© Peter Hauser

«Finsteres Glück» | Interview mit Regisseur Stefan Haupt

Ist es möglich, mit Toten zu kommunizieren? Der kleine Ives, Hauptfigur in Stefan Haupts neuestem Film «Finsteres Glück», ist überzeugt davon. – Was er mit diesem Film und im Speziellen mit der Figur des kleinen Jungen aussagen will, verrät Stefan Haupt im arttv Interview.

«Finsteres Glück» beginnt in der Tat düster: Ein 8jähriger überlebt als einziger seiner Familie einen Autounfall. Wieso realisierten Sie diesen Film?

«Finsteres Glück» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Lukas Hartmann. Ich hatte eigentlich nie vor, eine Romanverfilmung zu machen – doch Lukas Hartmann fragte mich an. Obwohl ich eher skeptisch war, beschloss ich, das Buch zu lesen. Und beim Lesen hat es mich dann derart reingezogen, dass ich wusste: Diesen Stoff will ich umsetzen! Ich finde es bis heute schwierig zu benennen, was genau mich berührte. Ich weiss nur, dass ich sonst beim Lesen von Romanen äusserst selten weine – diese Geschichte aber hat mir mehr als einmal die Tränen in die Augen getrieben. Das Bild von dem 8jährigen unschuldigen Buben, der einfach so auf diese Welt geworfen wird – das hat etwas Archetypisches, das wir wohl alle irgendwie kennen: dieses Gefühl des Verlorenseins, der Ohnmacht und des Nicht-Wissens, wie mit dieser Situation umzugehen ist.

Im Film wird immer wieder das Metaphysische angedeutet. Irgendwann fragt die Protagonistin Eliane sogar ganz direkt ihre Freundin: Woran glaubst du? – Diese Frage deshalb auch an Sie: Woran glauben Sie?

Für mich ist sonnenklar, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt als das, was wir mit unserem Verstand greifen oder begreifen. Es wird in der Geschichte ja auch angedeutet, ob dieser kleine Junge allenfalls zu Eliane geschickt worden ist, um ihr bei der Bewältigung ihres eigenen Traumas zu helfen. Mir bereitet das Wort «Fügung» Mühe; auch ärgere ich mich, wenn immer alles sinnvoll gedeutet werden muss. Meine Erfahrung ist aber dennoch, dass die Dinge, die einem widerfahren, auf die eine oder andere Art mit einem selber zu tun haben. Was man dann daraus macht allerdings ebenso: Ob man sich durch ein Ereignis weiter verhärtet – oder ob man es eben als Chance begreift, sich selber und seine Probleme anzuschauen. Solche Prozesse brauchen natürlich Zeit, viel Zeit sogar. Und gerade die Kunst bietet uns hier eine unglaublich tolle Chance, indem sie für gewisse Dinge nicht bloss Worte, sondern Bilder findet.

Sie haben in der Tat sehr faszinierende Bild- und auch Tonwelten kreiert, die wortlos viel erzählen. Wie sind Sie vorgegangen?

Zum einen ist bereits das Buch von Lukas Hartmann grossartig geschrieben, indem es viele Verweise macht. Da heisst es zum Beispiel: Der Knabe sass da «und glich einem englischen Edelknaben auf einem Bild van Dycks», oder das Licht in einem Unwetter wird beschrieben mit dem Ölgemälde soundso. Solche Beschreibungen habe ich zusammen mit meinem Kameramann möglichst detailgetreu umzusetzen versucht. Auch haben wir uns viel Zeit genommen, um beim Dreh die ganze Découpage sorgfältigst auszuführen. Entscheidend zur Atmosphäre beigetragen hat aber sicherlich die Audio-Ebene. Es hat im ganzen Film sehr viele musikalische Passagen, und obwohl man die bewusst vielleicht gar nicht wahrnimmt, weiss ich, dass sie dem Film viel gegeben haben. Wir wollten unbedingt eine leichte Verschiebung der Wahrnehmung reinbringen, und ich glaube, das ist uns gelungen.

Die Hauptrolle der Eliane wird von Ihrer eigenen Frau Eleni Haupt gespielt, mit der Sie auch vier Kinder haben. Wie hat sich dieser Film auf Ihr eigenes Familienleben ausgewirkt?

Unsere Kinder haben natürlich einiges von diesem Film mitbekommen. Nur schon, dass wir als Eltern eine Zeitlang sehr wenig präsent waren – sie aber glücklicherweise eine Nanny hatten, die gut zu ihnen schaute. Wir sind auch vor ein paar Jahren, kurz nachdem ich das Buch gelesen hatte, tatsächlich mal zusammen mit dem Auto nach Colmar gefahren – dorthin also, wo in der Geschichte dieser schreckliche Unfall passierte. Und als wir dann als 6köpfige Familie durch ebendiesen Tunnel fuhren, da ist mir das natürlich schon durch den Kopf gegangen…

Haben Sie ein Zielpublikum für diesen Film?

«Finsteres Glück» wird sicherlich viele Frauen ansprechen, da zweifle ich nicht daran. Gleichzeitig aber dünkt mich, dass der Film auch für Männer äusserst spannend wäre: Weil ich nämlich glaube, dass wir Männer immer noch enorm unter dem Druck stehen, alles unter Kontrolle zu haben und stark sein zu wollen – und genau darum bleibt ebendieser kleine hilflose Junge, den ich im Film beschreibe, meistens auf der Strecke. Es ist doch verrückt, wie früh Männer immer noch in dieses männliche Rollengehabe reinkommen: Schon auf dem Pausenplatz siehst du, wie achtjährige Jungs den Macker raushängen, weil sie glauben, das tun zu müssen. Männliche Zuschauer nun im Film diesem kleinen hilflosen Jungen begegnen zu lassen, das fände ich spannend!

Danke für dieses Gespräch!

weniger lesen

arttv Dossiers

Kulturnachrichten

CLICK Unser eMagazin