Das Locarno Film Festival feiert seinen 80. Geburtstag. Für uns ist dies Anlass, dem einzigen A-Festival der Schweiz einen persönlichen Geburtstagsgruss zu übermitteln – einem Festival, das wir seit mehr als 20 Jahren publizistisch begleiten dürfen, das internationale Strahlkraft mit Entdeckergeist verbindet und zu dem wir besonders Sorge tragen müssen.
HAPPY BIRTHDAY – 80 JAHRE LOCARNO
- Publiziert am 22. Juli 2026
Es gibt Filmfestivals, die vor allem von Stars, roten Teppichen und Premieren leben. Und es gibt Locarno.
LOCARNO 2026 | DIE HIGHLIGHTS
233 FILME, 103 WELTPREMIEREN
Die 79. Ausgabe präsentiert 233 Filme, darunter 103 Weltpremieren. Das Programm reicht von formal gewagten Produktionen bis zu publikumsnahen Filmen für die Piazza Grande. Elf Erstlingswerke sind für den Swatch First Feature Award nominiert, 19 Filme konkurrieren um den Pardo for Change, der Werke zu drängenden gesellschaftlichen, ethischen und ökologischen Fragen auszeichnet.
ISABELLA ROSSELLINI AUF DER PIAZZA GRANDE
Die italienisch-amerikanische Schauspielerin und Filmemacherin Isabella Rossellini erhält den Excellence Award. Die Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini gehört zu den prägendsten Persönlichkeiten des internationalen Kinos und hat sich längst auch als Regisseurin und Autorin einen Namen gemacht.
EHRENLEOPARD FÜR DARREN ARONOFSKY
Darren Aronofsky, Regisseur von REQUIEM FOR A DREAM, BLACK SWAN und THE WHALE, wird mit dem Pardo d’Onore ausgezeichnet. Im Rahmen der Ehrung zeigt das Festival auch seine Filme THE FOUNTAIN und MOTHER!.
WEITERE STARGÄSTE
Für zusätzliche Starpräsenz sorgen mehrere Ehrenpreise. Der Vision Award geht an den vielfach ausgezeichneten Maskenbildner Rick Baker, der Leopard Club Award an Virginie Efira und der Life Achievement Award an Asia Argento. Auch der US-amerikanische Regisseur James Gray wird in Locarno mit dem Pardo alla Carriera geehrt.
RED & BLACK
Die grosse Retrospektive «Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist» widmet sich dem linken Hollywood und der Verfolgung von Filmschaffenden während der McCarthy-Ära. Im Zentrum stehen Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler wie John Garfield, Joseph Losey, Dalton Trumbo, Dorothy Parker, Richard Wright und Charlie Chaplin. Angesichts neuer Angriffe auf Meinungs- und Kunstfreiheit besitzt die historische Rückschau eine beklemmende Aktualität.
DIE FILME VON MORGEN
Neben dem Internationalen Wettbewerb richtet Locarno den Blick auf neue filmische Stimmen. Die Sektionen Cineasti del Presente und Pardi di Domani sowie die Auszeichnungen für Debütfilme machen das Festival zu einem wichtigen Entdeckungsort für Regisseur am Anfang ihrer Karriere.
PANORAMA SUISSE
Panorama Suisse bietet einen konzentrierten Einblick in das aktuelle Schweizer Filmschaffen. Die Auswahl umfasst Festivalerfolge, Publikumslieblinge und Produktionen, die noch nicht regulär im Kino gestartet sind. Zusammengestellt wird das Programm von Vertreter der Solothurner Filmtage, der Schweizer Filmakademie und von SWISS FILMS. Besonders empfohlen von userer Seite: À BRAS-LE-CORPS von Marie-Elsa Sgualdo, QUI VIT ENCORE von Nicolas Wadimoff, SIE GLAUBEN AN ENGEL, HERR DROWAK? von Nicolas Steiner und TRISTAN FOREVER von Tobias Nölle und Loran Bonnardot
OPEN DOORS UND LOCARNO PRO
Mit Open Doors unterstützt das Festival Filmschaffende aus Regionen, in denen unabhängiges Filmschaffen besonders erschwert ist. Locarno Pro bringt Produzent, Regisseur, Verleiher, Festivalprogrammierer und Förderinstitutionen zusammen und stärkt Locarno als internationalen Arbeits- und Begegnungsort der Filmbranche.
URUGUAY IM FOKUS
Die Branchenplattform First Look richtet den Blick 2026 auf Uruguay. Sechs Langfilmprojekte in der Postproduktion werden internationalen Verleiher:inne, Einkäufer:innen, Festivalprogrammierer:inne und möglichen Finanzierungspartner:innen vorgestellt.
