In THE NORTH von Bart Schrijver wird eine 600 Kilometer lange Wanderung durch die schottischen Highlands zur stillen Zerreissprobe zweier Männer, die einst unzertrennlich waren. Zwischen atemberaubender Natur und schmerzhaften Erinnerungen entfaltet sich ein radikal entschleunigtes Drama über Freundschaft, Distanz und die Frage, ob sich verlorene Nähe jemals zurückgewinnen lässt.
THE NORTH – 600 Kilometer Freundschaft
THE NORTH | SYNOPSIS
Lluis und Chris sind langjährige Freunde und wagen eine spektakuläre Wanderung entlang des West Highland Way und des Cape Wrath Trail. In der Hoffnung, ihre einst so starke Freundschaft wiederzubeleben, verbringen sie 30 Tage gemeinsam in der Natur. Doch während Chris mit Gedanken an Arbeit und das Leben zu Hause beschäftigt bleibt, ist Lluis fest entschlossen, die Strecke zu Ende zu gehen.

THE NORTH | REZENSION
Für uns gesehen hat den Film Walter Gasperi
AUFREGEND UNSPEKTAKULÄR
Plätschernder Regen, schwere Schritte, pfeifender Wind und zwei Freunde, die abends im Zelt Uno spielen: Bart Schrijver braucht nicht viel, um das Publikum für 131 Minuten in die schottischen Highlands mitzunehmen. THE NORTH ist ein aufregend unspektakulärer Film, der auf dramatische Ereignisse, erklärende Rückblenden und konstruierte Nebenhandlungen verzichtet. Stattdessen konzentriert er sich ganz auf das Wandern – und darauf, was ein langer gemeinsamer Weg mit einer Freundschaft macht.
Chris und Lluis unterscheiden sich nicht nur in ihrem Tempo. Chris bleibt über das Smartphone mit seiner Arbeit, seiner Freundin und der Welt ausserhalb der Highlands verbunden. Lluis möchte dagegen jeden Kontakt vermeiden, vertraut auf analoge Landkarten und scheint die Wanderung möglichst konsequent hinter sich bringen zu wollen. Während Chris Umwege zu Wasserfällen und Aussichtspunkten vorschlägt, zählt für Lluis vor allem das Ziel.
Schrijver stellt diese Gegensätze nie demonstrativ aus. Die Spannungen entstehen beiläufig: durch kleine Bemerkungen, längeres Schweigen, unterschiedliche Erwartungen und die zunehmende Erschöpfung. Gerade weil der Film seine Figuren nicht psychologisch erklärt, wirken sie glaubwürdig. Was zwischen ihnen liegt, zeigt sich weniger in grossen Geständnissen als in der Art, wie sie nebeneinander gehen.
WANDERN STATT HANDLUNG
Im Gegensatz zu Filmen wie WILD oder THE SALT PATH benötigt THE NORTH keine dramatische Vorgeschichte, um dem Unterwegssein Bedeutung zu verleihen. Die Wanderung ist hier nicht bloss eine Metapher oder die Kulisse für eine grössere Geschichte. Sie ist die Geschichte.
Man sieht Chris und Lluis beim Aufbau des Zelts im Sturm, beim Kochen mit dem Gaskocher, bei der Suche nach einem Schlafplatz oder beim mühsamen Weitergehen durch weglose Heidelandschaften. Begegnungen mit anderen Wanderbleiben flüchtig. Menschen tauchen auf, teilen für kurze Zeit denselben Weg und verschwinden wieder.
Ein älterer Mann bringt den Kern des Films dennoch auf den Punkt: Kaum etwas lasse die Wahrheit über einen Menschen so deutlich hervortreten wie eine lange Zeit in der Natur. Schrijver macht aus diesem Gedanken aber keine Botschaft, sondern lässt ihn durch die Dauer und die Wiederholungen des Wanderns erfahrbar werden.
FAST WIE EIN DOKUMENTARFILM
THE NORTH entwickelt einen beinahe dokumentarischen Gestus. Filmmusik fehlt über weite Strecken. Stattdessen hört man das Knirschen der Steine, das Rauschen des Meeres, den Regen auf der Zeltplane und den immer schwerer werdenden Atem der Wanderer.
Für die Dreharbeiten legten die Schauspieler einen grossen Teil der Strecke tatsächlich zurück, begleitet von einem kleinen Team. Das verleiht dem Film eine körperliche Unmittelbarkeit. Die Erschöpfung wirkt nicht gespielt, und die Landschaft erscheint nicht als romantische Projektionsfläche, sondern als reale Herausforderung.
Kameramann Twan Peeters findet eindrucksvolle Bilder, ohne die Highlands zur Postkarte zu machen. Fast nie scheint die Sonne. Wolken, Schlamm, Wind, Regen und Mückenschwärme bestimmen den Weg ebenso sehr wie die Weite der Landschaft. Ihre Schönheit und ihre Rauheit sind nicht voneinander zu trennen.
DIE HEILENDE KRAFT DES GEHENS
Erst gegen Ende wird deutlicher, welche inneren Verletzungen Chris und Lluis mit sich tragen. Getrennt voneinander schreien sie am Meeresstrand ihre Wut und ihre Trauer heraus. Diese Momente wirken beinahe wie ein Bruch mit der bisherigen Zurückhaltung, bleiben aber frei von grossen Erklärungen.
Vor allem Lluis scheint sich danach zu verändern. Er nimmt wieder Kontakt zu seiner Familie auf und beginnt, nicht mehr nur das Ziel, sondern auch die Landschaft wahrzunehmen. Das Wandern löst seine Probleme nicht. Es schafft aber einen Raum, in dem etwas in Bewegung geraten kann.
Am Schluss greifen die beiden Männer erneut zu den Uno-Karten. Nun setzt auch Musik ein. Dennoch bleibt das Ende so lakonisch und unaufgeregt wie der ganze Film.
FAZIT
THE NORTH vertraut auf die Kraft des Einfachen: zwei Menschen, einen langen Weg und eine Landschaft, die nichts erklärt und dennoch vieles sichtbar macht. Bart Schrijver erzählt von Freundschaft, Entfremdung und innerer Erschöpfung, ohne daraus ein konventionelles Drama zu formen. Gerade in seiner Konsequenz, Reduktion und Ruhe liegt die aussergewöhnliche Qualität dieses grossartigen Wanderfilms.
