Rezensionen
«Until Tomorrow» von Ali Asgari

Until Tomorrow

Ein spannungsgeladenes und mitreissendes Drama um eine alleinerziehende junge Mutter im Iran

Um ihr uneheliches Kind vor ihren Eltern zu verstecken, irrt Fereshteh einen Tag lang durch die Stadt auf der Suche nach einem Platz für ihr Baby. Die alleinerziehende Mutter steht für eine junge Generation, die anfängt, die Regeln des Regimes und die einer traditionellen Gesellschaft infrage zu stellen. Ein eindringliches Filmwerk, das ein Schlaglicht auf die Stellung der Frau in der iranischen Gesellschaft wirft.

Until Tomorrow | Synopis

Fereshteh studiert und arbeitet in einer Druckerei in Teheran und hat ein zwei Monate altes Baby, von dem ihre Eltern nichts wissen. Als diese kurzfristig ihren Besuch ankündigen, muss Fereshteh für eine Nacht einen Platz für ihr uneheliches Kind finden. Was ganz einfach lösbar scheint, entwickelt sich bald zu einem schwierigen Unterfangen. Fereshtehs schlagfertige Freundin Atefeh bietet ihr ihre Unterstützung an, doch ihre anschliessende Odyssee durch die Stadt zeigt den beiden nur, wie begrenzt ihre Möglichkeiten sind. In einer Gesellschaft, die nicht jedem die gleichen Rechte gewährt, müssen die jungen Frauen ihre Verbündeten sorgfältig auswählen.

Until Tomorrow | Weitere Stimmen

«‹Until Tomorrow› zeigt deutlich, wie in Gesellschaften, in denen Kontrolle und Argwohn herrschen, jeder Hilferuf ein Risiko darstellt.» – Lee Marshal, Screen Daily | «Eine turbulente Reise durch das Leben einer jungen Single-Mutter im Iran. Anhand der sympathischen jungen Protagonistin zeigt der Film viele Konflikte der jüngeren Generationen im Iran. Auch wenn ihm die Dramaturgie oder moralische Ambivalenz wie in Asghar Farhadis Oscargewinner «The Salesman» fehlt, dürfte «Until Tomorrow» dennoch ein Publikum finden, das sich auf diese knappe, aber effektive emotionale Reise einlässt.» – Moira Frassanito, Out Now | «Das eigentliche Highlight des Films ist Sadaf Asgari, die ihre grossartigen schauspielerischen Fähigkeiten vor allem im späteren Verlauf des Films unter Beweis stellt und uns davon überzeugt, dass der Kampf ihrer Figur auch unser eigener Kampf ist, was Until Tomorrow zu einem der intensivsten Seherlebnisse des Jahres 2022 macht.» – Marko Stojiljković, Cineuropa

Der im Iran geborene Ali Asgari ist ein prominenter iranischer Filmemacher, der bereits über 200 Auszeichnungen erhalten hat. Zwei seiner Kurzfilme wurden für die Goldene Palme beim Festival de Cannes nominiert und «The Baby» lief im Kurzfilmwettbewerb des Filmfestivals von Venedig 2014. Ali Asgaris Filme handeln von Menschen in prekären Lebenssituationen, die in seinem Heimatland Iran am Rande der Gesellschaft leben. Sein Debütfilm «Disappearance» wurde im Rahmen der Cinefondation Residency des Festival de Cannes entwickelt und feierte seine Welt- und Nordamerika-Premiere beim Venice International Film Festival und beim Toronto Film Festival 2017. Er ist Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, und «Until Tomorrow» ist sein zweiter Spielfilm.

Rezension

von Doris Senn

Wohin mit dem Baby?

Die alleinerziehende Fereshteh sucht Unterschlupf für ihr Kleines. Ihre Eltern, die auf dem Land leben und unverhofft nach Teheran zu Besuch kommen, wissen nichts vom Kind (und das soll so bleiben). So versucht Fereshteh in aller Eile, in der Nachbarschaft und bei Bekannten die Koffer mit Babysachen und vor allem das Baby unterzubringen. Doch die eine Nachbarin muss erst ihren Mann fragen, die andere hat keinen Platz in ihrer kleinen Wohnung, und eine Freundin, die zugesagt hatte, wird aus ihrer Anwaltskanzlei von der Polizei abgeführt …

Brillante Hauptdarstellerin und grossartige Kamera

In bester iranischer Filmtradition und der für sie typischen Mélange von Fiktion und Dokumentarfilm («Wo ist das Haus meines Freundes», «Taxi Teheran», «A Hero») geht «Until Tomorrow» von einem unscheinbaren Geschehnis aus, das sich in einer Verkettung von weiteren Geschehnissen zum Drama auswächst, das zugleich entlarvende Einblicke in die iranische Gesellschaft gibt. Ali Asgari, der mit «Until Tomorrow» seinen zweiten Langfilm präsentiert, erzählt in langen, ungeschnittenen Takes, eng mit der Protagonistin verbunden (Kamera: Roozbeh Raiga), deren Odyssee und macht in feiner Suspense die drängende Zeit bis zur Ankunft der Eltern spürbar. Bewusst verzichtete der Regisseur auf jegliche Musik: «Die Stadt mit ihren Geräuschen ist Partitur genug», meint er. Auch wurden nur wenige Szenen mit den Darsteller:innen geprobt, Asgari zählte auf deren intensive Identifikation mit den Figuren im Moment des Schauspiels. Die Rolle von Fereshteh schrieb er bereits mit der Besetzung im Kopf: Sadaf Asgari, seine Nichte, die schon in seinem Debüt, «Desappearance», brillierte. In einem Schlüsselmoment von «Until Tomorrow», im Taxi spätnachts, nur mit dem Schnuller in Händen, ziehen auf ihrem Gesicht die Emotionen vorüber – Beklemmung, Verzweiflung und Not, alles bricht in stiller Traurigkeit aus ihr heraus.

Eingeholt von der Realität

«Until Tomorrow» macht nicht zuletzt deutlich, wie sich die patriarchale Gesellschaftsordnung, die Willkür und Skrupellosigkeit des herrschenden Regimes bis in die Kapillaren des Zusammenlebens auswirkt. Nur wenige Menschen haben den Mut zu menschlicher Hilfestellung und solidarischem Handeln – etwa die selbstlose Freundin Atefeh (grossartig: Ghazal Shojaei) oder ein mutiger Krankenwagenfahrer, der zu helfen bereit ist: Sie liefern Hoffnungsschimmer in einem ansonsten düsteren Gegenwartsbild.

Fazit: «Until Tomorrow» stellt dar, wie die Gesellschaft im Iran von Repression geprägt ist, die gerade zulasten der Frauen geht – zeigt aber auch Anzeichen von Aufbruch. Unspektakulär, spannend und augenöffnend. Gerade jetzt.

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