Liebe, Macht, Eifersucht, Verrat und Rache – die grossen Geschichten der griechischen Mythologie über Götter, Göttinnen und menschliche Schicksale wurden über Jahrhunderte vor allem von Männern erzählt und interpretiert. Was geschieht, wenn Frauen diese vertrauten Bilder aus ihrer eigenen Perspektive neu deuten? Die Ausstellung «Mythos – neu gedacht» im Hans Erni Museum Luzern hinterfragt überlieferte Rollenbilder, rückt bislang vernachlässigte Perspektiven ins Zentrum und zeigt, wie eng antike Vorstellungen von Macht und Geschlecht mit unserer Gegenwart verbunden sind.
ALTE MYTHEN, NEUE HELDINNEN - 24 Künstlerinnen im Hans Erni Museum
Antike Mythen aus weiblicher Perspektive neu betrachtet und kritisch in zeitgenössische Kunst übersetzt.
Hinter der Ausstellung: «Mythos – neu gedacht» ist eine Zusammenarbeit des Hans Erni Museums Luzern mit der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen (SGBK), Sektion Bern/Romandie, die sich seit vielen Jahren für die Gleichstellung von Frauen im Kunstbetrieb einsetzt. Kuratiert wird die Ausstellung von Ursula Meier, Präsidentin der SGBK-Sektion Bern/Romandie, und Dr. Heinz Stahlhut vom Hans Erni Museum. Die Hans Erni-Stiftung unterstützt die Ausstellung.
Beteiligte Künstlerinnen: Beatrice Bader, Ruth Baettig, Claudia Bucher, Krystyna Diethelm, Cornelia Egli, Monika Feucht, Barbara Freiburghaus, Elisabeth Fux, Selina Gaillard, Barbara Gut, Brigitte Haas, Alexandra Haeberli, Barbara Henning Marques, Karin Hofer, Patricia Jacomella Bonola, Christine Jenzer-Montet, Anne-Christine Kalbermatten, Monika Loeffel, Marina Ortelli, Maria Petrushina, Ruth Righetti, Verena Romanens, Sabina Schwaar und Cecile Stadelmann.
Wem gehören die grossen Geschichten?
Ob Zeus, Aphrodite, Ikarus oder Medusa: Die Figuren der griechischen Mythologie haben die europäische Kunst über Jahrhunderte geprägt. Doch hinter den vermeintlich zeitlosen Erzählungen verbergen sich auch gesellschaftliche Vorstellungen davon, wer Macht ausüben darf, wer bewundert wird und wer sich unterordnen muss. Medusa etwa gilt bis heute als schreckliches Ungeheuer, obwohl ihre Geschichte auch die einer Frau ist, die Gewalt erfährt und dafür bestraft wird. Solche Widersprüche bieten reichlich Stoff für eine künstlerische Neubefragung. Die 24 beteiligten Künstlerinnen greifen mythologische Motive auf, hinterfragen tradierte Deutungen und suchen nach eigenen Ausdrucksformen. Dabei geht es nicht einfach darum, alte Geschichten neu zu illustrieren, sondern auch darum, die Vorstellungen und Wertvorstellungen offenzulegen, die in ihnen weiterleben.
Hans Erni und die Kraft der Mythen
Dass diese Auseinandersetzung im Hans Erni Museum stattfindet, ist kein Zufall. Hans Erni (1909–2015) beschäftigte sich während seines langen Künstlerlebens immer wieder mit der antiken Mythologie. Seine Darstellungen von Göttern, mythologischen Figuren und menschlichen Körpern verbinden klassische Bildtraditionen mit einem modernen, humanistischen Weltbild. Für Erni waren die Mythen keine blossen Relikte vergangener Kulturen, sondern Sinnbilder grundlegender menschlicher Erfahrungen. Die Ausstellung schlägt eine Brücke zwischen dieser Bildwelt und heutigen künstlerischen Positionen. Dabei entsteht ein Perspektivenwechsel: Was Erni als Ausdruck allgemein menschlicher Ideale verstand, lässt sich heute auch kritisch auf seine gesellschaftlichen und geschlechtsspezifischen Vorstellungen hin befragen. Das Hans Erni Museum wird dadurch zum Ort einer lebendigen Auseinandersetzung mit dem eigenen künstlerischen Erbe.
Alte Geschichten, neue Fragen
Mythen haben die Zeiten überdauert, weil sie immer wieder neu erzählt, verändert und den Vorstellungen ihrer jeweiligen Gegenwart angepasst wurden. Die beteiligten Künstlerinnen machen deutlich, dass überlieferte Bilder keine unverrückbaren Wahrheiten sind. Sie können hinterfragt, umgedeutet und mit neuen Erfahrungen verbunden werden. Interessant ist dabei die Frage, weshalb bestimmte Figuren über Jahrhunderte als Held:innen verehrt, andere dagegen zu Nebenfiguren oder gar Monstern erklärt wurden. «Mythos – neu gedacht» fordert dazu auf, vertraute Geschichten nicht einfach als gegeben hinzunehmen. Denn wer ihre scheinbaren Gewissheiten hinterfragt, entdeckt darin womöglich genauso viel über die heutige Gesellschaft wie über die Welt der Antike.
