Was bleibt dem Menschen, wenn ihm Freiheit, Sicherheit und Selbstbestimmung genommen werden? Und woher kommt die Zuversicht, dass eine andere Zukunft möglich ist? Diesen Fragen geht Anna Jermolaewa in ihrer Ausstellung RADICAL HOPE nach. Die Künstlerin verbindet persönliche Erinnerungen mit politischen und gesellschaftlichen Themen, ohne dabei in Betroffenheit oder moralische Belehrung zu verfallen. Stattdessen setzt sie auf präzise Beobachtungen, überraschende Perspektiven und gelegentlich auch auf Humor.
ANNA JERMOLAEWA – Hoffnung ist Widerstand
Die Einzelausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein zeigt, wie selbst unter widrigsten Umständen Zuversicht und Menschlichkeit bewahrt werden können.
ZUR KÜNSTLERIN – Anna Jermolaewa
Anna Jermolaewa wurde 1970 in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren. Als Mitglied der oppositionellen Demokratischen Union geriet sie ins Visier des sowjetischen Regimes und floh 1989 über Polen nach Wien, wo sie seither lebt und arbeitet. Ihre Erfahrungen mit politischer Verfolgung, Flucht und Exil prägen ihr künstlerisches Schaffen. Seit 2018 ist sie Professorin für Experimentelle Kunst an der Kunstuniversität Linz. Internationale Aufmerksamkeit erlangte sie insbesondere 2024, als sie Österreich an der Biennale von Venedig vertrat. Ihre Werke befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Stedelijk Museum Amsterdam, des mumok Wien und des Belvedere Wien.
Kreativität bewahren
Anna Jermolaewas Arbeiten erzählen von Macht und Manipulation, aber ebenso von Solidarität und menschlicher Widerstandskraft. Das Kunstmuseum Liechtenstein präsentiert nun eine umfassende Einzelausstellung mit zahlreichen eigens für Vaduz entstandenen Werken. Besonders eindrücklich ist das neue MUSEUM OF RADICAL HOPE (2026). Über Jahre sammelte Jermolaewa kleine Gegenstände, die Gefangene in sowjetischen Gefängnissen hergestellt hatten: Kämme, Handspiegel, Türgriffe oder Feuerzeughüllen. Manche entstanden aus Brot, andere aus industriellen Abfallmaterialien. Es sind unscheinbare Objekte von handwerklicher Qualität, die davon erzählen, wie Menschen selbst unter menschenunwürdigen Bedingungen ihre Kreativität bewahren. Einen anderen Zugang eröffnet die Werkserie LAST SEEN SINCE 1970. Darin porträtiert Jermolaewa Tierarten, die als ausgestorben gelten. Ergänzt werden die Zeichnungen durch Filmaufnahmen aus einem Artenschutzzentrum auf der Kanalinsel Jersey. Die Verbindung zwischen politischen Gefangenen und bedrohten Tieren mag ungewöhnlich erscheinen. Doch beide Werkgruppen kreisen um dieselbe existenzielle Frage: Was lässt sich bewahren, wenn die eigene Welt zu verschwinden droht?
Die Vergangenheit ist nicht vorbei
Auch die Auseinandersetzung mit Flucht und Solidarität nimmt breiten Raum ein. Jermolaewa begab sich auf die Spuren der Widerstandskämpferin Lisa Fittko, die während des Zweiten Weltkriegs Verfolgten über die Pyrenäen zur Flucht verhalf. Zu ihnen gehörte der Philosoph Walter Benjamin. In einer weiteren Arbeit begegnet die Künstlerin erneut Aleksandra Wysokińska, jener Frau, die ihr einst bei der Flucht nach Österreich geholfen hatte. Solche Wiederbegegnungen machen deutlich, dass Geschichte für Jermolaewa nichts Abgeschlossenes ist. Sie wirkt in der Gegenwart weiter und verändert mit jeder neuen Begegnung ihre Bedeutung. Der Ausstellungstitel geht auf den Philosophen Jonathan Lear zurück, der die Frage stellte, wie Menschen angesichts des Zusammenbruchs ihrer vertrauten Welt überhaupt noch an eine Zukunft glauben können. Jermolaewas Antwort ist weder sentimental noch weltfremd. Ihre Kunst zeigt, dass Hoffnung nicht bedeutet, die Realität zu beschönigen, sondern ihr etwas entgegenzusetzen. Darin liegt die besondere Aktualität dieser Ausstellung.