WIR SEHEN UNS!
Für arttv.ch ist Locarno mehr als ein wichtiger Termin im Festivalkalender. Mit diesem Festival verbindet uns auch viel Nostalgie. Hier haben wir während Jahren unsere Filmperlen vergeben. Hier haben wir persönlich Plakate aufgehängt. Hier haben wir gemeinsam mit dem Verband Filmjournalismus Schweiz (VFS) Panels organisiert, diskutiert und versucht, dem Schweizer Filmschaffen jene Aufmerksamkeit zu geben, die es verdient. Locarno war für uns nie nur ein Ort, an dem Filme gezeigt wurden. Es war und ist Treffpunkt, Arbeitsort, Schaufenster und immer wieder ein Ort der Begegnung. Viele Gespräche, Ideen und redaktionelle Entscheide entstanden nicht in der Redaktion, sondern zwischen zwei Vorführungen, auf der Piazza, in einem Café oder spätabends in einer Bar. Wenn wir heute auf acht Jahrzehnte Locarno zurückblicken - von denen wir mehr als ein Viertel publizistisch begleiten durften - geschieht dies auch mit grosser Dankbarkeit für viele unvergessliche Erfahrungen und Begegnungen.
GEBOREN AUS DEM WUNSCH NACH FREIHEIT
Das Locarno Film Festival wurde 1946 gegründet – in einem Europa, das noch von den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs geprägt war. Nach Jahren der Propaganda, der Zensur und der politischen Abschottung bestand ein grosses Bedürfnis nach Orten, an denen Kunst wieder frei zirkulieren und unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen konnten. Am 23. August 1946 eröffnete im Park des Grand Hotels von Muralto die erste Festivalausgabe mit O SOLE MIO von Giacomo Gentilomo. Das Programm umfasste fünfzehn Filme. Darunter befanden sich Werke wie Roberto Rossellinis ROMA CITTÀ APERTA, Billy Wilders DOUBLE INDEMNITY und René Clairs AND THEN THERE WERE NONE. Bereits diese erste Auswahl zeigte den Anspruch des Festivals. Nicht nationale Selbstdarstellung, sondern die Begegnung unterschiedlicher filmischer Handschriften stand im Vordergrund. Dass ein solches Festival in der Schweiz entstehen konnte, war kein Zufall. Das Land bot einen vergleichsweise offenen Raum für den Austausch zwischen verschiedenen Filmkulturen. Locarno entwickelte sich zu einem Treffpunkt zwischen Ost und West, etablierten Filmnationen und jungen Kinematografien. Filme sollten nicht nur unterhalten. Sie sollten gesellschaftliche Erfahrungen sichtbar machen, Grenzen überwinden und Menschen miteinander ins Gespräch bringen.
DAS EINZIGE A-FESTIVAL DER SCHWEIZ
2026 feiert das Locarno Film Festival seinen 80. Geburtstag. Da 1951 aus finanziellen Gründen keine Ausgabe stattfinden konnte, wird vom 5. bis 15. August 2026 zwar erst die 79. Festivalausgabe durchgeführt. Seine Geschichte reicht dennoch acht Jahrzehnte zurück. Locarno gehört damit zu den ältesten Filmfestivals der Welt. Zugleich ist es das einzige A-Festival der Schweiz. Dieser Status ist weit mehr als ein prestigeträchtiges Etikett. Er macht Locarno zu einem Ort von internationaler Bedeutung. Premieren, Wettbewerbe, Branchenpräsenz und weltweite Aufmerksamkeit folgen hier anderen Massstäben als bei einem gewöhnlichen Publikumsfestival. Die Schweiz besitzt mit Locarno einen Ort, den kein anderes Festival des Landes ersetzen kann. Deshalb müssen Kulturpolitik, Filmbranche und Öffentlichkeit zu ihm besonders Sorge tragen.
