Nach dem Goldenen Löwen 2024 für seinen Film THE ROOM NEXT DOOR kehrt der spanische Star-Regisseur Pedro Almodóvar zurück – und liefert statt eines grossen Melodrams ein kühles, vielschichtiges Spiel über Verlust und künstlerische Aneignung. Einen Film, den Almodóvar selbst als jenes Werk bezeichnete, in dem er «am grausamsten mit sich selbst» sei – wie in keinem seiner Filme zuvor. Ein virtuoses, selbstironisches Puzzle zwischen Melodrama und Autofiktion – und einer der emotionalsten Filme Almodóvars seit Jahren.
AMARGA NAVIDAD – Almodóvars bittersüsser Blick nach innen
Zwischen Trauer, Kontrolle und Autofiktion: Pedro Almodóvar zerlegt in seinem neuen Film nicht nur seine Figuren, sondern auch sich selbst.
AMARGA NAVIDAD | SYNOPSIS
Elsa, Werbefilmregisseurin, flieht vor der Trauer um ihre Mutter, indem sie sich kopfüber in ihre Arbeit stürzt – bis sie eine Angstattacke zum Innehalten zwingt. Um sich wiederzufinden, fliegt sie mit ihrer Freundin Patricia nach Lanzarote, um eine Auszeit zu nehmen; auch Patricia hat das Bedürfnis, Abstand von ihrem Zuhause zu gewinnen. Bonifacio, ihr Partner, der in dieser schwierigen Zeit zu einer echten Stütze geworden ist, bleibt in Madrid zurück. Die Geschichten dieser drei Figuren verweben sich mit der des Drehbuchautors und Regisseurs Raúl Durán und lassen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion auf untrennbare und bisweilen schmerzhafte Weise verschwimmen.

AMARGA NAVIDAD | REZENSION
Von den Grenzen der Autofiktion – oder: drei Filme in einem
Für uns gesehen hat den Film Geri Krebs
Pedro Almodóvars AMARGA NAVIDAD IST ein virtuoses Vexierspiel um einen alternden Filmregisseur – gewollt verwirrend, dabei dennoch ans Herz gehend und zugleich voller Humor und Selbstironie. Am Anfang stehen zwei leidende Frauen und die bedeutungsschweren Streicherklänge von Alberto Iglesias, seit 1995, seit LA FLOR DE MI SECRETO, musikalischer Veredler und Hauskomponist des spanischen Meisters. Der mittlerweile 76-jährige Pedro Almodóvar hatte sich damals, in seinem zwölften Langfilm, erstmals ganz dem Melodrama verschrieben – nachdem er zuvor vor allem mit schrillen Grotesken berühmt geworden war. Mit AMARGA NAVIDAD ist Almodóvar nun bei Langspielfilm Nummer 25 angelangt. Der Name des Regisseurs ist längst selbst zur Marke geworden: «un film de Almodóvar». Dass dabei oft sogar der Vorname weggelassen wird, wirkt wie eine Reverenz an seinen sechs Jahre jüngeren Bruder Agustín Almodóvar, Produzent fast aller Filme seines Bruders seit den 1990er- Jahren.
Das Almodóvar-Universum
Bei der Betrachtung von Almodóvars Werk – zumindest jenem seit den 1990er-Jahren – kommt man ohnehin nicht darum herum, ständig auf frühere Filme zu verweisen. Kaum ein anderer Regisseur seiner Generation hat ein derart unverwechselbares filmisches Universum geschaffen, vergleichbar mit Grössen wie George Cukor, Federico Fellini oder Ingmar Bergman. Wie diese Heroen des Weltkinos erlaubt sich auch Almodóvar längst, in jedem neuen Werk Motive, Figuren und Versatzstücke früherer Filme neu zu arrangieren. Dazu gehören natürlich die leidenden Frauen und ihre Solidarität untereinander – aber auch die gockelhaften Männer, oft wenig empathisch und nicht selten verantwortlich für das Leid der weiblichen Spezies.
Bárbara Lennie als emotionales Zentrum
Die eine leidende Frau am Anfang von AMARGA NAVIDAD heisst Elsa. Verkörpert wird sie von Bárbara Lennie, der eigentlichen weiblichen Hauptfigur des Films. Für Almodóvar ist sie das neue Gesicht: In LA PIEL QUE HABITO hatte sie 2011 zwar bereits eine winzige Nebenrolle gespielt. Grössere Bekanntheit erlangte sie später an der Seite von Penélope Cruz und Javier Bardem in TODOS LO SABEN, dem 2018 in Spanien realisierten Familiendrama des iranischen Oscar-Gewinners Asghar Farhadi.
