Eine junge, queere Frau kehrt in ihre tunesische Heimat zurück und wird dort nicht nur mit dem Tod eines Familienmitglieds, sondern auch mit den unausgesprochenen Regeln einer Gesellschaft konfrontiert, in der Homosexualität noch immer ein Tabu ist. Leyla Bouzid verbindet in À VOIX BASSE Familiendrama, Liebesgeschichte und Gesellschaftsporträt zu einem Film von grosser emotionaler Kraft. Unser Lieblingsfilm im Wettbwerb der diesjährigen Berlinale.
À VOIX BASSE – Liebe im Schatten des Schweigens
Ein berührendes Drama über Homosexualität, Familiengeheimnisse und gesellschaftliche Tabus im heutigen Tunesien.

À VOIX BASSE | REZENSION
Für uns an der Berlinale gesehen hat den Film Felix Schenker, Chefreaktor arttv.ch
Als Lilia aus Paris zur Beerdigung ihres Onkels nach Tunesien zurückkehrt, trägt sie ein Geheimnis mit sich: Ihre Familie weiss nichts von ihrer Beziehung zu einer Frau. In einer Gesellschaft, in der Homosexualität noch immer tabuisiert und strafrechtlich verfolgt wird, wird die Heimkehr zur emotionalen Zerreissprobe. Doch Leyla Bouzids À VOIX BASSE erzählt nicht nur von einer verbotenen Liebe, sondern auch von den Folgen eines jahrzehntelangen Schweigens innerhalb einer Familie. Ausgangspunkt der Geschichte ist der mysteriöse Tod von Lilias Onkel. Während sie den Ereignissen nachgeht, öffnen sich immer neue Risse im Familiengefüge. Verdrängte Wahrheiten treten ans Licht, alte Loyalitäten werden infrage gestellt und die Grenzen zwischen persönlicher und gesellschaftlicher Unterdrückung beginnen zu verschwimmen.
Mehr als ein queeres Drama
Bouzid gelingt das Kunststück, Homosexualität weder zu dramatisieren noch zur blossen politischen Botschaft zu machen. Stattdessen zeigt sie, wie gesellschaftliche Tabus in die intimsten Bereiche des Lebens hineinwirken. Das macht den Film universell verständlich, auch für Zuschauer:innen, die mit der Situation in Tunesien wenig vertraut sind. Gleichzeitig bleibt À VOIX BASSE tief in seinem gesellschaftlichen Kontext verankert. Die Regisseurin zeichnet das Bild eines Landes zwischen Tradition und Aufbruch, ohne dabei einfache Antworten zu liefern. Die Konflikte entstehen nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Angst, Scham und dem Wunsch, bestehende Strukturen aufrechtzuerhalten. Das hat auch etwas Tröstliches und Verzeihendes.
Die Kraft der leisen Töne
Besonders beeindruckend ist die Zurückhaltung, mit der Bouzid erzählt. Die grossen Emotionen liegen nicht in dramatischen Ausbrüchen, sondern in Blicken, Gesten und unausgesprochenen Wahrheiten. Eya Bouteraa verleiht ihrer Figur eine grosse Verletzlichkeit, während Hiam Abbass einmal mehr mit ihrer starken Präsenz überzeugt. All das hat den Film zu unserem Favoriten im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale gemacht.
Fazit
À VOIX BASSE ist ein fein beobachtetes Drama über Homosexualität, familiäre Loyalität und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Leyla Bouzid verbindet gesellschaftliche Relevanz mit grosser emotionaler Wahrhaftigkeit und schafft einen Film, der weit über sein tunesisches Setting hinaus berührt und universell gelesen werden kann.
