In VIE PRIVÉE spielt die amerikanische Schauspielerin – und das alles in perfektem Französisch – die Psychiaterin Lilian Steiner, die den Selbstmord einer Patientin anzweifelt und eine unkonventionelle Untersuchung startet. Unterstützt von Daniel Auteuils Figur, ihrem Ex-Mann, entfaltet sich eine Mischung aus Screwball-Komödie und Mystery. Für arttv-Filmkritikerin Madeleine Hirsiger ein Film erster Güte.
VIE PRIVÉE – Spurensuche in den Abgründen der Seele
- Publiziert am 19. September 2025
VIE PRIVÉE | SYNOPSIS
Die angesehene Pariser Psychiaterin Lilian Steiner (Jodie Foster) wird durch den angeblichen Selbstmord ihrer langjährigen Patientin Paula aus der Bahn geworfen. Überzeugt, dass es Mord war, beginnt Lilian entgegen ihrer professionellen Ethik privat zu ermitteln. Unterstützt von ihrem Ex-Ehemann Gabriel, taucht sie tief in Paulas Umfeld ein. Die Ermittlungen zwingen Lilian, ihre eigenen seelischen Abgründe und die Grenzen zwischen professioneller Distanz und persönlicher Verwicklung zu hinterfragen. Der Film thematisiert Vertrauen, Geheimnisse und die Komplexität menschlicher Beziehungen, während Lilian versucht, die Wahrheit hinter Paulas Tod aufzudecken.
Zur Regisseurin
Rebecca Zlotowski wurde 1980 in Paris geboren. Sie ist Absolventin der École Normale Supérieure und der Fémis sowie Agrégée für moderne Literatur. Sie realisierte BELLE ÉPINE (Semaine de la Critique in Cannes, Prix Delluc für den besten Erstlingsfilm, Preis der Filmkritiker), GRAND CENTRAL (offizielle Auswahl in Cannes), PLANETARIUM mit Natalie Portman, präsentiert an der Mostra von Venedig, UNE FILLE FACILE (SACD-Preis bei der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes) und LES ENFANTS DES AUTRES (offizieller Wettbewerb an der Mostra von Venedig). Ihre Miniserie LES SAUVAGES, adaptiert nach dem Roman von Sabri Louatah und ausgestrahlt auf Canal+, wurde mit dem Preis für die beste Serie beim Verband der Filmkritiker ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Paris.
VIE PRIVÉE | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Madeleine Hirsiger
Psychologisches Labyrinth mit feinem Humor
Ihr Französisch ist perfekt. Das ist eines der ersten beeindruckenden Merkmale im Psychokrimi VIE PRIVÉE mit Jodie Foster. Sie schlüpft in die Rolle der Psychiaterin Doktor Lilian Steiner, die einst von New York nach Paris übersiedelt ist, wo sie schon lange lebt und arbeitet. VIE PRIVÉE bietet eine vergnügliche, spannende Geschichte, die uns in ein Labyrinth führt, in dem der Ausgang nicht einfach zu finden ist – wenn es überhaupt einen gibt. Und mittendrin ist die 63-jährige amerikanische Oscarpreisträgerin, die im Film einiges erleben und einstecken muss. Ihr Leben wird durcheinandergeschüttelt.
Der Auslöser
Lilian Steiners Praxis befindet sich in einem noblen Viertel in Paris. Die Geschichte beginnt mit einem telefonischen Verweis an ihre langjährige Patientin Paula, die nicht zur Sitzung erschienen ist und die Stunde dennoch bezahlen muss. Dafür steht unerwartet Pierre vor der Tür, der ihr unverfroren mitteilt, dass es ihr nicht gelungen sei, ihn vom Rauchen zu befreien. Das habe kurzerhand eine Hypnotiseurin für 50 Euro erledigt. Bei ihr habe er 32'000 Euro liegengelassen, plus 8'000 für all die Zigaretten, die er eigentlich nicht mehr hätte rauchen sollen. Er hinterlässt ihr die Adresse der besagten Hypnosetherapeutin. Es folgt ein Telefonanruf: «Paula ist von uns gegangen. Selbstmord.» Der Ton des Films ist gesetzt, langsam wird Druck aufgebaut.
Zweifel und Verunsicherung
Dieses Ereignis wirft die selbstsichere Lilian Steiner aus der Bahn. Von diesem Moment an tränen ihre Augen ununterbrochen. Bei ihrem Ex-Mann, einem Augenarzt – wunderbar gespielt von Daniel Auteuil – lässt sie sich untersuchen. Alles in Ordnung, sagt er. Für sie ist die Suizidvariante nicht plausibel. In ihrer Verzweiflung sucht sie Rat bei der besagten Hypnotiseurin. «Sie müssen weinen, Sie sind in Trauer, und es ist noch jemand da – eine Frau.» Unvermittelt beginnt die Hypnose. Lilian wird in psychologische Tiefen entführt, wo sie Ungeheuerliches erlebt und auf sich selbst zurückgeworfen wird – eine Art Selbstentdeckung. Hatte sie mit Paula eventuell eine nähere Beziehung? Als Intellektuelle glaubt sie natürlich nicht an diese Behandlungsmethode, doch eine Irritation bleibt: Ihre Tränen versiegen sofort.