Der unmittelbare Auslöser für Elsas Leiden ist ein heftiger Migräneanfall während eines Gewitters. Ihr Lebenspartner Bonifacio, ein sensibler Feuerwehrmann, gespielt vom 30-jährigen Patrick Criado, bringt sie in ein Madrider Spital. Dort beginnt sich die Geschichte aufzufächern: Elsa möchte in genau jenes Zimmer gebracht werden, in dem sie zehn Jahre zuvor eine Schlüsselszene ihres letzten Films gedreht hatte. Tatsächlich ist das wörtlich zu verstehen: Elsa hat das Filmemachen längst aufgegeben und arbeitet inzwischen in der Werbung. Dort lernte sie einst auch Bonifacio kennen, der nebenbei als Stripper unter dem Künstlernamen Beau arbeitet. In einer herrlich detailverliebten Szene – ganz im Stil des frühen Almodóvar – begegnen sich die beiden erstmals bei einer seiner Shows.
Der Regisseur als Alter Ego
Während dies zunächst wie ein klassisches Flashback wirkt, tritt die eigentliche männliche Hauptfigur auf den Plan: der alternde Filmregisseur Raúl, gespielt vom Argentinier Leonardo Sbaraglia. Bekannt wurde Sbaraglia bei Almodóvar bereits durch DOLOR Y GLORIA von 2019, wo er den Ex-Liebhaber eines alternden Starregisseurs spielte – unverkennbar ein Alter Ego des Meisters selbst. Schon zuvor, 2009, hatte Almodóvar in LOS ABRAZOS ROTOS einen Filmregisseur mit Schaffenskrise ins Zentrum gestellt. Doch wer glaubt, Raúl sei bloss eine Wiederholung früherer Figuren, greift zu kurz. Denn AMARGA NAVIDAD – so heisst auch das Drehbuch der im Jahr 2004 spielenden Geschichte von Elsa, an der Raúl sich 2025 abarbeitet – ist nicht nur raffinierter konstruiert als seine Vorgänger, sondern besitzt auch einen deutlich anderen Fokus. In einem Interview mit Spaniens renommiertester Zeitung «El País» erklärte Almodóvar über den autobiografischen Gehalt des Films: «Es ist ein Film, der mich klar widerspiegelt, aber es ist kein Film über mich, denn das wäre total langweilig. Es gibt viel Fiktion, aber keine Erfindung. Ich bin absolut präsent und völlig fiktionalisiert.»
Die Grenzen der Autofiktion
Fiktionalisiert – oder besser: vampirisiert – wird in AMARGA NAVIDAD schliesslich auch die Geschichte von Mónica, der langjährigen ehemaligen Assistentin von Raúl. Verkörpert wird sie von Aitana Sánchez-Gijón, die bei Almodóvar erstmals in MADRES PARALELAS zu sehen war. Mónica entdeckt, dass Raúl sich für die Geschichte von Elsa – ebenso wie für jene ihrer Freundin Patricia – schamlos aus höchst dramatischen Ereignissen ihres eigenen Lebens bedient hat. «Spar dir das Gerede über Realität und Fiktion», schleudert sie dem zunehmend hilfloser argumentierenden Raúl im epilogartigen Schlussdialog entgegen. Damit gelingt Almodóvar das Kunststück, seinen eigenen Film zugleich zu erklären, zu hinterfragen und ironisch zu kommentieren. Der lange Dialog zwischen Regisseur und ehemaliger Assistentin entwirrt nicht nur Teile der virtuos verschachtelten Handlung, sondern wirkt stellenweise wie eine Filmkritik des Films selbst.
Drei Filme in einem
So wird AMARGA NAVIDAD letztlich zu drei Filmen in einem: einem Melodrama über weibliches Leiden, einer Reflexion über künstlerische Ausbeutung und einem hochgradig selbstironischen Essay über die Grenzen der Autofiktion. Dass Almodóvar dabei nie die Lust am Kino verliert, nie seine Figuren verrät und selbst in den dunkelsten Momenten noch Platz für Humor findet, macht diesen Film trotz aller Komplexität zu einem der emotionalsten Werke seiner Filmografie.
Fazit:
AMARGA NAVIDAD ist vielleicht nicht Pedro Almodóvars zugänglichster Film, aber einer seiner persönlichsten und formal kühnsten. Der spanische Meister verschränkt Melodrama, Autofiktion und selbstreflexives Autorenkino zu einem faszinierenden Puzzle über Erinnerung, Schuld und die rücksichtslose Aneignung fremder Geschichten durch die Kunst. Da der Film seine Zuschauer:innen bewusst fordert, entfaltet er eine eigentümliche emotionale Wucht. Zwischen leidenden Frauenfiguren, alternden Künstler:innen und bittersüsser Selbstironie gelingt Almodóvar ein Werk, das zugleich wie Abrechnung, Selbstporträt und Liebeserklärung ans Kino wirkt. Und vielleicht liegt darin die grösste Stärke von AMARGA NAVIDAD: dass der Film trotz aller intellektuellen Verspieltheit nie vergisst, das Herz zu berühren.
