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«Es wird immer kompliziert, wenn es um das Begehren geht»

In ihrem Film «Rotzloch» befragt Maja Tschumi vier Geflüchtete nach ihrer Sexualität und trifft damit einen wunden Punkt.

Für ihren ersten Langfilm begleitete die Regisseurin über mehrere Jahre vier junge Männer, die als Geflüchtete in die Schweiz gekommen sind. Habibi, Amir, Isaac und Mahir lebten alle eine Zeit im «Rotzloch», einer abgelegenen Asylunterkunft am Vierwaldstättersee. Hier beginnt die Reise in ihren Alltag, in dem wenig Platz für Liebe und Sexualität zu sein scheint. Im Interview mit Silvia Posavec erzählt Maja Tschumi, wieso sie mit ihrem Film die Erwartungen alter weisser Männer enttäuscht.

Interview mit Maja Tschumi

Von Silvia Posavec

Maja Tschumi, wollten Sie immer schon Dokumentarfilme machen?
Nein, ursprünglich wollte ich Autorin werden. Ich habe an der Universität Zürich Philosophie und Literaturwissenschaften studiert, irgendwann habe ich angefangen, Theaterstücke und später Drehbücher zu schreiben. So bin ich noch während des Studiums zum Film gekommen. Nach der Uni habe ich meinen ersten Kurzfilm gedreht und gemerkt, dass mein Herz für den Dokfilm schlägt. In Köln habe ich dann noch den Master in Film gemacht und unabhängig davon meinen ersten Feature Film realisiert.

In ihrem Dokumentarfilm «Rotzloch» begleiten sie vier Geflüchtete auf ihrer Suche nach Liebe. Wie kamen sie auf das Thema ihres ersten Langfilms?
Um Geld zu verdienen, habe ich in Luzern Deutsch für Fremdsprachige unterrichtet. Davor habe ich mich bereits für Geflüchtete engagiert und war am Thema dran. Aber im Unterricht habe ich bemerkt, dass ich wenig darüber weiss, wie es den Studenten geht. Erstaunlicherweise war das Thema Liebe und Beziehungen ein Riesending für sie. Kurz nach der Silvesternacht in Köln, wo es zu Übergriffen kam, standen junge geflüchteten Männern im medialen Diskurs mit ihren sexuellen Wünschen unter Generalverdacht. Das hatte mich damals sehr beschäftigt. Ein ehemaliger Schüler lud mich dann ein, ihn im Rotzloch zu besuchen. Im Rotzloch? Und ich dachte, ich höre nicht richtig.

In diesem «Rotzloch» sollten Sie noch viel Zeit verbringen, erinnern Sie sich an den ersten Besucht?
Ja, es war tatsächlich etwas komisch. Das Rotzloch liegt am Ende eines Steinbruchs, man braucht etwa zehn Minuten, bis man zu diesem Haus kommt. Es fühlt sich an wie ein privates Industriegelände und ich wäre kaum hingegangen ohne eine Einladung. In der Schweiz sehen Unterkünfte ja immer einigermassen ok aus. Aber ich war schockiert über die psychische Verfassung der Leute und über die Betreuungssituation. Mir war schnell klar, dass ich die Innenwelt der Protagonisten zeigen muss, um zu verstehen, was das Rotzloch für ein Ort ist. Die Kombination aus dem Namen, den Umständen und der Szenerie der Innerschweiz mit diesen (imposanten) Bergen, das hat mich sofort gereizt.

Die Diskrepanz zwischen der schönen Natur und der harten Lebensrealität spürt man enorm in Ihrem Film. Wie sind Sie weiter vorgegangen?
Mich interessieren elementare menschliche Konflikte. Die Suche nach Liebe ist so ein Konflikt. Ich hatte nach der Silvesternacht in Köln 2015/16 den Eindruck, dass eine sehr einseitige Debatte geführt wird, die junge Geflüchtete dämonisierte. Ich muss dazu sagen, die Geschichten von Frauen sind mir auch sehr wichtig, aber eine solche Dämonisierung von Personen über Sexualität, da liegt der Fokus immer auf den «fremden Männern». Ich verfolgte also die Debatte und bemerkte, dass dieses Stereotyp letztlich von denselben Kräften verbreitet wird, die auch die Vorstellung von einer «braven weissen Frau» haben. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Also wollte ich im Film den jungen Männer ganz nah kommen, ohne sie als Männer zu beschönigen oder zu diffamieren. Liebe diente mir dabei als Vergrösserungsglas für ihre Gefühle und als Werkzeug, um auf Augenhöhe zu treten. In der Liebe sind wir alle gleich. Ob man Geflüchtete:r, Ausländer:in oder Schweizer:in ist, es ist ein Grundbedürfnis, das in erster Linie gar nicht mal so politisch scheint. Darüber können wir uns identifizieren und bekommen einen Zugang zu den Figuren.

