Vom 5. bis 15. August 2026 verbindet das Festival aktuelles Autorenkino mit politischer Filmgeschichte. Das Programm reicht von grossen Piazza-Premieren über Entdeckungen aus Asien und Lateinamerika bis zu Klassikern von David Lynch, Martin Scorsese und Kevin Costner. Für Glamour sorgen unter anderem Isabella Rossellini, Darren Aronofsky, Virginie Efira und Asia Argento.
LOCARNO 2026 | Weltpremieren, grosse Namen und Hollywoods schwarze Liste
- Publiziert am 12. Juli 2026
103 Weltpremieren, internationale Stargäste und eine umfangreiche Retrospektive zum linken Hollywood
Eine Vorschau von Walter Gasperi
FLUCHT, HEIMAT UND DIE ANGST VOR DER ABSCHIEBUNG
Eröffnet wird das 79. Locarno Film Festival mit LES YEUX VERTS von Fanny Liatard und Jérémy Trouilh. Nach ihrem viel beachteten Erstling GAGARINE – EINMAL SCHWERELOS UND ZURÜCK erzählen die Beiden von einer Flüchtlingsfamilie, die fürchten muss, aus dem französischen Dorf deportiert zu werden, in dem sie lebt.
Auf der Piazza Grande setzt das Festival auf seinen bewährten Mix aus internationalem Autorenkino, publikumsnahen Produktionen und grossen Namen. Zu sehen sind unter anderem die Cannes-Filme PAPER TIGER von James Gray und CONGO BOY von Rafiki Fariala, Petra Volpes Sundance-Beitrag FRANK & LOUIS sowie die Vorpremiere von Olivia Wildes Beziehungskomödie THE INVITE.
Abgesehen von diesen bereits an anderen Festivals gezeigten Produktionen werden sämtliche Hauptfilme der Piazza Grande als Weltpremieren präsentiert.
KINONÄCHTE BIS IN DEN FRÜHEN MORGEN
Nach den Hauptfilmen folgen zu später Stunde Klassiker der Filmgeschichte. Auf dem Programm stehen David Lynchs WILD AT HEART, Martin Scorseses TAXI DRIVER und Kevin Costners DANCES WITH WOLVES. Letzterer wird in einer erweiterten, rund vierstündigen Fassung gezeigt und dürfte selbst für hartgesottene Festivalbesucher zur Ausdauerprüfung werden.
Auch das europäische Kino ist prominent vertreten. Dario Albertini präsentiert mit ARMONY einen italienischen Beitrag, während Felix Randau mit der deutsch-österreichischen Koproduktion ICH IST EIN ANDERER nach Locarno zurückkehrt. Bereits 2017 hatte er auf der Piazza Grande seinen Ötzi-Film DER MANN AUS DEM EIS vorgestellt.
Martin Provost, bekannt für den Künstlerfilm DIE BONNARDS, zeigt das Beziehungsdrama DEMAIN JE TOMBE AMOUREUX. Marc Fitoussi reist mit der Komödie NI VUE, NI CONNUE an. In Peter Brunners DOWN THE ARM OF GOD hilft ein junger Pastor während eines harten Winters den Obdachlosen einer texanischen Kleinstadt. Ebenfalls angekündigt ist Sergio Castro-San Martíns IL CILENO.
DER WETTBEWERB BLICKT NACH ASIEN UND LATEINAMERIKA
17 Filme konkurrieren um den Goldenen Leoparden. Auffällig sind die Abwesenheit der USA und die geringe Präsenz des Gastgeberlandes. Die Schweiz ist im internationalen Wettbewerb einzig mit O JACARÉ von Locarno-Stammgast Basil da Cunha vertreten, der bereits MANGA D’TERRA am Festival zeigte.
Mehrere Regisseur:innen kehren nach früheren Auftritten zurück. Der südkoreanische Vielproduzent Hong Sangsoo präsentiert NUN DUL DEGA EOMNE – NOWHERE TO LAY MY EYES. Die Deutsche Ann Oren, die 2022 mit dem experimentellen Spielfilm PIAFFE eingeladen war, zeigt OBJET A. Denis Côté ist mit VIOLENCE DU CORPS DE L’AUTRE – NOBODY’S VIOLENCE vertreten.
