Die 1970er-Jahre waren geprägt von gesellschaftlichen Umbrüchen, politischen Debatten und einem tiefgreifenden Wandel des Kunstverständnisses. Neue Lebensentwürfe, alternative Ausbildungswege und unabhängige Kunsträume eröffneten Möglichkeiten, die bisher kaum denkbar gewesen waren. Diesen Geist des Aufbruchs macht die aktuelle Ausstellung «Miteinander nebeneinander» im Aargauer Kunsthaus erlebbar.
Wie die 1970er-Jahre die Kunst neu erfanden
- Publiziert am 18. Juni 2026
Das Aargauer Kunsthaus zeigt mit «Miteinander nebeneinander», wie Experiment, Gemeinschaft und radikale neue Ausdrucksformen bis heute nachwirken.
Von Pop Art bis Fluxus
Ausgangspunkt bildet die Aarauer Kunstszene jener Jahre. Besonders die Ateliergemeinschaft Ziegelrain steht exemplarisch für eine Zeit, in der unterschiedlichste künstlerische Positionen Tür an Tür entstanden und sich gegenseitig beeinflussten. Die Ausstellung zeigt, wie vielfältig die Kunstproduktion damals war und wie selbstverständlich unterschiedliche Ausdrucksformen nebeneinander existierten. Der Blick reicht jedoch weit über Aarau hinaus. Werke regionaler Kunstschaffender treten in Dialog mit internationalen Strömungen wie Fluxus, Nouveau Réalisme oder der Pop Art. Künstler:innen experimentierten mit Konzepten, Aktionen und neuen Medien und stellten traditionelle Vorstellungen von Kunst und Autorenschaft infrage. Gleichzeitig begegnen sich sehr unterschiedliche Haltungen: Die introspektive «Innerschweizer Innerlichkeit» steht konzeptuellen Positionen von Olivier Mosset oder Jean Pfaff gegenüber. Künstlerinnen wie Heidi Bucher oder Rosina Kuhn entwickelten eigenständige Bildsprachen, während Persönlichkeiten wie Emma Kunz die Grenzen zwischen Kunst, Spiritualität und gesellschaftlicher Wahrnehmung erweiterten.
Fragen, die bis heute aktuell sind
Die Ausstellung versteht sich bewusst nicht als vollständiger Überblick über die Kunst der 1970er-Jahre. Vielmehr zeichnet sie ein facettenreiches Bild einer Epoche, in der Offenheit, Experimentierfreude und gemeinschaftliches Arbeiten neue Formen annahmen. Gerade darin liegt ihre Aktualität. Fragen nach kollektiven Arbeitsformen, Vielfalt, Teilhabe und gesellschaftlichem Wandel beschäftigen die Kunstwelt bis heute. «Miteinander nebeneinander» zeigt, dass viele dieser Debatten bereits vor fünfzig Jahren geführt wurden – und wie überraschend gegenwärtig die damaligen Antworten heute wirken. Neben rund 30 künstlerischen Positionen aus Malerei, Zeichnung, Fotografie und Skulptur bietet ein Dokumentationsraum mit Archivmaterialien und Video-Interviews vertiefende Einblicke in die Kunstszene der 1970er-Jahre. So entsteht ein lebendiges Panorama einer Zeit, deren kreative Energie bis in die Gegenwart ausstrahlt.