Eigene Ermittlungen
Die Variante «Selbstmord» bleibt im Raum. Immer wieder hört sich die Psychiaterin die Aufzeichnungen der Sitzungen mit Paula an, versucht zu verstehen und kommt zum Schluss, dass es Mord gewesen sein muss. Sie beginnt mit eigenen Recherchen und bewegt sich auf abenteuerlichen Wegen. Valérie, die Tochter von Paula, habe ihre Mutter umgebracht – daran glaubt sie fest. Doch es könnte auch ihr Mann Simon gewesen sein (von Mathieu Amalric in verlässlicher Manier gespielt). Und was ist mit der sehr reichen Tante Perle? Die beiden hätten Anspruch auf ihr Vermögen.
Inszenierung und Spiel
Die französische Regisseurin Rebecca Zlotowski verlangt ihrer Hauptdarstellerin Jodie Foster alles ab, was möglich ist – und es ist alles möglich. Glaubhaft geht man mit Foster durch diese verzwickte, vielschichtige Geschichte, folgt ihr bei all den abstrusen Gedanken und Verwicklungen. Witzige Momente gibt es zwischendurch, und ein Abstecher führt uns in die jüdische Gemeinschaft, der Paula angehört hat. Dabei ist nie von Schuld die Rede, sondern von Verantwortung. In einem Interview sagt Rebecca Zlotowski: «Diese Ambivalenz hat dem Film seine Farbe verliehen – zwischen reinen, selbstbewussten Komödien-Situationen und dem beunruhigenden Eintauchen in die Tiefen einer Persönlichkeit, die reich an Schattenseiten ist.» Und zu Jodie Foster meint sie: «Ich kenne keine andere Schauspielerin, die den Weg eines Gedankens und einer Offenbarung so deutlich auf ihrem Gesicht sichtbar macht wie sie. Die Kamera filmt ihr intelligentes Spiel mit hoher Geschwindigkeit, schwindelerregend.» Dementsprechend ist der Film formal konzipiert: mit steten Bewegungen und tempogebenden Schnitten. Nichts bleibt stehen, alles bewegt sich unaufhaltsam. Jodie Foster selbst meint: «Es ist ein sehr verspielter Film, der sowohl intellektuell sehr reichhaltig als auch lustig ist. Rebecca Zlotowski ist selbst klug und kann leicht über sich lachen. Und dann ist da noch diese jüdische Identität, die bei ihr stark ausgeprägt ist und es ihr ermöglicht, eine Art primitive, ursprüngliche Verzweiflung mit Humor zu akzeptieren.»
Fazit
VIE PRIVÉE ist ein unglaublich reicher Film – auf allen Ebenen. Nach all den krimi-, psycho- und thrillermässigen Hochs und Tiefs verlässt man das Kino gesättigt und zufrieden, identifiziert sich mit der Psychoanalytikerin Lilian Steiner und hat mit ihr mitgelitten.
Ein Filmvergnügen erster Güte!

SCHALAGWORTARTIG – WARUM WIR DEN FILM EMPFEHLEN
Fesselnder Genre-Mix: Der Film ist mehr als nur ein Krimi; er verbindet Elemente eines psychologischen Thrillers, eines Dramas und sogar einer kriminalistischen Komödie.
Spannende Geschichte: Die Handlung rund um eine Psychiaterin, die den mutmasslichen Suizid einer Patientin untersucht, ist vielschichtig und spannend.
Starbesetzung und Chemie: Neben Jodie Foster spielen renommierte französische Schauspieler wie Daniel Auteuil und Virginie Efira mit. Insbesondere die Szenen zwischen Foster und Auteuil stechen mit ihre dynamische Chemie heraus
Psychologischer Tiefgang: Der Film taucht tief in die Psyche der Protagonistin, Dr. Lilian Steiner, ein. Ihre private Ermittlung zwingt sie, ihre eigenen Emotionen, ihre Rolle als Therapeutin und ihre persönlichen Beziehungen zu hinterfragen.
Weiblicher Blickwinkel: Unter der Regie von Rebecca Zlotowski (bekannt für EINE EINFACHE LIEBE) steht eine komplexe, vielschichtige weibliche Hauptfigur im Mittelpunkt. Die Regisseurin ist allgemein bekannt für ihre Auseinandersetzung mit Machtverhältnissen und emotionaler Komplexität.
Festivalpräsenz: Der Film wurde auf dem Filmfestival von Cannes 2025 uraufgeführt und erhielt dort viel Applaus, was seine Qualität unterstreicht.