Tatsächlich lernen wir ihre vier Protagonisten ganz nah kennen, wie haben Sie das Vertrauen der jungen Männer gewonnen?
Zuerst habe ich Zeit vor Ort verbracht, ohne gleich zu filmen. Ich war über 30 Mal alle zwei Wochen im Rotzloch. Ich bin einfach hingegangen, habe Kontakt zu den Menschen aufgebaut und geschaut, wer überhaupt mit mir ins Gespräch kommt. Habibi habe ich zuerst kennengelernt, denn er war sehr exzentrisch. Irgendwann wollte er mit mir einen Kaffee trinken und über ein paar Sachen sprechen. Und dann hat er mich als Deutschlehrerin all die Wörter gefragt, die ihn interessierten (lacht). Er steckte – wie alle Teenager – in einer sexuellen Identitätsfindung. Ich habe dann nach anderen Geschichten im Rotzoch gesucht, die für den Film interessant wären. Als wir jedoch mit der Kamera kamen, wurde es nochmals schwierig – vonseiten der Protagonisten, aber auch der Behörden. Habibi wollte mehrmals ausgestiegen, weil er Angst bekam. Seine Freundin Alicia hat ihn dann dazu gebracht, doch weiter mitzumachen.

Alle Protagonisten befinden sie sich an unterschiedlichen Punkten im Leben, das ist spannend mitzuverfolgen. Stellen Sie uns kurz auch die anderen drei vor …
Isaac war bei mir in der Klasse. Irgendwann hat er mir erzählt, dass er seit vier Jahren in einer Beziehung ist, aber seine Freundin in Holland lebt. Ihr Schicksal, dass sie durch das Schengen-Dublin System nach der Flucht getrennt wurden, hat mich mega interessiert. Mahir habe ich im Rotzloch kennengelernt. Er ist sehr analytisch und kann gut beschreiben, in was für Ausbeutungsverhältnissen er sich befindet – hier und in der Türkei. Irgendwann erwähnte er mir gegenüber, dass er sich noch nie verliebt hat. Das war dann der Weg, ihn in den Film zu integrieren. Amir habe ich ganz zum Schluss kennengelernt. Er ist der jüngste von allen und setzte wie viele junge Männer auf körperliche Stärke und Attraktivität in einer sehr unattraktiven Situation. Offensichtlich will er bei Frauen gut ankommen, er ist immer am pumpen und versucht damit auch, eine Leere zu füllen.

In einer Szene begleiten wir Habibi und seine Freundin bei einer Wanderung und wir bezeugen ein sehr intensives Gespräch zwischen ihnen. Wie habt Ihr diese und auch andere Szenen vorbereitet?
Wir haben die Szenen oft vorbesprochen, vor allem wegen der Sprachprobleme und auch, um Vertrauen zu schaffen. Die Höhlenszene war sehr interessant. Viele Bewohner gehen da manchmal hin. Habibi war davor noch nie da, wollte aber immer schon mal gehen. Die zwei sind sowieso ein Trekking-Pärchen (schmunzelt), die sind immer unterwegs. Habibi und Alicia mit diesen Stirnlampen in der Höhle – dieses filmische Set war also mein Vorschlag, aber die Szene, die dort entstanden ist, kam von ihnen. Alicia hat mir später erzählt, sie hätten öfter untereinander abgesprochen, worüber sie sprechen und was privat bleibt. Aber ihre Aussagen in dieser Szene waren spontan.

