Drei Stunden und sechzehn Minuten nimmt sich Ryûsuke Hamaguchi Zeit für Gespräche über Pflege, Würde, Kapitalismus und den Tod. Was anspruchsvoll klingt, entwickelt in SOUDAIN eine aussergewöhnliche emotionale Kraft. Virginie Efira und Tao Okamoto wurden dafür am Filmfestival Cannes gemeinsam mit dem Darstellerinnenpreis ausgezeichnet.
SOUDAIN – Zwei Frauen, zwei Kulturen und eine unerwartete Freundschaft
- Publiziert am 23. Juni 2026
Ryūsuke Hamaguchi erzählt mit grosser Menschlichkeit von Krankheit, Hoffnung und der Kraft echter Begegnungen.
SOUDAIN | SYNOPSIS
Marie-Lou leitet ein Alters- und Pflegeheim in Paris und setzt sich dafür ein, das ganzheitliche Pflegekonzept Humanitude einzuführen. Dieses stellt Zuwendung, Aufmerksamkeit und die Würde der Bewohner ins Zentrum. Dabei stösst sie auf Widerstand innerhalb des Teams und bei der profitorientierten Trägerschaft. Die Begegnung mit Mari, einer an Krebs erkrankten japanischen Theaterregisseurin, verändert ihr Leben grundlegend. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine tiefe Freundschaft, die sie nach Paris und Kyoto führt.

Pflege braucht Zeit
Marie-Lou leitet ein Alters- und Pflegeheim in Paris. Gegen den Widerstand eines Teils ihres Teams und der profitorientierten Trägerschaft versucht sie, das ganzheitliche Pflegekonzept Humanitude einzuführen. Im Zentrum stehen Blickkontakt, Berührung, aufmerksames Zuhören und die Würde der Bewohner:innen. Doch eine solche Form der Betreuung benötigt vor allem etwas, das in einem auf Effizienz ausgerichteten System kaum vorgesehen ist: Zeit. Hamaguchi zeigt den Pflegealltag ohne falsche Sentimentalität. Geduldig beobachtet seine Kamera Begegnungen zwischen Pflegenden, Angehörigen und Bewohner:innen. Dabei wird das Altersheim zum Schauplatz einer grundsätzlichen Frage: Wie viel Menschlichkeit kann sich eine Gesellschaft leisten, die Fürsorge nach wirtschaftlichen Kriterien organisiert?
Die Kraft des Gesprächs
Durch eine zufällige Begegnung lernt Marie-Lou die japanische Theaterregisseurin Mari kennen, die an Krebs erkrankt ist. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine intensive Freundschaft. In langen Gesprächen nähern sie sich einander an und sprechen über Krankheit, Vergänglichkeit, Arbeit und gesellschaftliche Verantwortung. Wie bereits in DRIVE MY CAR vertraut Hamaguchi auf die verwandelnde Kraft des gesprochenen Wortes. Seine Figuren erklären, widersprechen, schweigen und hören einander zu. Aus dem Austausch zwischen zwei unterschiedlichen Frauen und Kulturen entsteht kein konventionelles Drama, sondern ein gedanklicher und emotionaler Raum, in dem Nähe überhaupt erst möglich wird. Der Film basiert lose auf einem realen Briefwechsel zwischen der Philosophin Makiko Miyano und der Medizinanthropologin Maho Isono.
Zwei herausragende Darstellerinnen
Virginie Efira spielt Marie-Lou als engagierte, bisweilen erschöpfte Frau, deren Idealismus ständig an institutionelle Grenzen stösst. Tao Okamoto verleiht Mari eine stille Klarheit, die ihre Verletzlichkeit niemals ausstellt. Gemeinsam tragen sie einen Film, der keine Angst vor grossen Gedanken und langen Gesprächspassagen hat. SOUDAIN verlangt Geduld, belohnt sie aber mit Momenten von seltener Intensität. Hamaguchi zeigt, dass Fürsorge mehr ist als eine Dienstleistung: Sie ist eine Haltung gegenüber anderen Menschen und damit letztlich eine politische Entscheidung.
Fazit
Ein langer, gedankenreicher und tief berührender Film über die Würde des Menschen – getragen von zwei herausragenden Darstellerinnen.