DER LEOPARD FINDET SEINE FORM
Die Geschichte des Festivals verlief nicht geradlinig. Locarno musste um Geld, Anerkennung, geeignete Spielstätten und seine künstlerische Identität kämpfen. Die Ausgabe von 1951 konnte wegen finanzieller Schwierigkeiten nicht stattfinden. Immer wieder stellte sich die Frage, ob das Festival vor allem ein touristisches Sommerereignis, ein gesellschaftlicher Treffpunkt oder ein konsequentes Forum der Filmkunst sein wollte. Seine Stärke bestand darin, diese unterschiedlichen Ansprüche miteinander zu verbinden. Locarno wollte nie ausschliesslich einem kleinen Kreis von Spezialist gehören. Gleichzeitig weigerte sich das Festival, Kino auf Unterhaltung und prominente Namen zu reduzieren. So entwickelte sich eine bis heute prägende Dramaturgie: Auf der Piazza Grande trifft ein grosses Publikum auf zugängliche, emotionale und bisweilen glamouröse Filme. In den Wettbewerben und Nebensektionen werden dagegen Arbeiten gezeigt, die formale und erzählerische Risiken eingehen. 1971 zog das Freiluftkino vom Park des Grand Hotels auf die Piazza Grande. Damit fand das Festival jenes Bild, das heute weltweit mit Locarno verbunden ist: gelbe Stühle, historische Fassaden, eine monumentale Leinwand und darüber der offene Nachthimmel. Die Piazza Grande ist jedoch weit mehr als eine eindrucksvolle Kulisse. Sie ist ein öffentlicher Kinoraum, in dem Filmstars, Branchenvertreter, Kritiker, Einwohner und Touristnebeneinandersitzen.
WIE DER GOLDENE LEOPARD ENTSTAND
Der Leopard gehörte nicht von Anfang an zum Festival. Auch der Hauptpreis trug in den ersten Jahrzehnten unterschiedliche Namen. Vor der Einführung des Pardo d’oro wurde zeitweise die Vela d’oro, das Goldene Segel, vergeben – eine naheliegende Verbindung zur Lage Locarnos am Lago Maggiore. 1968 suchte das Festival nach einem stärkeren und unverwechselbareren Symbol. Der damalige Festivalpräsident Raimondo Rezzonico beauftragte den Tessiner Bildhauer Remo Rossi mit der Gestaltung einer neuen Trophäe. Rossi schuf eine kompakte, stark stilisierte Raubkatze. Sie ersetzte das bisherige Segel und wurde zum Pardo d’oro, zum Goldenen Leoparden. Die Wahl des Tiers beruhte auf dem Wappen der Stadt Locarno. Dabei liegt der Erfolg des Leoparden möglicherweise in einem heraldischen Missverständnis: Beim Tier im Stadtwappen handelt es sich nach heutiger Deutung eher um einen Löwen als um einen Leoparden. Auch Remo Rossis Skulptur ist keine naturgetreue Darstellung. Sie erinnert ebenso an einen Löwen wie an einen Leoparden und besitzt dadurch etwas Archaisches und Eigenständiges. Aus einem lokalen Wappentier wurde eines der bekanntesten Symbole der internationalen Filmwelt. Der Pardo ist heute mehr als eine Trophäe. Er erscheint auf Plakaten, Fahnen, Taschen und Fassaden. Das gelb-schwarze Leopardenmuster prägt den visuellen Auftritt des Festivals und überzieht im August die ganze Stadt. Kaum ein anderes Filmfestival verfügt über ein ähnlich starkes und unmittelbar erkennbares Zeichen.
LOCARNO WIRD ZUR FILMSTADT
Der vielleicht grösste Unterschied zu anderen Filmfestivals zeigt sich nicht erst im Programm, sondern im Stadtbild. Während des Festivals wird Locarno zur Filmstadt. Film- und Festivalplakate bedecken Fassaden, Säulen und Schaufenster. Auf den Strassen begegnet man Filmschaffenden, Journalist, Produzent und einem Publikum, das von Vorstellung zu Vorstellung zieht. Restaurants, Hotels, Plätze und Bars werden Teil des Festivalgeschehens. Das Kino ist nicht auf ein Festivalzentrum, einzelne Säle oder einen roten Teppich beschränkt. Es prägt die ganze Stadt. Wer einmal während des Festivals durch Locarno gelaufen ist, kennt dieses Gefühl: Alles scheint für einige Tage vom Film bestimmt zu sein. Selbst wer keine Vorstellung besucht, kann sich der Präsenz des Festivals kaum entziehen. Für arttv.ch sind diese Tage stets auch intensive Arbeitstage. Wir begleiten Filme, führen Interviews, produzieren Beiträge und diskutieren darüber, welche Werke wir besonders hervorheben wollen. Unsere Filmperlen waren Ausdruck einer Haltung: Wir wollten Schweizer Filme sichtbar machen, die uns überzeugten, berührten oder überraschten – unabhängig davon, ob sie später Kinoerfolge wurden oder nicht. Mit der Zeit wurden jedoch immer mehr Kulturpreise geschaffen, bis beinahe jedes kleinere Dorf eine eigene Auszeichnung vergab. Für uns war deshalb der Moment gekommen, aus dieser «Kulturpreisschlacht» auszusteigen. Dass wir in Locarno persönlich Plakate aufgehängt haben, gehört ebenfalls zu dieser Geschichte. Kulturvermittlung besteht eben nicht nur aus Texten, Interviews und Kritik. Manchmal besteht sie auch darin, frühmorgens mit Klebeband und Plakaten durch die Stadt zu ziehen.
