Thomas Imbach über seine Neuinterpretation von Arthur Schnitzlers «Fräulein Else», die Aktualität sexueller und moralischer Erpressung, die innere Perspektive seiner Hauptfigur Lili sowie über formale Entscheidungen wie Virtual Production und analogen 16-mm-Film, mit denen er Macht, Abhängigkeit und weibliche Selbstbestimmung filmisch erfahrbar macht.
Thomas Imbach | NACKTGELD
- Publiziert am 6. Januar 2026
«Die ganze Macho-Logik, dieses ewige Macht- und Reviergehabe, geht mir ehrlich gesagt ziemlich auf den Sack.»
Mit Thomas Imbach sprach Felix Schenker, Chefredaktor arttv.ch
Was hat dich dazu bewegt, Schnitzlers «Fräulein Else» heute neu zu erzählen – was macht die Geschichte gerade jetzt so brisant?
Beim Lesen hatte ich sofort einen Film im Kopf, ganz nah an Lilis innerer Welt. Da hat es mich getriggert, die Geschichte filmisch modern umzusetzen. Lili kommt in eine Situation, in der ihr Körper plötzlich als Gegenleistung im Raum steht, um die Schulden der Familie zu tilgen. Diese Verschiebung – von Hilfe zu sexueller Gegenleistung – passiert auch heute noch, nur oft subtiler.
Warum heisst in deinem Film Else Lili?
Else ist die altmodische Kurzform von Elisabeth und Lili die moderne.
Du hat für NACKTGELD mit «Virtual Production»-Technik gearbeitet. Was passiert da genau am Set, und warum war das für NACKTGELD die richtige Wahl?
Die Schauspieler:innen agieren vor einer Leinwand, auf der die Schauplätze projiziert werden; wir haben den ganzen Film im Studio vor Rückprojektionen gedreht. Das ist in der Vorbereitung sehr aufwändig und bringt einige Einschränkungen mit sich, aber es hat mir ermöglicht, die Verschmelzung von Realität und Vorstellung auf eine originelle Weise sichtbar zu machen.
Lili steht in NACKTGELD unter enormem Druck: zwischen familiärer Verantwortung, gesellschaftlicher Moral und einem übergriffigen Angebot. Was fasziniert dich an ihr als Figur – und wie hast du ihre innere Stärke sichtbar gemacht, obwohl sie gleichzeitig so verletzlich ist?
Lilis leidenschaftliche Art hat mich schon beim ersten Lesen gepackt. Sie lässt sich nicht brechen und sucht immer wieder einen eigenen Weg. Sichtbar wird das vor allem durch das Spiel von Deleila Piasko, die diese Balance zwischen Widerstand und Zerbrechlichkeit sehr präzise trägt.
Lili soll die Familie retten – und zahlt dafür mit ihrer Würde. Ist sie eher klassische «Opferfigur», oder eine Heldin wider Willen?
Für mich ist sie weder Opfer noch Heldin. Lili wird in ein Spiel gedrängt, aus dem es keinen richtigen Ausweg gibt und versucht trotzdem, Verantwortung zu übernehmen. Ihre Entscheidungen sind widersprüchlich: Man kann sie verstehen und gleichzeitig hinterfragen. Gerade das macht ihre Präsenz so intensiv.
Die moralische Erpressung im Zentrum des Films wirkt erschreckend zeitgenössisch. Welche gesellschaftlichen Parallelen waren dir besonders wichtig?
Mich interessiert diese stillere Form von Macht: Sie operiert über Abhängigkeiten und unausgesprochene Erwartungen und erzeugt Momente, in denen es keinen guten Ausweg gibt. In so einem Klima wurde #MeToo sichtbar und daran hat sich bis heute wenig geändert.
Macht, Identität, gesellschaftlicher Druck – Themen, die sich auch durch deine früheren Filme ziehen. Wie entwickelt sich das in NACKTGELD weiter?
Für mich ist es eine Weiterentwicklung; weg von der Beobachtung von aussen, hin zu einem intensiven Eintauchen in die innere Krise einer Figur.
Gibt es einen Moment im Film, der für dich den Kern der Geschichte trägt – den Augenblick, in dem alles kippt?
Ja klar, in dem Moment, in dem Lili den verstörenden Brief ihrer Mutter erhält, setzt ein innerer Film ein, der nicht mehr zum Stillstand kommt.
Wie hast du deine Schauspieler:innen durch diese emotionalen Grenzbereiche geführt – was war dir im Umgang mit ihnen besonders wichtig?
In der beengten Studiosituation wollte ich den Schauspieler:innen möglichst viel Spielraum geben, wirklich einzutauchen. Deshalb habe ich die technischen Einschränkungen immer wieder ausgereizt, um Einstellungen von bis zu zwei Minuten am Stück spielen zu lassen.
Du arbeitest häufig mit starken Frauenfiguren. Was reizt dich an weiblicher Selbstbestimmung – und an ihrem Preis?
Ich fühle mich Frauen in vielen Dingen näher. Sie interessieren mich einfach mehr. Die ganze Macho-Logik, dieses ewige Macht- und Reviergehabe, geht mir ehrlich gesagt ziemlich auf den Sack. Frauen überraschen mich. Sie finden andere Wege, sie kämpfen anders.
Nochmals zurück zur Technik: Du kombinierst analogen 16-mm-Film mit einer hochmodernen «Virtual Production»-Arbeitsweise. Dieser Kontrast zwischen körniger Körperlichkeit und digital generierten Räumen ist ungewöhnlich. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Für mich gab es zwei Gründe für 16 mm: Die analoge Körnung verbindet Vorder- und Hintergrund im Studio organischer als jedes superhochauflösende Digitalbild. Und die Arbeitsweise mit der analogen Kamera setzt einen produktiven Kontrast zur Hightech-Virtual-Production. Du kannst nicht jeden Take sofort kontrollieren, die Bilder kommen erst am nächsten Tag aus dem Labor. Das erfordert viel Konzentration und Vertrauen.
Thomas Imbach, vielen Dank für das Gespräch.
