Lust macht, Bachmanns Texte neu zu lesen.
INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR (2026)
Kein klassisches Biopic, sondern ein ungewöhnlicher Hybrid aus Dokumentarfilm, Essayfilm und performativer Annäherung an ein bewegtes Leben
INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR | SYNOPSIS
In einer poetischen Spurensuche lässt Regisseurin Regina Schilling das Publikum am Entstehen von Kunst teilhaben: Schauspielerin Sandra Hüller nähert sich dem Leben von Ingeborg Bachmann an einem imaginären Tag und verleiht ihren Worten eine eindringliche Präsenz. Mit einem kunstvollen Geflecht aus improvisierten Szenen, Archivschätzen, Interviews und Bachmanns eigenen Texten durchmisst der Film die zentralen Lebensphasen der Autorin – von der Kriegskindheit in Kärnten, dem Aufstieg zum Star der Gruppe 47 bis zu den letzten Tagen in Rom. Der Weg ist gezeichnet von ihren komplizierten Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch und einem unnachgiebigen Ringen um eine eigene, radikale Sprache zwischen öffentlichem Ruhm und existenziellen Krisen.

INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
GEGENWART EINER UNGREIFBAREN
Regina Schilling verbindet Archivmaterial und inszenierte Szenen zu einem kunstvoll-poetischen Porträt Ingeborg Bachmanns. Sandra Hüller spielt die Schriftstellerin dabei nicht im klassischen Sinn, sondern macht den Prozess einer vorsichtigen Annäherung sichtbar. Sandra Hüller betritt eine Wohnung, die jener Ingeborg Bachmanns im Rom des Jahres 1973 nachempfunden ist. Sie legt eine Perücke auf, setzt sich an die Schreibmaschine, raucht und spricht Texte der österreichischen Schriftstellerin. Doch Regina Schilling versucht nie, diese Szenen als authentische Rekonstruktion auszugeben.
Schon zu Beginn tritt die Regisseurin selbst vor die Kamera und spricht mit Hüller über Bachmann und die nachgebaute Wohnung. Später lässt sie die Schauspielerin einen Monolog mit einer anderen Betonung wiederholen. Der Film zeigt damit offen, dass jede Darstellung Bachmanns eine Interpretation und jede Annäherung zwangsläufig unvollständig bleibt.
ZWISCHEN BACHMANN UND HÜLLER
Bewusste Anachronismen durchbrechen zusätzlich den Eindruck eines historischen Biopics. Nach einer Panikattacke verwendet Hüller ein Smartphone für eine Entspannungsübung, ein anderes Mal fährt sie mit einem E-Scooter durch Rom. Solche Momente holen Bachmanns Ängste und innere Konflikte in die Gegenwart, ohne sie vorschnell psychologisch erklären zu wollen.
Hüller bleibt in diesen Szenen meist allein. Sie spielt weniger eine historische Persönlichkeit als eine Frau, die sich durch Bachmanns Räume, Texte und Erinnerungen bewegt. Gerade diese Distanz verhindert eine blosse Nachahmung und verleiht ihrer Darstellung eine eigentümliche Spannung.
Die inszenierten Passagen verschmelzen fliessend mit Familienfotografien, Fernsehinterviews, Lesungen und kleinformatigem, teils unscharfem Archivmaterial. Besonders stark ist der Film immer dann, wenn Bachmanns eigene Stimme zu hören ist oder ihre Texte von Hüller aufgenommen und weitergetragen werden.
EINE FRAU IM MÄNNERBETRIEB
Schilling verschweigt Bachmanns psychische Krisen, ihre Abhängigkeiten und ihre schwierigen Liebesbeziehungen nicht. Sie reduziert deren Werk aber auch nicht auf biografische Verletzungen. Literatur und Leben werden miteinander in Beziehung gesetzt, ohne dass das eine als simple Erklärung für das andere dienen müsste.
Nebenbei entsteht ein präzises Bild des männlich dominierten Literaturbetriebs der Nachkriegszeit. Die Interviewer, Kritiker und Kommentatoren sind fast ausschliesslich Männer. Besonders entlarvend wirkt ein abschätziger Kommentar Marcel Reich-Ranickis über Schriftstellerinnen.
Der frühe Ruhm, den Bachmann unter anderem durch ihr Porträt auf dem Titelbild des «Spiegel» erlangte, erscheint damit zwiespältig. Er bedeutete Anerkennung, machte sie aber zugleich zu einer öffentlichen Figur, die nicht nur wegen ihrer Texte, sondern auch wegen ihres Aussehens, ihrer Beziehungen und ihrer vermeintlichen Verletzlichkeit beurteilt wurde.
Neue biografische Erkenntnisse liefert INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR kaum. Die Stärke des Films liegt in seiner Form. Carina Mergens verbindet die Spielszenen und das reichhaltige Archivmaterial in einer geschmeidigen Montage, die nie überladen wirkt. Schwarzweisse Bilder von Vogelschwärmen und die atmosphärische Musik von Anja Plaschg setzen zusätzliche poetische Akzente.
FAZIT
Regina Schilling gelingt ein vielstimmiger Film, der sich der Schriftstellerin nähert, ohne sie festzuschreiben. Statt das Publikum mit Jahreszahlen und Auszeichnungen zu überhäufen, lässt sie Bachmanns Sprache, ihre Widersprüche und ihre Verletzlichkeit nachhallen. Das macht Lust, ihre Texte wieder oder erstmals zu lesen.