Aus Deutschland kommt ausserdem Isabelle Stevers I RARELY WAKE UP DREAMING. Ergänzt wird die europäische Auswahl durch Produktionen aus Italien, Frankreich und Rumänien.
Besonders stark ist das asiatische Kino mit Filmen aus Indien, Singapur und Vietnam vertreten. Hoffnungen auf Entdeckungen wecken zudem A MARGEM DO RIO – THE RIVERBANK der Brasilianer Matheus Farias und Enock Carvalho sowie PRINCESA BURRO – DONKEY PRINCESS der chilenischen Regisseure Cristóbal León und Joaquín Cociña.
Im Parallelwettbewerb Cineasti del presente dominieren weitgehend unbekannte Namen. Die 15 Filme führen geografisch von Grossbritannien über die Schweiz, die Ukraine und Singapur bis nach Brasilien und Kolumbien. Die Sektion Pardi di Domani richtet ihren Blick mit einem internationalen und einem nationalen Wettbewerb ganz auf den filmischen Nachwuchs.
ROSSELLINI, ARONOFSKY UND ASIA ARGENTO
Für Starpräsenz sorgen die zahlreichen Ehrenpreise. Darren Aronofsky wird mit dem Ehrenleoparden ausgezeichnet, Isabella Rossellini erhält den Excellence Award. Der Vision Award geht an den Maskenbildner Rick Baker, der Leopard Club Award an Virginie Efira und der Life Achievement Award an Asia Argento.
Wie gewohnt werden die Auszeichnungen von Filmvorführungen begleitet. Gezeigt werden unter anderem Aronofskys kontrovers diskutierte Werke MOTHER! und THE FOUNTAIN sowie John Landis’ AN AMERICAN WEREWOLF IN LONDON, für den Rick Baker die Masken gestaltete.
Auf dem Programm stehen auch mehrere Regiearbeiten von Isabella Rossellini sowie Ryûsuke Hamaguchis in Cannes uraufgeführter Film SOUDAIN – ALL OF A SUDDEN mit Virginie Efira in einer Hauptrolle.
EIN FENSTER ZUM SCHWEIZER FILM
Das Panorama Suisse bietet mit sieben ausgewählten Produktionen einen Einblick in das aktuelle Schweizer Filmschaffen. Zu sehen sind unter anderem Marie-Elsa Sgualdos Frauendrama À BRAS-LE-CORPS – SILENT REBELLION und Milagros Mumenthalers LAS CORRIENTES.
Ergänzt wird die Auswahl durch Gregor Brändlis Dokumentarfilm ELEPHANTS & SQUIRRELS und Damien Hausers Mockumentary MEMORY OF PRINCESS MUMBI.
Ganz dem Dokumentarfilm widmet sich die Semaine de la Critique. Die vom Verband der Schweizer Filmjournalist:innen kuratierte Sektion präsentiert auch in diesem Jahr sieben internationale Produktionen.
DAS LINKE HOLLYWOOD UND DIE MCCARTHY-ÄRA
Neben dem aktuellen Filmschaffen pflegt Locarno traditionell auch die Filmgeschichte. Mit FRANKENSTEIN UNBOUND erinnert das Festival an Roger Corman. Dem japanischen Animationsregisseur Isao Takahata ist eine Vorführung seines Meisterwerks DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN gewidmet.
Das filmhistorische Herzstück bildet jedoch die Retrospektive RED & BLACK – HOLLYWOOD LEFT AND THE BLACKLIST. Rund 50 Filme beleuchten das linke US-Kino vor und während der McCarthy-Ära – einer Zeit, in der Filmschaffende wegen tatsächlicher oder vermeintlicher kommunistischer Sympathien verfolgt, vorgeladen und mit Berufsverboten belegt wurden.
Die Auswahl reicht von Fred Zinnemanns Westernklassiker HIGH NOON bis zu Lewis Milestones heute weitgehend unbekanntem THE NORTH STAR. Damit rückt Locarno ein Kapitel der amerikanischen Filmgeschichte ins Zentrum, das angesichts aktueller politischer Polarisierungen überraschend gegenwärtig wirkt.

