Er träumte von einer Karriere als Sänger und geriet in die Fänge eines deutschen Nazi-Agenten. Der St. Galler Ernst Schrämli liess sich mit dem Versprechen auf Anerkennung und eine Zukunft in Deutschland dazu verleiten, militärische Informationen und schliesslich Granaten weiterzugeben. Michael Krummenachers LANDESVERRÄTER erzählt seine Geschichte als packendes Drama über Verführung, Verrat und eine Schweiz, die im Zweiten Weltkrieg ihre Wehrhaftigkeit mit aller Härte demonstrierte – und wirft dabei bis heute aktuelle Fragen nach Schuld, Verhältnismässigkeit und Staatsräson auf.
LANDESVERRÄTER - Die Schweiz und ihre Bauernopfer
Michael Krummenachers Historiendrama über den jungen Ernst Schrämli, der 1942 als erster von 17 Schweizer «Landesverrätern» hingerichtet wurde.
LANDESVERRÄTER | SYNOPSIS
St. Gallen im Zweiten Weltkrieg: Ernst Schrämli (Dimitri Krebs) träumt davon, Sänger zu werden. Der deutsche Agent August Schmid (Fabian Hinrichs) erkennt seine Sehnsucht nach Anerkennung und verspricht ihm eine Karriere in Deutschland. Im Gegenzug liefert Schrämli militärische Informationen und schliesslich Granaten aus Beständen der Schweizer Armee. Als sein Vergehen auffliegt, wird Ernst wegen Spionage und Landesverrats zum Tode verurteilt. 1942 wird er als erster von insgesamt 17 Männern hingerichtet, an denen die Schweizer Militärjustiz während des Zweiten Weltkriegs die Todesstrafe wegen Landesverrats vollstreckt.
LANDESVERRÄTER | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Rolf Breiner (1947–2026)
Rolf Breiner, der LANDESVERRÄTER für arttv.ch 2024 besprochen hat, ist am 6. Mai 2026 im Alter von 78 Jahren verstorben. Mit ihm verlor die Schweizer Film- und Kulturszene einen leidenschaftlichen, kenntnisreichen und unermüdlichen Filmjournalisten. Wir veröffentlichen seine Kritik – nachdem der Film nun als kostenloser Stream auf Play Suisse zu sehen ist – hier in einer redaktionell aktualisierten Fassung.
Ausgangspunkt Dok-Film
Es ist nicht so, dass der Schweizer Film die Zeitgeschichte rund um den Zweiten Weltkrieg völlig ausspart, dennoch bleibt das Thema eher die Ausnahme. Zu den bekanntesten Beispielen gehören Flüchtlingsfilme wie MARIE-LOUISE (1944) und DIE LETZTE CHANCE (1945). Vor allem aber fällt einem Xavier Kollers oscarprämiertes Drama DAS BOOT IST VOLL (1981) ein. 2026 sind es 50 Jahre her, dass Richard Dindo und Niklaus Meienberg mit DIE ERSCHIESSUNG DES LANDESVERRÄTERS ERNST S. (1976) den Fall dokumentarisch aufarbeiteten: Ein junger St. Galler entwendet Munition und übergibt sie einem deutschen Nazi-Agenten. Nach der Premiere an den Solothurner Filmtagen kam es zu heftigen Protesten. Dem Film wurden Einseitigkeit, Polemik und historische Fehler vorgeworfen. Bundesrat Hans Hürlimann verweigerte ihm eine eidgenössische Qualitätsprämie, der damalige Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen den Filmpreis von Stadt und Kanton Zürich. Ein halbes Jahrhundert später ist der Fall Ernst Schrämli noch immer nicht erledigt.
Verführt und verraten
Michael Krummenachers Spielfilm zeichnet das Bild eines jungen, haltlosen Mannes, der nach einem Platz im Leben sucht und dabei auf fatale Abwege gerät. Ernst Schrämli (Dimitri Krebs) gilt als Depp, wird verstossen und gehänselt. Gleichzeitig entdeckt er, dass ihm seine Stimme jene Anerkennung verschaffen könnte, die ihm sonst verwehrt bleibt.Der Deutsche August Schmid (Fabian Hinrichs) wird auf ihn aufmerksam. Er verspricht dem jungen Mann, der widerwillig Militärdienst leistet, ihn nach Berlin zu bringen und seine Gesangskarriere zu fördern. Ernst liefert seinem vermeintlichen Förderer dafür zunächst falsche Skizzen von Bunkern und später echte Granaten, die er aus einem Depot entwendet. Für kurze Zeit scheint sich sein Leben zum Guten zu wenden. Ernst blüht auf und verliebt sich in die Bürgerstochter Gerti (Luna Wedler). Doch selbst diese Beziehung wird später vor Gericht gegen ihn verwendet. Gleichzeitig lässt ihn das Militär für seine Zwecke den deutschen Agenten bei einer Granatenübergabe überführen. Der Aussenseiter wird benutzt – von verschiedenen Seiten. Am Ende siegen Eigennutz, Willkür und Staatsräson.
An ihm wird ein Exempel statuiert
Der Schwyzer Autor und Regisseur Michael Krummenacher rekonstruiert den Fall in fünf Kapiteln: vom gehänselten Aussenseiter und widerwilligen Rekruten über die Entdeckung seines Gesangstalents und seine dilettantischen Spionageaktionen bis hin zu Prozess und Hinrichtung. Das ist schlüssig inszeniert und konsequent auf einen Täter fokussiert, der sich selbst kaum als solcher begreift. Schrämli ist schuldig – doch der Film fragt, ob diese Schuld seinen Tod rechtfertigte. Er ist zugleich Opfer falscher Versprechungen, seiner sozialen Stellung und einer Zeit, in der die Schweiz ihre Wehrhaftigkeit mit aller Härte demonstrieren wollte. Ernst Schrämli war der erste von insgesamt 17 Männern, die zwischen 1942 und 1944 von der Schweizer Militärjustiz wegen Landesverrats hingerichtet wurden. Die letzte Szene geht unter die Haut: Nach der Vollstreckung verbindet sich ausgerechnet der Gesang mit jenem Traum, der Schrämli einst aus seinem Leben hätte herausführen sollen. LANDESVERRÄTER ist eine packende Zeit- und Fallstudie, die klar Position bezieht: Die Kleinen müssen dran glauben, während die Grossen ihre Interessen weiterverfolgen können.
Die Entdeckung: Dimitri Krebs
Für diese Aufarbeitung fand Michael Krummenacher einen Schauspieler, der eine aussergewöhnliche Authentizität auf die Leinwand bringt. Dimitri Krebs brilliert in seiner ersten Filmrolle als Ernst Schrämli – verletzlich, naiv, grossspurig und verloren zugleich. Rolf Breiner schrieb in seiner ursprünglichen Kritik 2024, Krebs dürfte «ein heisser Kandidat für den Schweizer Filmpreis» sein. Er sollte recht behalten: 2025 wurde Dimitri Krebs für LANDESVERRÄTER mit dem Schweizer Filmpreis als bester Darsteller ausgezeichnet – ex aequo mit David Constantin für TSCHUGGER – DER LÄTSCHT FALL. Damit bekam eine der grossen Entdeckungen des Schweizer Filmjahres 2024 auch offiziell jene Anerkennung, die Rolf Breiner bereits bei der Premiere vorausgesehen hatte.