Interviews
Rebecca Zlotowski | © Shelby Duncan

«Ich hatte Lust, die Stereotypen der Disney-Stiefmütter zu dekonstruieren.»

Rebecca Zlotowski erzählt in ihrem Film «Les enfants des autres» die Geschichte einer Frau, die trozt fortgeschrittenen Alters Kinder kriegen möchte.

Rebecca Zlotowski im arttv Interview darüber, warum sie die Nase voll hat von Antihelden, warum «Les enfants des autres» primär ein Film über das Weitergeben von Leben ist und warum es ihr wichtig war zu zeigen, dass Frauen durchaus fähig sind, einen Mann und ein Kind zu teilen aber auch, dass ihre Hauptdarstellerin Virginie Efira etwas von Romy Schneider hat: diese Art von intelligenter Zerbrechlichkeit, eine Verletzlichkeit ohne Pathos.

Warum ein Film über eine Frau, die sich an die vierjährige Tochter ihres neuen Partners bindet und gleichzeitig versucht, ein eigenes Kind zu bekommen?
Das Kuriose ist, dass dieser Film zunächst nicht aus dem Wunsch nach Frauenporträts, sondern aus dem Wunsch nach Männerporträts entstanden ist. Ich hatte die Serie «Les sauvages» (Die Wilden) mit Roschdy Zem beendet, und mein Wunsch war es, weiter mit Roschdy zu arbeiten. Zufällig lasen wir zu diesem Zeitpunkt denselben Roman von Romain Gary mit dem Titel «Au delà de cette limite votre ticket n’est plus valable» (Über diese Grenze hinaus ist Ihr Ticket nicht mehr gültig). Es ist ein Roman über männliche Impotenz, in dem es um einen älteren Mann geht, der in eine jüngere Frau verliebt ist. Er fantasiert darüber, dass er seine sexuellen Fähigkeiten verliert und revitalisiert sich, indem er sich erotische Szenarien ausdenkt. Ich gehe also mit dem zu adaptierenden Buch los und nach und nach wird mir klar, dass es überhaupt nicht das ist, was ich tun will, dass es mich deshalb berührt, weil es in mir eine Situation der Hilflosigkeit widerspiegelt, eine Frau zu sein, die 40 Jahre alt wird und keine Kinder hat – die mit einem Mann zusammenlebt, der Kinder hat – die selbst Kinder will, aber nicht sicher ist, ob sie es
schaffen kann. Und ich realisierte, dass die Aussage «Ab dieser Grenze ist Ihr Ticket nicht mehr gültig” auf meine Situation zutrifft.»

Dachten Sie sofort an Virginie Efira, um Ihre Heldin Rachel zu verkörpern?
Ja, weil es in der französischen Filmlandschaft nicht tausend Optionen für eine Schauspielerin dieser Grössenordnung gibt. Da war sie eine Selbstverständlichkeit. Virginie ist mit Mitte 40, also von Alter her für die Rolle perfekt. Sie ist quasi in das französische Autorenkino hineingeboren worden. Ausserdem wollten wir schon lange zusammenarbeiten.

Stiefmutter Rachel sagt zur leiblichen Mutter Alice: «Wir hören auf, uns immer für die Männer zu entschuldigen». Zwischen den beiden entsteht eine Vertrautheit eine Harmonie. Haben Sie das Verhältnis der beiden Frauen nicht idealisiert?
Nein, ich wollte zeigen, dass es für Frauen möglich ist, einen Mann zu teilen, ein Kind zu teilen, ohne dass es auch nur den geringsten Konflikt oder eine Rivalität zwischen ihnen gibt. So führen viele Menschen in meiner Umgebung ihr Leben und ich meines auch. Aber das wird im Kino nicht dargestellt, weil es schwerer ist, mit edlen Gefühlen zu berühren als mit spannungsgeladenen, negativen Situationen.

In Bezug auf die Technik: Warum haben Sie sich dafür entschieden, zwischen den einzelnen Episoden das Irisverschlussverfahren zu verwenden?
Dieses Verfahren hat es mir ermöglicht, den Film in Kapitel zu gliedern. Ich hätte auch schwarze Bildschirme einfügen können, aber ich finde, dass dies eine poetischere und melodischere Art ist, die Zeit vergehen zu lassen. Ich wollte, dass es das Ende und den Beginn einer Jahreszeit markiert, und es ist ein poetisches Element im Film, das bereits beim Schreiben vorhanden war.
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Rachel nimmt ihren Schüler Dylan unter ihre Fittiche. Wollten Sie damit die empathische Seite ihrer Protagonistin und ihre mütterliche Seite noch stärker betonen?*
Ja! Ich war Lehrerin, bevor ich Regisseurin wurde. Es ist also ein Beruf, den ich gut kannte. Die Erfahrungen, die ich mit meinen damaligen Schüler:innen gemacht habe, gehen mir nicht aus dem Kopf. Den Mantel, den Rachel Dylan kauft, hatte auch ich einem meiner bedürftigen Schüler damals gekauft und ich bin immer noch gerührt, wenn ich an dieses Kind zurückdenke. Als ich beim Schreiben des Films in meinen Erinnerungen schwelgte und dachte, dass ich nie ein Kind haben würde (inzwischen ist Rebecca Zlotowski Mutter geworden, Anm. d. Red.), fragte ich mich, was von mir als Frau ohne eigene Kinder bleiben wird. Ich dachte, dass es mein Schicksal sein würde, zweifache Stiefmutter zu bleiben. Ich musste stark sein, um nicht unter dieser Situation zu leiden. So wollte ich mich einem Film zuwenden, der mir hilft, meine Situation zu akzeptieren und mich darin bestätigt, dass es mir trotzdem gut gehen würde. «Les enfants des autres» ist in erster Linie ein Film über die Weitergabe von Leben.

Einige Szenen, die in Bistros oder in den Strassen von Paris mit ihrer oft herbstlichen Atmosphäre gedreht wurden, erinnern an die Filme von Sautet, war das eine Inspiration?
Natürlich bin ich ein Fan von Sautets Werken und lasse mich vor allem durch das Filmen durch die Fensterscheiben der Bistros inspirieren. In «Une histoire simple» gibt es diese Szene zwischen Romy und Bruno Cremer, die mich inspiriert hat. Ich bin überhaupt sehr von diesem Film geprägt. Und ich finde, dass Virginie Efira etwas von Romy Schneider hat: diese Art von intelligenter Zerbrechlichkeit, eine Verletzlichkeit ohne Pathos und gleichzeitig sehr sensibel.

Können Sie uns zum Abschluss des Interviews ein paar Worte über Ihren nächsten Film verraten?
Im Moment schreibe ich Filme für andere und habe auch ein Serienprojekt. Was meinen nächsten Film als Regisseurin betrifft, möchte ich, dass es ein Erotikthriller wird. Ich habe Lust auf das Genre.

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