ROMERÍA, der dritte Spielfilm von Carla Simón, der im offiziellen Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes 2025 präsentiert wurde, schliesst eine Trilogie über das familiäre Gedächtnis ab, die mit SUMMER 1993 (Berlinale 2017, bester Erstlingsfilm) und ALCARRÀS (Berlinale 2022,Goldener Bär) begann. Der Film ist von ihrer eigenen Geschichte inspiriert.
ROMERÍA
ROMERÍA | SYNOPSIS
Marina, die als Kind adoptiert wurde, muss einen Teil ihrer biologischen Familie wiederfinden, um ein standesamtliches Dokument für ihr Studium zu erhalten. Geleitet von dem Tagebuch ihrer Mutter, das sie nie entbehrt hat, reist sie an die spanische Atlantikküste und trifft dort auf ihre Familie väterlicherseits, die sie nicht kennt. Marinas Ankunft lässt die Vergangenheit wieder erwachen. Indem sie die Erinnerung an ihre Eltern wieder aufleben lässt, entdeckt sie die Geheimnisse ihrer Familie, das Unausgesprochene und die verborgenen Geschichten.

ROMERÍA | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
Spurensuche nach dem verstorbenen, unbekannten Vater
Mit ROMERÍA schliesst Carla Simón ihre autobiographisch inspirierte Trilogie über Familienverhältnisse ab. Wie schon in SUMMER 1993 und ALCARRÀS ist auch dieser Film von persönlichen Erfahrungen geprägt. Die etwa 18-jährige Marina möchte ein Filmstudium beginnen und benötigt für ein Stipendium ein Dokument, das bestätigt, dass ihr Vater verstorben ist – ein Vater, den sie nie kennengelernt hat. So reist sie von Barcelona nach Vigo, wo sie jedoch feststellen muss, dass sie in der Sterbeurkunde nicht als Tochter eingetragen ist. In der Folge sucht sie die Familie väterlicherseits auf. Während Onkel und Tanten sie mit offenen Armen empfangen, bleiben die Grosseltern distanziert und vermeiden es, über die Vergangenheit zu sprechen.
Zwischen Schweigen, Widersprüchen und Erinnerungen
Mit den Augen Marinas entfaltet sich ein vielschichtiges Bild der Familie, in dem unterschiedliche Verwandte auch unterschiedliche Versionen der Lebensgeschichte des Vaters erzählen. Der an Aids verstorbene und drogensüchtige Mann bleibt dabei eine schwer fassbare Figur: Nicht nur Details seines Lebens, sondern selbst sein Todesjahr erscheinen unsicher. Der Verschlossenheit der Grosseltern steht die Offenheit der jüngeren Generation gegenüber, insbesondere der Cousins. Insgesamt entsteht so das Bild einer Familie, in der lieber geschwiegen als geredet und die Vergangenheit verdrängt oder verzerrt wird. Gegliedert durch Datumsangaben und geführt von den Tagebuchaufzeichnungen der Mutter dringt Marina zunehmend tiefer in die Vergangenheit ein. Dabei ergeben sich Spiegelungen zwischen den Generationen, etwa wenn sich Motive und Erfahrungen wiederholen. Zugleich öffnet der Film den Blick über das Private hinaus: In Szenen, die die späten 1980er Jahre evozieren, entsteht ein Bild der Post-Franco-Ära, das dem nüchternen Alltag der frühen 2000er Jahre gegenübersteht.
Leise Beobachtung statt lauter Dramatik
Statt einer stringenten Handlung entwickelt Simón, getragen von einem starken Ensemble, ein dichtes und komplexes Familienporträt. Die bewegliche Kamera von Hélène Louvart dringt unauffällig in die familiären Strukturen ein und macht unterschiedliche Charaktere und Verhaltensweisen sichtbar. Ergänzt werden diese «objektiven“»Bilder durch Marinas eigene Videoaufnahmen, die sich durch Unschärfe, leichte Überbelichtung und ein verändertes Format abheben und eine subjektive Ebene eröffnen. Auch visuell setzt der Film Kontraste, etwa zwischen den von Feldern geprägten Landschaften der früheren Filme und dem tiefblauen Meer als neuem Schauplatz. Wie schon in ihren vorangegangenen Arbeiten verzichtet Simón auf dramatische Zuspitzung. Sie inszeniert zurückhaltend und drängt dem Publikum keine eindeutigen Antworten auf, sondern setzt auf Beobachtung, feine Konstruktion und die Verbindung unterschiedlicher Zeit- und Erzählebenen.
Fazit
Ein ruhig inszenierter, fein beobachteter Film, der Familienverhältnisse und -geschichte subtil und differenziert auslotet und sich durch seine Zurückhaltung langsam, aber nachhaltig entfaltet.