War es schwer, den Film finanziert zu bekommen?
Wenn ich «nur Geflüchtete» thematisiert hätte, dann wäre es schwieriger gewesen. Aber der Zugang über Liebe, Intimität und Sexualität zu reden, hat die Förderstellen recht schnell überzeugt. Es war interessant zu sehen, dass das Bundesamt für Kultur den Film gefördert hat, aber das Amt für Asyl und Flüchtlinge in Nidwalden dagegen war. Wir konnten dann ein paar Drehtage aushandeln.

Wie gross war das Kamerateam?
Ich wollte ein kleines Team, nur ich mit Kamera- und Ton. Meistens hatte ich keinen Übersetzer am Set. Die Protagonisten hatten so einen privaten Raum, in dem sie frei reden konnten. Erst im Nachhinein habe ich dann verstanden, was eigentlich gesprochen wurde. Mir war es wichtig, dass sie sich nicht die ganze Zeit beobachtet fühlen. Das schaffte eine Intimität.

Wie geht es Habibi, Amir, Isaac und Mahir heute und wie fanden sie den Film?
Ich habe ihnen den Film früh gezeigt, um sicherzugehen, dass sie nichts in Gefahr bringt oder zu sehr entblösst. Bei der Premiere an den Solothurner Filmtagen haben sie ihn dann auf der grossen Leinwand gesehen und waren mega stolz. Das Publikum hat sie nachher wie Filmhelden behandelt und nicht wie Opfer, das war ein schöner Moment. Allgemein geht es ihnen heute gut. Isaac hat einen guten Job in der Gastronomie, auch Amir und Mahir sind berufstätig. Habibi hat seine Lehre im Pflegebereich abgeschlossen und arbeitet jetzt aber als Sozialarbeiter. Ich habe den Eindruck, dass viele von den Geflüchteten es schaffen, sich nach ein paar Jahren in der Schweiz etwas aufzubauen. Aber es ist wirklich extrem hart.

Und Sie, sind sie selbst auch zufrieden und haben ihre Ziele erreicht?
Ich wollte das Thema aus einer neuen Perspektive beleuchten und wenn der Film eine Diskussion auslöst, ist mein Ziel erreicht. Es wird immer kompliziert, wenn es um das Begehren geht. Etwas zu begehren oder zu sagen «ich will» – einen anderen Menschen oder einfach ein gutes Leben, in dem es Liebe gibt – bildet den Kern dessen, was wir sind. Sich in einer Lebensstation zu befinden, wo einem dies nicht zugestanden wird, ist ein grosser Konflikt und das Herz jeder Diskriminierung. Ich wollte dieses Stereotyp, dass sie alle gewalttätig sind, etwas aufweichen. Und ich wollte erreichen, dass man durch das Thema Liebe einen Blick auf die emotionale Situation von Migration lenkt. Die systematische Gewalt, die an sich unsichtbar ist, lässt sich durch die Emotionalität enttarnen. In Bezug darauf, wie man diese Männer sieht, bleibt es eine recht politisierte Debatte. Ich bekomme sehr unterschiedliche Rückmeldungen, vor allem ältere Männer reagieren zum Teil recht provoziert auf den Film.

Es gibt also auch negative Reaktionen aus dem Publikum. Was genau wird kritisiert?
Mir wurde vorgeworfen, ich solidarisiere mich zu sehr mit den Männern und würde ihre gewalttätige Seite ausblenden. Da stand wohl die Erwartung im Raum, dass ich als Frau eine Abrechnung mit ihnen mache. Das hat mich brüskiert, weil es auch meine Arbeit als Regisseurin infrage gestellt hat. Ob ich denn in meiner Arbeit – in den vier Jahren, die ich in diesem Asylzentrum verbracht habe – die Realität wahrheitsgetreu abgebildet habe. Natürlich hat der Film die Haltung ihrer Sicht eine Chance zu geben. Das bedeutet aber nicht vor Gewalt die Augen zu verschliessen – weder vor jener der Männer noch der des Asylsystems. Ich wollte ja genau in diese Kerbe schlagen. Und die meisten Zuschauer:innen sagen mir, dass sie sehr berührt sind und dass sie sich fragen, wie es ihnen selbst in der Situation gehen würde. Und wenn das passiert, dann bin ich zufrieden.

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