DER UNTERSCHIED ZU ZÜRICH
Gerade im Vergleich mit dem Zurich Film Festival wird die besondere Atmosphäre Locarnos deutlich. Zürich setzt stark auf Glamour, internationale Stars und grosse Premieren. Das erzeugt mediale Aufmerksamkeit und spektakuläre Bilder. Inhaltlich nimmt das Festival jedoch zu einem beträchtlichen Teil jenes Kinoprogramm vorweg, das wenige Wochen oder Monate später ohnehin regulär startet. Damit erfüllt das Zurich Film Festival eine publikumswirksame Funktion. Es präsentiert kommende Kinofilme in festlichem Rahmen und bringt prominente Schauspieler und Regisseur nach Zürich. Das hat seine Berechtigung und verschafft dem Kino Aufmerksamkeit. Der eigentliche Entdeckungscharakter bleibt jedoch begrenzter. Auch im Stadtbild ist das Zurich Film Festival weit weniger präsent. Rund um das Festivalzentrum, den grünen Teppich und die wichtigsten Spielstätten ist es sichtbar. Entfernt man sich davon, verschwindet es rasch aus dem öffentlichen Raum. Ausserhalb des Festivalzentrums finden sich kaum Plakate, die auf das Festival und sein Programm hinweisen. In Locarno dagegen lässt sich dem Festival kaum ausweichen. Die Stadt trägt es nicht nur organisatorisch mit. Sie verändert für elf Tage ihr Gesicht und wird selbst zu seiner Bühne. Locarno ist während des Festivals eine Filmstadt. Zürich bleibt eine Stadt, in der gleichzeitig ein Filmfestival stattfindet.
DAS FESTIVAL DER ENTDECKUNGEN
Locarnos Bedeutung lässt sich nicht allein mit seinem Alter oder dem Prestige des Goldenen Leoparden erklären. Cannes ist die mächtige Bühne der internationalen Filmindustrie. Venedig verbindet Filmkunst mit Glamour und Oscar-Hoffnungen. Berlin versteht sich als politisches Schaufenster. Das Zurich Film Festival setzt auf prominente Gäste, publikumswirksame Premieren und die Nähe zum kommenden Kinoprogramm. Locarno dagegen bleibt vor allem ein Festival der Entdeckungen. Hier wurden Filmemacher ernst genommen, lange bevor ihre Namen einem breiten Publikum bekannt waren. Roberto Rossellini, Miloš Forman, Agnès Varda, Stanley Kubrick, Alain Tanner, Chantal Akerman, Abbas Kiarostami, Jim Jarmusch, Béla Tarr oder Claire Denis stehen für eine Festivalgeschichte, in der sich wichtige Entwicklungen des modernen Kinos spiegeln. Locarno war immer dann besonders stark, wenn es nicht dem bereits Anerkannten hinterherlief, sondern das Kommende sichtbar machte. Der Goldene Leopard kann einem Film Aufmerksamkeit verschaffen, der auf dem regulären Markt kaum Chancen hätte. Er signalisiert, dass eine ungewohnte Filmsprache, eine sperrige Erzählung oder eine noch unbekannte Regiehandschrift ernst genommen werden sollte. Das Festival verleiht dem Unbekannten Gewicht.
