Was geschieht, wenn die Logik des Alltags ausser Kraft gesetzt wird? Die Ausstellung TRÄUMENDE DINGE versammelt Werke von Heidi Bucher, Miriam Cahn, Meret Oppenheim, Hannah Villiger, Ilse Weber und weiteren Künstlerinnen. Über einen Zeitraum von rund 100 Jahren zeigt sie, wie der Traum zum künstlerischen Labor für das Unbekannte, Unheimliche und noch nie Gesehene wird.
Träumende Dinge - vertraut und schwebend
- Publiziert am 17. Juli 2026
Im Kunsthaus Zug entwickeln Stühle, Körperfragmente und alltägliche Gegenstände ein rätselhaftes Eigenleben.
DIE LOGIK DES TRAUMS
Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir schlafend und träumend. Trotzdem bleibt der Traum bis heute ein Rätsel. Seit der Romantik gehört er zu den grossen Themen der Kunst. Im Surrealismus wurde er unter dem Einfluss von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung sogar zu einer zentralen Quelle künstlerischer Produktion. Die von Jana Bruggmann kuratierte Ausstellung TRÄUMENDE DINGE greift diese Tradition auf und führt sie bis in die Gegenwart. Mehr als fünfzehn Künstlerinnen lassen vertraute Körper, Räume und Gegenstände in neue Zusammenhänge kippen. Das Alltägliche wird fremd, das Unbelebte scheint plötzlich zu handeln und aus gewöhnlichen Dingen entstehen poetische Wesen.
WENN STÜHLE FLIEGEN
Bei Ilse Weber hebt ein Stuhl scheinbar schwerelos vom Boden ab. Josephine Troller fügt Äste zu eigenartigen pflanzenhaften Gebilden zusammen. Heidi Bucher verwandelt den Abdruck einer Hockeyhose in ein geflügeltes Wesen. Hannah Villiger setzt fotografierte Körperfragmente zu Körperbildern zusammen, die in der Realität nicht existieren. Diese Werke folgen keiner vernünftigen Ordnung. Sie funktionieren wie Träume: vertraut und zugleich unbegreiflich, verspielt und beunruhigend, körperlich und flüchtig. Dinge verlieren ihre gewohnte Funktion und erhalten eine neue Bedeutung. Auch Meret Oppenheim nutzte Träume als schöpferische Ressource. Bereits früh führte sie ein Traumtagebuch. Ihre Arbeiten stehen beispielhaft für eine Kunst, die das Unterbewusste nicht erklärt, sondern sichtbar macht.
DIE NACHTSEITE DER FANTASIE
Doch nicht jeder Traum ist leicht und poetisch. TRÄUMENDE DINGE zeigt auch die dunklen Seiten des Unbewussten: Angst, Schmerz, Wut, Selbstzweifel und Schaffenskrisen. Meret Oppenheim durchlebte eine jahrelange künstlerische Krise. Eva Wipfs Werk bewegt sich zwischen Helligkeit und Abgrund. Lou Stengele entwirft bereits in ihren Bildtiteln geheimnisvolle nächtliche Szenarien. Der Traum wird hier nicht zur Flucht aus der Realität, sondern zum Ort, an dem innere Konflikte eine Form erhalten. Eine Stärke der Ausstellung ist: Sie verklärt das Träumen nicht. Sie zeigt es als Zustand zwischen Freiheit und Kontrollverlust, Verwandlung und Bedrohung.
KÜNSTLERINNEN NEU ENTDECKEN
Die Ausstellung eröffnet zugleich einen neuen Blick auf die Sammlung des Kunsthauses Zug. In einer historisch stark von männlichen Positionen geprägten Kunstgeschichte rückt sie herausragende Werke von Künstlerinnen ins Zentrum. Der zeitliche Bogen reicht von Lou Stengele, geboren 1898 bis zur 1990 geborenen Maya Hottarek. Werke aus der Sammlung werden durch Leihgaben und Dokumente aus Nachlässen ergänzt. So entsteht keine chronologische Kunstgeschichte des Traums, sondern eine vielstimmige Begegnung zwischen Generationen. Gemeinsam ist den Künstlerinnen der Versuch, hinter die sichtbare Welt zu blicken und Bilder für etwas zu finden, das sich einer eindeutigen Erklärung entzieht.
GEMEINSAM WEITERTRÄUMEN
Mit dem Vermittlungsraum WEITERTRÄUMEN wird die Ausstellung partizipativ fortgesetzt. Besucher:innen können spielen, gestalten, Postkarten entwerfen oder aus Secondhand-Objekten eigene surreale Kombinationen schaffen. Ein physisch-digitales Quiz untersucht die Verbindung von Kunst, Sprache und Wahrnehmung. Eine ruhige Zone bietet Raum für Gespräche, Lektüre und Reflexion. Die Ausstellung bleibt damit nicht auf die präsentierten Werke beschränkt, sondern lädt dazu ein, die eigene Vorstellungskraft zum Teil der Präsentation zu machen.
FAZIT
TRÄUMENDE DINGE ist eine poetische und zugleich abgründige Reise durch ein Jahrhundert künstlerischer Fantasie. Die Ausstellung zeigt, wie aus Stühlen, Kleidungsstücken, Pflanzen und Körperfragmenten Bilder entstehen, die sich jeder eindeutigen Lesart entziehen. Statt Träume erklären zu wollen, lässt das Kunsthaus Zug ihre Widersprüche, Ängste und Freiheiten sichtbar werden. Eine Ausstellung für alle, die sich darauf einlassen möchten, das Vertraute für einen Moment mit anderen Augen zu sehen.
