Mit FOLICHONNERIES legt der kanadische Regisseur Eric K. Boulianne einen Film vor, der sich ebenso leichtfüssig wie melancholisch zwischen Wirklichkeit und Wunschdenken bewegt. Was zunächst wie eine schrullige Alltagskomödie anmutet, entpuppt sich als feinsinnige Studie über Einsamkeit, Selbsttäuschung und die kleinen Fluchten, die uns am Leben halten.
FOLICHONNERIES – Wenn die Fantasie die Realität überholt
Eine bittersüsse Komödie über Eskapismus, unerfüllte Sehnsüchte und die tröstliche Kraft der Einbildung
FOLICHONNERIES | SYNOPSIS
François und Julie sind seit 16 Jahren ein Paar und haben zwei Kinder – doch die intime Nähe zwischen ihnen ist verloren gegangen. Also beschliessen sie, ihre Beziehung zu öffnen, um sich in sexuelle Abenteuer zu stürzen, durch die sie sich selbst besser kennenlernen... Aber so einfach kann es doch nicht sein, oder?
FOLICHONNERIES | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
Zwischen Routine und neuer Lust
Mit bemerkenswerter Offenheit und feinem Gespür für Alltagskomik erzählt Eric K. Boulianne in FOLICHONNERIES von einem Paar, das nach 16 gemeinsamen Jahren versucht, seiner erstarrten Beziehung neue Impulse zu verleihen. Was zunächst wie eine leichte Beziehungskomödie anmutet, entwickelt sich dabei zu einer überraschend ehrlichen Reflexion über Begehren, Intimität und die Fragilität moderner Partnerschaften. Bereits die Auftaktszene setzt den Ton: In einer langen, unbewegten Einstellung lauschen François und Julie einem jüngeren Paar, das freimütig über offene Beziehungen, sexuelle Praktiken und emotionale Grenzen spricht. Boulianne etabliert damit sofort jene unverkrampfte Direktheit, die den Film durchzieht. Nie voyeuristisch, sondern neugierig und menschlich blickt er auf Figuren, die sich zwischen Gewohnheit und Sehnsucht neu orientieren müssen.
Die Entlarvung des Familienalltags
Der Alltag des Paares ist längst von Routine geprägt. Zwar funktioniert das Familienleben mit den beiden Töchtern äusserlich reibungslos, doch unter der Oberfläche haben sich Entfremdung und Sprachlosigkeit eingenistet. Besonders gelungen sind dabei die Szenen mit den Kindern, die die Spannungen der Eltern mit entwaffnender Klarheit durchschauen und deren Selbstbilder immer wieder ironisch unterlaufen. Solche Momente verleihen dem Film zusätzliche Schärfe. Wenn Louise in der Schule die polyamourösen Verhältnisse ihrer Eltern mit einem Tafelbild visualisiert, verbindet sich Situationskomik mit feiner Gesellschaftsbeobachtung. Boulianne gelingt es dabei, seine Figuren nie blosszustellen, sondern ihre Unsicherheiten mit grosser Empathie sichtbar zu machen.
Befreiung und Eifersucht
sechs Kapiteln verfolgt der Film die vorsichtigen Schritte des Paares in Richtung sexueller Öffnung. Aus anfänglicher Neugier entstehen Unsicherheiten, Eifersucht und Verletzungen, zugleich aber auch neue Erfahrungen von Nähe und Selbstbestimmung. Boulianne interessiert sich dabei weniger für Provokation als für die emotionalen Verschiebungen innerhalb einer langjährigen Beziehung. Getragen wird der Film vor allem von der spürbaren Chemie zwischen Catherine Chabot und Eric K. Boulianne, die ihren Figuren grosse Wärme und Glaubwürdigkeit verleihen. Ihre Dialoge sind pointiert, rhythmisch und oft von trockenem Humor geprägt, ohne die emotionalen Konflikte je zu banalisieren.
Reduzierte Inszenierung, grosse Ehrlichkeit
Formal bleibt die Inszenierung bewusst reduziert. Die Kamera bleibt meist dicht bei den Figuren und beobachtet präzise kleine Veränderungen in Blicken, Gesten und Körperhaltungen. Erst gegen Ende öffnet sich die Bildsprache zunehmend – als würde sich mit den Figuren auch der Film selbst aus seiner anfänglichen Enge lösen. Diese Konzentration auf das Wesentliche verleiht der Komödie ihre Authentizität. Nie wirkt der Film bemüht provokativ, vielmehr entwickelt er aus seiner Offenheit eine bemerkenswerte Leichtigkeit und emotionale Wahrhaftigkeit.
Fazit
Eric K. Boulianne gelingt mit FOLICHONNERIES eine ebenso witzige wie überraschend sensible Beziehungskomödie. Mit grosser Offenheit, treffenden Dialogen und zwei hervorragend harmonierenden Hauptdarsteller:innen erzählt der Film von den Chancen und Risiken sexueller Selbstbestimmung – und davon, wie sich inmitten festgefahrener Routinen neue Formen von Nähe und Lebensfreude entdecken lassen.
Kuh gedagt: Fünf Gründe, warum FOLICHONNERIES als Komödie funktioniert:
Peinlich genaue Alltagsbeobachtungen
Der Film trifft Situationen, die man selbst schon erlebt hat — misslungene Smalltalk-Versuche, unbeholfene Annäherungen oder sozial awkward Momente. Man lacht, weil es schmerzhaft vertraut ist.
Trockener, lakonischer Humor
Statt lauter Gags setzt Eric K. Boulianne auf Understatement. Pointen entstehen aus Pausen, Blicken oder beiläufigen Bemerkungen — ein Humor, der sich erst im Nachhall entfaltet.
Absurde Fantasieeinschübe
Die Tagträume der Hauptfigur kippen immer wieder ins leicht Surreale. Diese unerwarteten Verschiebungen der Realität sorgen für komische Überraschungen, ohne den Film zur reinen Klamotte zu machen.
Selbstironie statt Spott
Gelacht wird nie über andere, sondern mit der Figur — oder über ihre Selbsttäuschung. Dadurch bleibt der Humor warmherzig und menschlich statt zynisch.
Timing und Körpersprache
Viel Komik entsteht nonverbal: aus unbeholfenen Bewegungen, zu langen Pausen oder Blicken ins Leere. Gerade dieses präzise Timing macht viele Szenen gleichzeitig komisch und berührend.

