Ein verstimmter Ton kann ein ganzes Stück ruinieren – und manchmal ein ganzes Leben. Als ein junger Klavierstimmer einen scheinbar harmlosen Auftrag annimmt, gerät er in ein perfides Spiel aus Beobachtung, Täuschung und wachsender Bedrohung. Was als Routine beginnt, wird schnell zur nervenaufreibenden Frage: Wie viel darf man sehen – und überlebt man die Wahrheit?
THE PIANO TUNER – Thriller, Crime und psychologische Spannung
THE PIANO TUNER | SYNOPSIS
Für den Klavierstimmer Niki White (Leo Woodall) ist sein empfindliches Gehör Fluch und Segen zugleich.
Gemeinsam mit seinem Mentor Harry Horowitz (Dustin Hoffman) reist er durch New York und kümmert sich um Instrumente, die seine besondere Gabe erfordern. Eine Aufgabe, die den sonst eher stillen Niki dazu zwingt, mit Menschen zu interagieren. Unter anderem mit Ruthie (Havana Rose Liu), zu der er sich sofort hingezogen fühlt. Als jedoch zwielichtige Gestalten erkennen, dass Nikis Gehör auch für das Öffnen von Safes nützlich ist, nehmen die Ereignisse eine gefährliche Wendung.

THE PIANO TUNER | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Madeleine Hirsiger
Die Kunst des Hörens
Der Beruf eines Klavierstimmers ist ein respektvoller und bewundernswerter. Abgesehen vom benötigten absoluten Musikgehör gibt es für ihn zahlreiche Finessen, um einen Ton zu verändern. Zum Beispiel ein kleines Loch in den Filz einer Taste zu stechen oder eine Klaviersaite um einen Hundertstelmillimeter anzuziehen. Das kann den Pianisten oder die Pianistin glücklich machen. Das alles nehmen wir Normalhörenden nicht wahr. Dass diese Begabung nicht nur ein Segen sein muss, erlebt der Klavierstimmer Niki White in diesem unterhaltenden Musik-Thriller-Movie.
Zwei Klavierstimmer in New York
Wir sind in New York. Seit Jahrzehnten ist der in die Jahre gekommene Harry Horowitz (Dustin Hoffman) mit seinem Kleinbus unterwegs, um verstimmte Flügel wieder auf Kurs zu tunen. Er braucht aber den jungen Niki (Leo Woodall), der absolut auf der Höhe seiner Kunst ist und die Arbeit für Harry erledigt, der zunehmend an Demenz und Arthritis leidet. Sie haben es gut miteinander, flicken bei sehr reichen Leuten auch mal einen tropfenden Wasserhahn – nachdem ihnen 500 Dollar dafür angeboten wurden – und sind gut ausgelastet. Als Harry sein Hörgerät in den Tresor legt, aber den Code nicht mehr weiss, findet Niki heraus, dass er jeden Tresor knacken kann, wenn er beim Drehen des Knopfes ganz genau hinhört, als würde er einen Flügel stimmen.
Ein Gehör als Fluch und Gabe
Niki hat aber ein Handicap: Er hat schwere Probleme mit den Ohren und ist extrem sensibel gegenüber jeder Art von Lärm. Deshalb trägt er nicht nur Ohrenstöpsel, sondern darüber noch Kopfhörer. Sein Leiden hat es ihm unmöglich gemacht, als hochbegabter Pianist Karriere zu machen.
Vom Klavier zum Safe
Als er in einer grossen Villa den Flügel stimmen will, stört ihn ein unerträglicher Lärm aus dem oberen Stockwerk. Er will dem Übel auf die Spur kommen und trifft auf eine Einbrecherbande, die im Security-Bereich (!) tätig ist und mit einem Bohrer einen Safe öffnen will. Um die Stille wiederherzustellen, öffnet er ihnen den Tresor mit seiner Methode – und schwups, ist er für die kriminelle Bande unentbehrlich. Niki braucht Geld, um Harry, der im Spital liegt, den Bus abzukaufen – und ist nun im toxischen Netz des Diebesclans gefangen. Die Bande lässt ihn nicht mehr gehen, er ist Gold wert. Im ganzen Trubel begegnet ihm dann noch die junge, ambitionierte Pianistin Ruthie (Havana Rose Liu), mit der Niki nicht nur beruflich zu tun bekommt, was sein Leben einerseits schöner, aber eben auch nicht einfacher macht. Turbulenzen sind angesagt.
Regisseur mit Dokumentarfilm-Hintergrund
Der 33-jährige kanadische Regisseur Daniel Roher hat mit diesem Film sein Langspielfilmdebüt gegeben. Er machte sich 2022 mit dem Dokumentarfilm NAWALNY einen Namen. Darin rollte er die Ereignisse im Zusammenhang mit der Vergiftung des russischen Oppositionsführers auf, der nach seiner Erholung vom Giftanschlag von Deutschland zurück nach Moskau reiste, wo er bereits am Flughafen verhaftet wurde.
Fazit
THE PIANO TUNER ist ein leichtfüssiger, unterhaltsamer Film und treffend besetzt. Es ist eine grosse Freude, dem 89-jährigen Dustin Hoffman zuzusehen, der noch immer mit Witz, Timing und Präsenz überzeugt und voll bei der Sache ist. Und sein Gegenüber, der 29-jährige Brite Leo Woodall, brilliert als hörgeschädigter, genialer Klavierstimmer. Etwas ermüdend ist der Einsatz von sich wiederholenden, extrem kurzen und temporeichen Sequenzen, die den Erzählfluss immer wieder abbremsen. Trotzdem: THE PIANO TUNER ist ein Film für alle Fälle.