MEHR ALS FILMVORFÜHRUNGEN
Die Filmwelt verändert sich grundlegend. Streamingplattformen prägen die Sehgewohnheiten, Algorithmen entscheiden mit über Sichtbarkeit, Produktionskosten steigen und viele Kinos kämpfen ums Überleben. Zugleich stellt künstliche Intelligenz vertraute Vorstellungen von Autor, Arbeit und Originalität infrage. In einer solchen Situation ist ein Festival wie Locarno kein nostalgischer Luxus. Es ist ein notwendiger öffentlicher Ort. Denn Kino braucht mehr als Bildschirme. Es braucht Begegnung, Reibung und Diskussion. Ein Film verändert sich, wenn er gemeinsam mit Hunderten oder Tausenden Menschen gesehen wird. Man hört das Lachen der anderen, spürt ihre Unruhe und erlebt Zustimmung oder Ablehnung als Teil einer gemeinsamen Erfahrung. Auch unsere Panels mit dem Verband Filmjournalismus Schweiz gehörten zu dieser Kultur des Austauschs. Sie boten Raum, um über Filmkritik, Medien, Sichtbarkeit und die Bedingungen des Schweizer Filmschaffens zu sprechen. Solche Gespräche sind keine Nebensache. Sie gehören zum Kern eines Festivals, das nicht nur zeigen, sondern auch einordnen und diskutieren will. Hier ist Locarno stark. Nur an den Solothurner Filmtagen haben wir eine ähnlich ausgeprägte Kultur des Gesprächs über Film erlebt. Mit Open Doors unterstützt Locarno Filmschaffende aus Regionen, in denen unabhängiges Filmschaffen besonders schwierig ist. Locarno Pro bringt Regisseur, Produzent, Verleiher und Förderinstitutionen zusammen und macht das Festival zu einem wichtigen Arbeitsort der internationalen Branche. Locarno zeigt Kino nicht nur. Es beteiligt sich daran, unter welchen Bedingungen dieses Kino entstehen und sein Publikum finden kann.
ZWISCHEN PUBLIKUM UND LABOR
Die Zukunft des Festivals wird davon abhängen, ob es diesen Balanceakt weiterhin überzeugend bewältigt. Locarno muss ein Publikumsfestival bleiben. Die Piazza Grande darf nicht zur blossen Kulisse für Premieren, Ehrungen und prominente Gäste werden. Sie sollte jener offene Ort bleiben, an dem auch anspruchsvolles Kino vor einem grossen Publikum bestehen kann. Gleichzeitig darf das Festival seine Entdeckerfreude nicht opfern. Gerade weil Bilder heute überall verfügbar sind, braucht es Institutionen, die auswählen, einordnen und Risiken eingehen, ohne das Publikum zu unterschätzen oder mit demonstrativer Abgehobenheit auf Distanz zu halten. Ein Festival, das nur bestätigt, was Streamingplattformen, Verleiher und Marketingabteilungen bereits sichtbar gemacht haben, verliert einen wesentlichen Teil seiner Berechtigung. Hier liegt auch eine Grenze des stark auf Glamour ausgerichteten Festivalmodells. Stars und rote Teppiche erzeugen kurzfristige Aufmerksamkeit. Für die Zukunft des Kinos ist jedoch entscheidender, welche neuen Stimmen entdeckt, welche Filme erhalten und welche Diskussionen ermöglicht werden.
EIN KULTURGUT, DAS NICHT SELBSTVERSTÄNDLICH IST
Zum 80. Geburtstag darf das Locarno Film Festival seine Geschichte feiern. Das Jubiläum sollte jedoch ebenso Anlass sein, über seine Zukunft nachzudenken. Dass die Schweiz über ein international anerkanntes A-Festival verfügt, ist keine Selbstverständlichkeit. Dieser Status wurde über Jahrzehnte aufgebaut. Er beruht auf künstlerischer Glaubwürdigkeit, internationaler Vernetzung, einer professionellen Organisation und einem Publikum, das bereit ist, sich auch auf herausfordernde Filme einzulassen. All das kann verloren gehen. Ein Festival dieser Grössenordnung benötigt verlässliche öffentliche Unterstützung, private Partner und eine Kulturpolitik, die seinen Wert nicht ausschliesslich an kurzfristigen Besucher oder touristischen Effekten misst. Locarno ist zugleich Festival, Branchenplattform, kulturelles Gedächtnis, Ort der Nachwuchsförderung und international sichtbares Aushängeschild der Schweiz. Darum müssen wir ihm besonders Sorge tragen. Locarno darf Stars willkommen heissen, ohne sich von ihnen abhängig zu machen. Es muss ein grosses Publikum erreichen, ohne dieses zu unterschätzen. Und es sollte jungen Filmschaffenden eine Bühne geben, ohne ihre Arbeiten sofort den Gesetzen des Marktes zu unterwerfen. Vor allem aber muss das Festival seine Eigenständigkeit bewahren. Denn seine Bedeutung liegt nicht im grössten roten Teppich. Nicht in der höchsten Zahl prominenter Gäste. Und auch nicht darin, das kommende Kinoprogramm möglichst vollständig vorwegzunehmen.
Sie liegt in der Fähigkeit, neue Filme zu entdecken, Diskussionen anzustossen und Menschen für einige Tage daran zu erinnern, dass Kino mehr sein muss als Zeitvertreib, Unterhaltung und Glamour. Für arttv.ch war Locarno über viele Jahre genau dieser Ort. Und wir hoffen, dass es das noch lange bleiben wird.
Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
