Das 1936 entstandene Wandbild an der Aussenfassade des Bundesbriefmuseums in Schwyz gehört heute zu den Schlüsselwerken der Schweizer Kunst der Zwischenkriegszeit. Bei seiner Entstehung löste Heinrich Danioths Entwurf jedoch heftige Diskussionen aus. Eine neue Publikation von Beat Stutzer rekonstruiert den Wettbewerb, den sogenannten «Kunstkampf» und die Entstehung eines Werks, das die Vorstellungen von nationaler Kunst grundlegend herausforderte.
EIN WANDBILD, DAS DIE SCHWEIZ PROVOZIERTE
- Publiziert am 21. August 2026
Beat Stutzer zeigt, wie Heinrich Danioth mit FUNDAMENTUM einen der heftigsten Schweizer Kunstkämpfe der Zwischenkriegszeit auslöste.
ZUR PERSON: BEAT STUTZER
Beat Stutzer ist Kunsthistoriker, Autor und ausgewiesener Kenner der Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts. Als Direktor leitete und prägte er das Bündner Kunstmuseum Chur sowie das Forum Würth Chur. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Künstler:innen und Werken der Schweizer Moderne.
Für das Jubiläumsprojekt von arttv.ch zu Erna Schillig war Stutzer inhaltlich verantwortlich. Daraus entstand das Buch ERNA SCHILLIG – AUFBRUCH ZUR MODERNE, das weiterhin bestellt werden kann.
Die Wiederentdeckung Erna Schilligs steht exemplarisch für viele Künstlerinnen ihrer Generation. Im Schatten ihrer männlichen Kollegen hatten sie kaum eine Chance, auf dem Kunstmarkt Fuss zu fassen – obwohl ihre Arbeiten qualitativ ebenbürtig und zuweilen überzeugender waren als jene ihrer männlichen Kollegen.
Kunstkampf an der Fassade
Danioths moderne Bildsprache traf auf eine Zeit, in der Kunst im öffentlichen Raum vor allem nationale Werte und ein idealisiertes Geschichtsbild vermitteln sollte. Sein Entwurf widersetzte sich diesen Erwartungen. Tradition, Patriotismus und avantgardistische Kunstauffassungen prallten unmittelbar aufeinander.
Der Streit um FUNDAMENTUM wurde damit zu einem exemplarischen Konflikt über die Frage, wie die Schweiz sich selbst darstellen wollte. Zwischen Ablehnung, Empörung und später Anerkennung entstand ein Werk, das historische Motive aufgriff, ohne sich einer gefälligen nationalen Bildsprache unterzuordnen.
In seiner reich bebilderten Publikation zeichnet der Kunsthistoriker Beat Stutzer den Wettbewerb, die Kontroversen und den komplexen Entstehungsprozess nach. Zugleich analysiert er das Wandbild formal und inhaltlich und zeigt, wie eigenständig Danioth mit den politischen und künstlerischen Strömungen seiner Zeit umging.
Zwischen Patriotismus und Avantgarde
Stutzer ordnet FUNDAMENTUM sowohl in den Kontext der Geistigen Landesverteidigung als auch in die europäischen Kunstströmungen der Zwischenkriegszeit ein. Dadurch wird sichtbar, wie vielschichtig Danioths Wandbild ist: nationales Symbol, künstlerische Provokation und eigenständiges Werk der Moderne zugleich.
Die Publikation verfolgt zudem die wechselvolle Rezeption des Werks. Aus dem umstrittenen Entwurf wurde im Lauf der Jahrzehnte ein Klassiker – und aus dem einstigen Skandal ein fester Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Schweiz.
Heinrich Danioth digital entdecken
Heinrich Danioth war weit mehr als der Schöpfer von FUNDAMENTUM. Der Urner Künstler arbeitete als Maler, Zeichner, Grafiker, Karikaturist, Bühnenbildner, Theaterautor und Dichter. Sein vielseitiges Werk lässt sich auf der interaktiven Plattform Danioth Digital entdecken. Sechs digitale Räume führen durch sein Leben, sein künstlerisches Schaffen und die Zeitgeschichte, die ihn prägte. (Siehe dazu den Artikel von arttv.ch unter «Beiträge im Kontext»)
danioth-digital.ch
